22. Oktober 2025, 13:17 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
2020 wurde in Deutschland die erste Infektion mit dem neuartigen Coronavirus registriert. Kurz darauf breitete sich SARS-CoV-2 weltweit aus – mit dramatischen Folgen für das Gesundheitswesen und das tägliche Leben. Schon früh fiel auf, dass viele Infizierte ihren Geruchs- oder Geschmackssinn verloren. Während einige den Verlust nur wenige Wochen spürten, berichteten andere von deutlich längeren Einschränkungen. Fünf Jahre später stellt sich die Frage: Wie viele Menschen leiden noch immer unter Spätfolgen – auch wenn sie diese selbst gar nicht bemerken? Genau das hat eine große US-Studie untersucht. Sie zeigt: Selbst zwei Jahre nach der Infektion ist der Geruchssinn bei vielen Menschen noch messbar gestört. Und viele bekommen davon gar nichts mit.
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Was wurde untersucht – und warum?
Schon in der Frühphase der Pandemie galt der Verlust des Geruchssinns als typisches Corona-Symptom. Viele Menschen berichteten, dass dieser Sinn nach einigen Wochen zurückkam. Doch wie dauerhaft und wie verbreitet diese Störung wirklich ist – vor allem bei Menschen, die keine Beschwerden bemerken – war bisher unklar.
Ziel der neuen Studie war deshalb, objektiv zu messen, wie viele Menschen auch lange nach einer Infektion noch unter einem eingeschränkten Geruchssinn leiden – und wie stark. Außerdem wollten die Forscher wissen, ob es Unterschiede zwischen Personen mit und ohne bewusstem Geruchsverlust gibt. Auch ein möglicher Zusammenhang zwischen Geruchsstörung und kognitiven Problemen wie Konzentrationsschwierigkeiten („brain fog“) wurde untersucht.
Wie wurde die Studie durchgeführt?
Die Studie ist Teil des US-amerikanischen Forschungsprojekts „RECOVER-Adult“, das von den National Institutes of Health (NIH) unterstützt wird. Zwischen Oktober 2021 und Juni 2025 wurden insgesamt 3.525 Erwachsene an 83 Standorten in den USA untersucht – rund 2.950 davon hatten eine Corona-Infektion hinter sich, rund 570 galten als nicht infiziert.
Alle Teilnehmer machten den sogenannten UPSIT-Test: Der Geruchstest, bei dem 40 verschiedene Gerüche erkannt und richtig benannt werden müssen, gilt als weltweit anerkanntes Verfahren zur Messung des Geruchssinns. Ausgewertet wird nach Alter und Geschlecht, da diese Faktoren die Geruchsleistung beeinflussen. Entwickelt wurde er an der University of Pennsylvania – UPSIT steht für University of Pennsylvania Smell Identification Test.
Die Forscher befragten die Teilnehmer zusätzlich, ob sie Veränderungen im Geruchs- oder Geschmackssinn bemerkt hatten. Sie erfassten auch mögliche Konzentrationsprobleme. Außerdem schlossen die Forscher Menschen mit bereits bekannten Geruchsstörungen oder chronischen Nasenerkrankungen von der Studie aus, damit sie die Ergebnisse eindeutig auf eine Corona-Infektion zurückführen konnten. Die Ergebnisse wurden nun in der Fachzeitschrift „Otolaryngology“ veröffentlicht.1
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Viele bemerken ihre Geruchsstörung nicht – doch sie ist messbar und weit verbreitet
Die Ergebnisse sind deutlich – und teilweise überraschend:
- 1.111 von 1.393 infizierten Personen, die selbst über Geruchsprobleme berichteten, hatten auch beim Test eine messbare Geruchsstörung (sogenannte Hyposmie, also eine eingeschränkte Geruchswahrnehmung). Das entspricht rund 80 Prozent.
- Bei 321 dieser Personen wurde sogar eine schwere Störung oder vollständiger Geruchsverlust festgestellt (Anosmie), also etwa 23 Prozent.
- Auch unter den 1.563 Infizierten ohne subjektive Beschwerden zeigten 1.031 Personen eine Geruchsstörung – das sind etwa 66 Prozent.
- Selbst bei den 560 nicht infizierten Personen ohne Beschwerden lag bei 336 Teilnehmern eine Hyposmie vor – also rund 60 Prozent.
Das bedeutet: Viele Menschen haben gar nicht bemerkt, dass ihr Geruchssinn eingeschränkt ist – das Problem bleibt oft unentdeckt, obwohl es messbar ist.
Auch die Leistung beim Geruchstest war unterschiedlich:
Infizierte mit Beschwerden erreichten im Durchschnitt den 16. Perzentilwert – das heißt: 84 Prozent der gleichaltrigen Personen schnitten besser ab. Bei den Infizierten ohne Beschwerden lag der Durchschnitt beim 23. Perzentil, also ebenfalls deutlich unter dem Durchschnitt. Besonders auffällig: Jüngere Frauen zeigten oft die niedrigsten Werte.
Geruchsstörungen können mit Konzentrationsproblemen zusammenhängen
Die Studie fand auch Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Geruchsstörungen und kognitiven Beschwerden wie Konzentrations- oder Gedächtnisproblemen.
- Unter den Infizierten mit Geruchsstörung berichteten 921 von 1.393 Personen über Konzentrationsprobleme – also rund 66 Prozent.
- Auch ein spezieller Fragebogen zur geistigen Leistungsfähigkeit (Neuro-QoL) zeigte bei dieser Gruppe im Durchschnitt niedrigere Werte als bei Personen ohne Geruchsstörung.
Das legt nahe: Eine Corona-bedingte Beeinträchtigung des Geruchssinns könnte auch das Gehirn betreffen – oder zumindest ein Frühwarnzeichen für neurologische Langzeitfolgen sein.
Bestimmte Gerüche werden besonders schlecht erkannt
Personen mit stark eingeschränktem Geruchssinn konnten einige Gerüche besonders schlecht erkennen, zum Beispiel Zitrone, Gras, Lakritz oder Wassermelone. Das betrifft sowohl angenehme als auch neutrale oder unangenehme Gerüche. Anders als bei Parkinson, wo vor allem unangenehme Gerüche betroffen sind, zeigt sich nach einer Corona-Infektion ein breiteres Störungsmuster.
Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass bei Covid-19 andere Hirnregionen betroffen sind als bei neurodegenerativen Erkrankungen.
Wie aussagekräftig ist die Studie?
Die Studie gehört zu den bisher größten Untersuchungen weltweit zur Geruchsstörung nach einer Corona-Infektion. Sie ist besonders zuverlässig, weil:
- … nicht nur Personen mit Beschwerden, sondern auch beschwerdefreie Teilnehmer getestet wurden.
- … der Test objektiv und standardisiert ist.
- … und auch nicht infizierte Personen als Vergleichsgruppe einbezogen wurden.
Warum hält der Geruchsverlust nach einer Corona-Infektion so lange an?
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Welche Einschränkungen gibt es?
Natürlich hat die Studie auch Grenzen:
- Geschmacksstörungen und Phantomgerüche (man nimmt Gerüche wahr, die in der Realität nicht vorhanden sind, Fachbegriff: Phantosmie) wurden nicht erfasst.
- Kopfverletzungen als mögliche Ursache für Geruchsstörungen wurden nicht systematisch abgefragt.
- Die kognitiven Tests wurden nur bei Personen mit selbstberichteten Beschwerden durchgeführt – dadurch ist ein vollständiger Vergleich nicht möglich.
- Manche vermeintlich nicht infizierte Personen könnten unbemerkt doch Corona gehabt haben – etwa bei asymptomatischen Verläufen.
Ein weiterer Punkt betrifft die Finanzierung der Studie: Sie wurde von den US-amerikanischen National Institutes of Health gefördert – also von einer öffentlichen Gesundheitsbehörde. Laut den Autoren hatte der Förderer keinen Einfluss auf Studiendesign, Datenauswertung oder Veröffentlichung. Die Ergebnisse wurden zudem im Rahmen eines unabhängigen Begutachtungsverfahrens (Peer Review) in einer renommierten Fachzeitschrift veröffentlicht. Eine Beeinträchtigung der wissenschaftlichen Unabhängigkeit ist daher nicht ersichtlich.
Trotz dieser Einschränkungen ist die Aussagekraft der Studie hoch – vor allem durch die große Teilnehmerzahl und die standardisierte Vorgehensweise.
UPSIT-Geruchstest kann in Nachsorge sinnvoll sein
Die Ergebnisse sprechen dafür, dass objektive Geruchstests wie der UPSIT in der Nachsorge nach einer Corona-Infektion sinnvoll sein können – auch wenn keine Beschwerden bestehen.
Ein dauerhaft eingeschränkter Geruchssinn kann die Lebensqualität deutlich verringern – etwa weil man Rauch, verdorbenes Essen oder Gas nicht wahrnimmt. Zudem könnte er ein Frühzeichen für spätere Konzentrations- oder Gedächtnisprobleme sein.
Fazit
Viele Menschen leiden auch zwei Jahre nach einer Corona-Infektion noch unter einem eingeschränkten Geruchssinn – oft ohne es zu wissen. Die Studie zeigt, dass eine Infektion mit SARS-CoV-2 häufig zu messbaren Geruchsstörungen führt, selbst bei Personen ohne Symptome.
Weil diese Einschränkungen auch mit Konzentrationsproblemen zusammenhängen können, sollte der Geruchssinn künftig stärker in der medizinischen Nachsorge beachtet werden – nicht nur bei Betroffenen mit Beschwerden.

