25. Oktober 2026, 9:37 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Zweimal im Jahr werden die Uhren umgestellt. Doch was bedeutet das eigentlich für unseren Körper? Satchin Panda, Professor am Salk Institute und einer der weltweit führenden Chronobiologen, beschäftigt sich seit Jahren mit unserer inneren Uhr und damit, wie sie auf Veränderungen des gewohnten Rhythmus reagiert. Im Interview mit mir erklärt er, welche Auswirkungen die Zeitumstellung auf unsere Gesundheit haben kann, ob die Sommer- oder Winterzeit besser zu unserem Körper passt und warum wir gerade abends dazu neigen, unvernünftige Entscheidungen zu treffen.
FITBOOK: In Europa wurde die Abschaffung der Zeitumstellung unter anderem mit gesundheitlichen Vorteilen begründet. Ist diese Verschiebung um eine Stunde zweimal im Jahr wirklich so schädlich?
Satchin Panda: „Besonders im Frühjahr, wenn die Uhr um eine Stunde vorgestellt wird, beobachten wir unter anderem eine Zunahme von Unfällen. Doch die Zeitumstellung hat noch weitere Folgen. Menschen verpassen Flüge oder Züge, und die Produktivität sinkt. Selbst wenn jemand dadurch nur an einem einzigen Tag weniger leistungsfähig ist, entspricht das über das Jahr gerechnet einem Produktivitätsverlust von etwa 0,5 Prozent. Gleichzeitig stagniert die globale Produktivität seit rund 18 Jahren. Die Frage ist also, ob wir uns mit der Zeitumstellung einen zusätzlichen, eigentlich vermeidbaren Verlust leisten wollen.“
In Europa wird bereits seit Jahren über die Abschaffung der Zeitumstellung diskutiert. Allerdings ist weiterhin umstritten, ob dauerhaft die Winter- oder die Sommerzeit gelten soll.
„Ein besonderes Problem ist Spanien. Wenn man sich den Längengrad anschaut, liegt das Land eigentlich in der Zeitzone von Großbritannien. Dennoch gilt dort die mitteleuropäische Zeit.“
Der Grund dafür liegt in der Vergangenheit: 1940 wurden die Uhren unter der Franco-Diktatur um eine Stunde vorgestellt. Die Änderung wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nicht rückgängig gemacht.
„Und deswegen essen die Spanier heute übrigens auch in der Regel sehr spät.“
Statt Zeitumstellung! »Wir könnten theoretisch wieder zu lokalen Zeiten zurückkehren
Was wäre aus Ihrer Sicht als Chronobiologe für Europa die bessere Lösung, Winter- oder Sommerzeit?
„Die Winterzeit ist die Standardzeit, und die meisten Menschen bevorzugen sie auch. Letztlich orientieren wir uns an der lokalen Sonnenzeit, also an Sonnenauf- und Sonnenuntergang. Die östlichen Ränder einer Zeitzone haben dabei klare Vorteile, weil sie die Sonne früher bekommen. Die westlichen Ränder hingegen leiden darunter, weil sie zeitlich hinterherhinken. Genau darin liegt die Herausforderung, wenn man versucht, große Landmassen willkürlich in einer einzigen Zeitzone zusammenzufassen. Deshalb würde ich gern eine ganz andere Idee ins Spiel bringen.“
Welche?
„Die Menschheit existiert seit etwa 140.000 bis 200.000 Jahren. Mit Zeitzonen experimentieren wir hingegen erst seit rund 170 Jahren. Sie waren sinnvoll, um industrielle Prozesse zu koordinieren. Davor galt überall die lokale Sonnenzeit. Es gibt also durchaus noch Spielraum für Verbesserungen. Mit moderner Computertechnik und KI könnten wir theoretisch wieder zu lokalen Sonnenzeiten zurückkehren, während Maschinen die notwendige Koordination übernehmen.“
Unabhängig von Zeitzonen und Uhren bleibt eines unbestritten: Das Leben auf der Erde orientiert sich noch immer größtenteils an der Sonne. Gibt es in dieser Dynamik auch einen zirkadianen Rhythmus für menschliche Beziehungen?
„Definitiv. Als Jäger und Sammler arbeiteten Menschen tagsüber. Am Abend kehrten sie zurück, machten Feuer und begannen zu backen oder zu grillen. Während das Essen zubereitet wurde, spielte Licht eine zentrale Rolle. Feuer war kostbar und schwer herzustellen. Es war nichts Privates, sondern etwas Gemeinschaftliches. Man saß zusammen, oft mit der erweiterten Familie, und verbrachte Zeit miteinander. Das Feuer hat unseren Tag verlängert. Dadurch entstand eine völlig neue Lebensweise. Der Tag war zum Arbeiten da, die Nacht zum Entspannen und für soziale Kontakte. Das ist bis heute tief in uns verankert.“
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Satchin Panda: »Unvernünftige Entscheidungen passieren eher gegen Ende des Tages
Warum fällt soziale Nähe eher in den Abend als in den Morgen?
„Soziale Verbundenheit ist häufig etwas Irrationales und Emotionales und hat nicht immer einen klaren Grund. Morgens sind wir meist rationaler und objektiver, mit einer stärkeren Fähigkeit zur Selbstkontrolle und zu zielgerichtetem Handeln. Im Laufe des Tages verschiebt sich das. Wir werden irrationaler, was aber für soziale Interaktion benötigt wird. Sie beruht auf vielen Entscheidungen, die nicht streng rational sind: diskutieren, singen, jemanden ansprechen, zu dem man sich hingezogen fühlt. Auch eher unvernünftige Entscheidungen, etwa zu viel zu trinken, gehören dazu. All das passiert typischerweise eher gegen Ende des Tages.“
Es gibt unserem Alltag das gewisse Etwas.
„Ich würde sagen, es ist die Würze des Lebens. Würden Ehepaare ausschließlich rational miteinander umgehen, hätte das etwas Roboterhaftes.“
Wenn wir schon über Abend und Nacht sprechen: Hat der Mond einen Einfluss auf unseren zirkadianen Rhythmus?
„Früher ja. Es gibt aber Studien, die zeigen, dass der Einfluss des Mondes heute deutlich geringer ist, weil wir dem Mondlicht kaum noch direkt ausgesetzt sind. Künstliches Licht überlagert diesen Effekt. Vor der elektrischen Beleuchtung hatten viele Frauen Menstruationszyklen, die entweder mit dem Vollmond oder mit dem Neumond synchronisiert waren. Besonders Vollmondnächte und die Tage davor waren früher etwas Besonderes. Ein Aspekt dabei war das Licht. In einer Vollmondnacht wurde weniger Feuer benötigt, man konnte sich draußen aufhalten oder einen kleinen Spaziergang machen, sofern es sicher war. Das förderte soziale Aktivität und machte Menschen gegen Ende des Tages noch emotionaler und irrationaler. Daher auch der Begriff des Lunatikers.“
Zur Person
Satchin Panda ist Professor am Salk Institute in Kalifornien und zählt zu den weltweit führenden Chronobiologen. Er erforscht, wie unsere innere Uhr den Stoffwechsel und den Schlaf beeinflusst und welche Rolle zeitlich begrenztes Essen (Intervallfasten) für die Gesundheit spielt. Panda ist außerdem Autor mehrerer Bücher, darunter „Der Zirkadian-Code – Erholsam schlafen, Gewicht reduzieren, gesund sein“.
Worauf achten Sie bei der Beleuchtung?
„Wir haben grundsätzlich sehr gedämpftes Licht, kaum helle Beleuchtung. Wenn ich gezielt Licht benötige, nutze ich Tisch- oder Nachttischlampen, die die Arbeitsfläche ausleuchten, aber nicht mein Gesicht. Dieses architektonische Konzept nennt sich Lichtschichtung. Man arbeitet mit indirektem Licht über Decken oder Wände und ergänzt es bei Bedarf durch sogenanntes Arbeitslicht, das nur einen bestimmten Bereich beleuchtet.“

