27. Oktober 2026, 9:52 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Adipositas betrifft Millionen Menschen in Deutschland und wird dennoch oft unterschätzt. Die Erkrankung geht weit über ein paar Kilo zu viel hinaus und kann zahlreiche gesundheitliche Folgen nach sich ziehen. Doch wie entsteht Adipositas eigentlich, und welche Rolle spielen die Gene bei dieser Form des krankhaften Übergewichts?
Aktuelle Zahlen des Robert Koch-Instituts zeigen, dass fast ein Fünftel der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland von Adipositas betroffen ist.1 Damit leiden rund 13 Millionen Menschen an der chronischen Erkrankung, die den Stoffwechsel, das Herz-Kreislauf-System und zahlreiche weitere Organe dauerhaft belastet. „Übergewicht ist eine tickende Zeitbombe für den Körper“, sagteProf. Matthias Blüher, Leiter der Adipositas-Ambulanz für Erwachsene am Uniklinikum Leipzig, im Rahmen des Vorsorgegipfels von BILD.
Wann spricht man von Adipositas?
Mediziner sprechen in der Regel ab einem Body-Mass-Index (BMI) von 30 von Adipositas.2 Der BMI ergibt sich aus dem Verhältnis von Körpergewicht und Körpergröße. Dabei spielt nicht allein das Gewicht eine Rolle. Vor allem Fettansammlungen im Bauchbereich gelten als problematisch. Das sogenannte viszerale Fett ist hormonell besonders aktiv und kann Entzündungsprozesse im Körper fördern.
Das Übergewicht ist die Folge gestörter Stoffwechselvorgänge
Noch immer hält sich die Vorstellung, Menschen mit Adipositas müssten lediglich weniger essen. Nach Einschätzung von Experten greift diese Sichtweise jedoch zu kurz. „Das stimmt nicht! Adipositas ist eine Erkrankung, die durch gestörte Fettstoffwechselvorgänge mitverursacht wird. Dann können sich Betroffene gegen ihren Appetit kaum noch wehren“, erklärt Prof. Blüher.
Dabei kann sogenannter „Food Noise“ eine wichtige Rolle spielen. Gemeint sind ständige Gedanken rund ums Essen, die das Essverhalten beeinflussen können.
Welche Rolle spielen die Gene?
Tatsächlich sind genetische Faktoren an vielen Adipositas-Fällen beteiligt. Nach Angaben von Experten gehen etwa die Hälfte aller Adipositas-Erkrankungen auf genetische Ursachen zurück. In den meisten Fällen wirken dabei Veränderungen mehrerer Gene zusammen. Das heißt, das Risiko, Adipositas zu entwickeln, ist teilweise buchstäblich angeboren.
Deutlich seltener steckt die Veränderung eines einzelnen Gens hinter der Erkrankung. Das betrifft weniger als ein Prozent der Fälle. Ein Beispiel ist das Leptin-Gen, dessen Veränderung zu starkem und kaum kontrollierbarem Hungergefühl führen kann. „Betroffene suchen sich die Erkrankung nicht aus. Und gleichzeitig steigt mit jedem Kilo Übergewicht das Risiko für lebensgefährliche Folgen“, warnt Prof. Blüher.
Ursachen, Symptome und Folgen von Adipositas
Übergewicht – Ursachen, Folgen und BMI erklärt
Adipositas bringt mehr als 200 Folgeerkrankungen mit sich
Adipositas kann nahezu den gesamten Körper beeinträchtigen. Menschen mit starkem Übergewicht haben ein erhöhtes Risiko für mehr als 200 Erkrankungen.
Die überschüssigen Fettreserven belasten den Stoffwechsel und fördern Entzündungen. Dadurch steigt unter anderem das Risiko für Typ-2-Diabetes und hormonelle Störungen. Gleichzeitig wirkt das zusätzliche Gewicht wie eine dauerhafte mechanische Belastung auf Gelenke, Wirbelsäule und Atmung.
Hinzu kommen häufig psychische und soziale Folgen, die sich negativ auf die Lebensqualität auswirken und depressive Symptome begünstigen können. „90 Prozent der Patienten haben mindestens eine Folgeerkrankung, wenn auch orthopädische und psychische Erkrankungen einbezogen werden“, ordnet Prof. Blüher ein.
Was lässt sich zur Vorbeugung tun?
Ein ausgewogener Lebensstil mit gesunder Ernährung und regelmäßiger Bewegung kann helfen, das Risiko für Adipositas zu senken. Gleichzeitig weisen Experten darauf hin, dass die Erkrankung nicht einfach auf mangelnde Disziplin zurückgeführt werden kann – weil eben auch die Gene eine Rolle spielen. Wer trotz eigener Bemühungen kontinuierlich zunimmt oder nach einer erfolgreichen Diät verlorene Kilos immer wieder zurückgewinnt, sollte dies ärztlich abklären lassen.
Für die Behandlung stehen heute verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung. Dazu gehören Ernährungs- und Bewegungstherapien, psychologische Unterstützung sowie moderne Medikamente wie GLP-1-Wirkstoffe, die häufig als Abnehmspritzen oder Abnehmpillen bekannt sind.