17. Januar 2026, 17:07 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Für viele Menschen mit Vorhofflimmern gehören Blutverdünner zum Alltag. Lange galt bei der Therapie der Grundsatz: Wer einmal Vorhofflimmern hatte, benötigt die Medikamente dauerhaft. Laut dem renommierten Experten für Vorhofflimmern, Dr. Stefano Bordignon, muss das auf Basis neuer Erkenntnisse nicht mehr zwingend so sein, wie dieser im „Herzcheck“-Podcast des Kardiologen Dr. Christopher Schneeweis erklärt.
„Einmal Vorhofflimmern, immer Blutverdünner?“ Das gilt nicht mehr
Beim Vorhofflimmern können sich Blutgerinnsel bilden, die ins Gehirn wandern und dort einen Schlaganfall auslösen. Lange galt in der Behandlung deshalb der Grundsatz: Wer einmal Vorhofflimmern hatte, benötigt dauerhaft Blutverdünner, um dieses Risiko zu senken – auch nach erfolgreicher Herz-OP.
Dieses jahrzehntelange Dogma wackelt nun aufgrund neuer Studien, wie der Kardiologe Dr. med. Christopher Schneeweis gemeinsam mit Dr. med. Stefano Bordignon, Spezialist für Herzrhythmusstörungen, in der aktuellen Ausgabe seines Podcasts „Herzcheck“ erläutert. Bordignon leitet die Elektrophysiologie am Klinikum Frankfurt Höchst und den Varisano Kliniken Frankfurt-Main-Taunus und ist Referent bei der Deutschen und Europäischen Gesellschaft für Kardiologie.
Beim Vorhofflimmern schlagen die Vorhöfe des Herzens unkoordiniert. Das Blut kann sich stauen, Gerinnsel bilden und ins Gehirn wandern. Etwa jeder fünfte Schlaganfall (20 bis 30 Prozent) ist auf Vorhofflimmern zurückzuführen. Vorhofflimmern könnte zu einer der großen Gesundheitsfragen der nächsten Jahrzehnte werden. Millionen Menschen sind betroffen – Tendenz steigend.
Schutz vor Gerinnseln – und das Risiko der Blutungen treibt Patienten um
Die Blutverdünnung – heute größtenteils mit sogenannten NOAKs (neuen oralen Antikoagulanzien) – senkt das Risiko dieser Gerinnsel effektiv. Gleichzeitig erhöhen die Medikamente aber das Risiko für Blutungen. Für viele Betroffene bedeutet das: Unsicherheit, Einschränkungen im Alltag und die Sorge vor Stürzen oder inneren Blutungen.
Bordignon und Schneeweis wissen aus ihrer täglichen Praxis: Für Patienten mit Vorhofflimmern ist die Frage „Benötige ich Blutverdünner auch nach erfolgreicher Herz-OP (Ablation) wirklich für immer?“ von enormer Bedeutung.
Ablation – neue Methode mit Hitze, Kälte oder elektrischen Feldern
„Bei der Ablation veröden wir gezielt das Gewebe um diese Venen herum, um elektrische Fehlleitungen zu unterbrechen. Es gibt unterschiedliche Verfahren: mit Hitze (Radiofrequenz), mit Kälte (Kryoballon) oder – als neueste Methode – mit elektrischen Feldern (Pulsed Field Ablation, kurz PFA)“, erklärt Stefano Bordignon.
Die Erfolgsraten seien heute hoch, vor allem bei frühzeitiger Behandlung. Bei anfallsartigem Vorhofflimmern sollen sie bei rund 80 Prozent auf ein Jahr liegen, bei länger bestehendem Vorhofflimmern bei etwa 65 Prozent, sagt Bordignon.
Theoretisch bedeutet das: weniger Vorhofflimmern – weniger Gerinnselrisiko.
Aus Vorsicht lieber weiterverdünnen – warum sich die Praxis kaum verändert hat
Die Kardiologen Schneeweis und Bordignon teilen jedoch die Einsicht, dass die Medizin daraus keine Konsequenz für die Blutverdünnung gezogen hat: Aus Sicherheitsgründen habe gegolten, die Blutverdünnung lieber weiterzuführen.
Laut Bordignon, der in den vergangenen zwölf Jahren rund 4000 Ablationen durchgeführt hat, ist dieser pauschale Ansatz heute nicht mehr uneingeschränkt zutreffend. Erstmals würden mit ALONE AF und OCEAN zwei neue Studien zeigen, „dass es unter bestimmten Bedingungen möglich sein könnte, die Blutverdünnung nach erfolgreicher Ablation und stabilem Rhythmus über mindestens ein Jahr abzusetzen“, sagt Bordignon.1,2
Bei wem Absetzen von Blutverdünner denkbar sein könnte
Werden diese Ergebnisse in anderen Studien mit anderen Patiententypen bestätigt, könnten sie die Behandlung von Vorhofflimmern in Zukunft verändern. Laut Bordignon betrifft das vor allem Patienten mit niedrigem Schlaganfallrisiko. Voraussetzung: eine enge kardiologische Kontrolle. Aber der Experte sagt auch: „Eine pauschale Empfehlung gibt es noch nicht. Wichtig: Niemand sollte eigenständig Medikamente absetzen – das gehört in die Hand der behandelnden Ärztin oder des Arztes.“
Welche Rolle neue Verfahren wie PFA spielen
Moderne Ablationsverfahren wie die Pulsed Field Ablation (PFA) tragen dazu bei, diese Diskussion überhaupt zu ermöglichen. „PFA arbeitet mit elektrischen Feldern statt Hitze oder Kälte und schont so umliegendes Gewebe wie Speiseröhre oder Nerven“, erklärt Bordignon. Die Prozedur sei nicht nur schneller, sie verursache auch weniger Beschwerden und biete eine sehr gute Sicherheit.
Der Mediziner warnt aber vor falschen Schlussfolgerungen: PFA allein ist kein Freifahrtschein zum Absetzen der Blutverdünnung. Sie erhöht die Chance auf einen stabilen Rhythmus – ersetzt aber nicht die individuelle Risikoabwägung.
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Keine Entwarnung – aber mehr Differenzierung
Der Satz „Einmal Vorhofflimmern, immer Blutverdünnung“ gilt so pauschal nicht mehr.
Genauso falsch wäre es jedoch, daraus eine allgemeine Entwarnung abzuleiten. Bordignons klare Botschaft: Kein Medikament darf eigenständig abgesetzt werden. „Diese Entscheidung gehört in die Hand der behandelnden Ärztin oder des Arztes.“
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Für Patienten mit Vorhofflimmern hat Dr. Stefano Bordignon im „Herzcheck“-Podcast eine klare Botschaft: aufmerksam sein, aber keine vorschnellen Schlüsse ziehen. Ein unregelmäßiger Puls oder Leistungseinbruch sollten frühzeitig abgeklärt werden – idealerweise mit einem EKG. Steht die Diagnose, sei es entscheidend, Risikofaktoren konsequent zu behandeln: etwa Bluthochdruck, Übergewicht oder Schlafapnoe. Auch der Lebensstil spiele eine zentrale Rolle: weniger Alkohol, regelmäßige Bewegung, Gewichtsnormalisierung und eine gute Blutdruckkontrolle können den Krankheitsverlauf messbar beeinflussen.
Und vor allem: Therapieentscheidungen – insbesondere zur Blutverdünnung – sollten immer gemeinsam mit einem erfahrenen Kardiologen getroffen werden. „Nicht immer ist sofort eine invasive Behandlung nötig, aber eine gute Diagnostik ist der erste Schritt“, so Bordignon.
Was sich nun bei Blutverdünnung nach Vorhofflimmern zeigt, folgt demselben Muster wie die Diskussion um Betablocker nach Herzinfarkt: Therapien, die über Jahrzehnte pauschal galten, werden neu bewertet. Der Trend in der Kardiologie ist klar: weg vom „Standard für alle“, hin zu einer individuell zugeschnittenen Behandlung. Für Patienten bedeutet das nicht weniger Sicherheit, sondern im besten Fall genau die Therapie, die sie wirklich brauchen – nicht mehr und nicht weniger.