4. September 2025, 19:31 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Die Gabe von Betablockern nach einem Herzinfarkt ist seit Jahrzehnten Standard, auch bei Patienten mit normaler Herzfunktion. Studienergebnisse, die nun auf dem Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie in Madrid vorgestellt wurden, legen nahe: Ein pauschaler „Betablocker für alle“ ist nicht länger vertretbar.
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Neue interessante Daten zu Betablockern nach Herzinfarkt – bisher Standard
Der ESC ist der größte Medizinkongress in Deutschland und die größte wissenschaftliche Veranstaltung Europas in der Herz-Kreislauf-Medizin sowie inzwischen der weltweit führende Kardiologie-Kongress. Gerade ging er zu Ende – und hat viele neue Studien präsentiert. So auch sehr interessante Daten zu Betablockern nach einem Herzinfarkt, die belegen: Einen wirklich positiven Effekt für den routinemäßigen Einsatz von Betablockern nach einem Herzinfarkt scheint es gar nicht zu geben.
Betablocker werden seit den 1980er-Jahren standardmäßig nach einem Herzinfarkt (Myokardinfarkt) verschrieben, um dem Herzen bei der Heilung zu helfen und das Risiko eines zweiten Infarkts zu verringern. Die Arzneimittel senken Herzfrequenz und Blutdruck und reduzieren so den Sauerstoffbedarf des Herzens.
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Herzen erholen sich heute besser von einem Herzinfarkt
Verschrieben werden Betablocker standardmäßig auch dann, wenn die Pumpfunktion des Herzens nicht eingeschränkt ist. Diese Praxis beruht auf älteren Studien, die vor der Einführung moderner Therapieverfahren durchgeführt wurden. Nun ist es aber so, dass Statine und Stents die Genesung nach einem Herzinfarkt dramatisch verbessern. Und so hatte sich in den letzten Jahren die Frage aufgedrängt: Nutzen Betablocker diesen Patienten heute überhaupt noch?
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Nutzen Betablocker Patienten nach Herzinfarkt mit normaler Pumpleistung des Herzens?
Die randomisierte REBOOT‑Studie, vorgestellt auf dem ESC Madrid, schloss 8438 Patienten ein, die alle einen akuten Herzinfarkt überlebt hatten. Alle hatten eine Pumpleistung des Herzens von mindestens 40 Prozent – was bedeutet, dass ihre Herzfunktion nach dem Infarkt nicht relevant eingeschränkt war (davon spricht man bei unter 40 Prozent; normal sind 55 bis 70 Prozent).
Die Teilnehmer teilte man zufällig in zwei Gruppen auf. Eine Gruppe erhielt zusätzlich zur Standardbehandlung eine Betablocker-Therapie, die andere Gruppe nicht. Nach knapp vier Jahren prüfte man, ob die Patienten wegen Herzschwäche in die Klinik mussten, einen erneuten Herzinfarkt erlitten hatten oder verstorben waren.
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Re-Infarkt, Herzschwäche, Überleben – Betablocker bringen keinen Vorteil
Die Ergebnisse, veröffentlicht im „New England Journal of Medicine“, zeigen:1 Betablocker bringen bei Patienten ohne Herzschwäche (mindestens 40 Prozent Pumpleistung) keinen messbaren Vorteil in Bezug auf Überleben, erneuten Infarkt oder Herzschwäche.
- Todesfälle: 161 mit Betablocker vs. 153 ohne Betablocker
- Erneute Herzinfarkte: jeweils 143 Fälle
- Durch Herzschwäche bedingte Klinikaufenthalte: 39 vs. 44 Fälle
Betablocker nach Herzinfarkt besonders schlecht bei Frauen
Weil neue Forschungsergebnisse darauf hinweisen, dass Betablocker bei Frauen, deren Herz sich gut erholt, mehr schaden als nützen können, berechneten die Forscher auch noch die Zahlen nur für die 1627 Frauen – eine Gruppe, die älter war, mehr Komorbiditäten aufwies und weniger leitlinienbasierte Therapien erhielt.
Tatsächlich: Frauen, die Betablocker einnahmen, erging es schlechter, sie hatten ein höheres Risiko für Komplikationen und Tod. Das Risiko war bei Frauen am größten, deren Herzen sich am besten erholt hatten und bei denen, die die höchsten Dosen einnahmen. Bei Männern trat dieses Muster nicht auf.
Weitere Studie mit Argument für Betablocker
Eine weitere, ebenfalls auf dem ESC 2025 vorgestellte Studie mit 5574 Patienten liefert indes tatsächlich ein Argument für Betablocker in der heutigen Praxis – sofern die individuelle Situation nicht dagegen spricht. Die BETAMI‑DANBLOCK-Studie besteht aus zwei in Dänemark und Norwegen zeitgleich durchgeführten Studien. Alle Patienten wurden innerhalb von 14 Tagen nach einem Herzinfarkt aufgenommen. Auch hier erhielt eine Gruppe Betablocker, die andere nicht. Voraussetzung: Pumpleistung des Herzens bei mindestens 40 Prozent, also keine ausgeprägte Herzschwäche.
Wer erlitt innerhalb der nächsten dreieinhalb Jahre erneut einen Infarkt? Bei wem lag eine Herzinsuffizienz vor? Wer hatte gar lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen?
Die Sterblichkeit war in beiden Gruppen ähnlich (4,2 Prozent in der Betablocker-Gruppe vs. 4,4 Prozent ohne Therapie). Beim erneuten Herzinfarkt zeigte sich ein kleiner Pro-Betablocker-Effekt: Dieser trat bei fünf Prozent der Betablocker-Patienten auf, gegenüber 6,7 Prozent in der Vergleichsgruppe. Die Studie wurde ebenfalls im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht.2
Sind die beiden Studienergebnisse nicht widersprüchlich?
Die beiden Studien wirken auf den ersten Blick widersprüchlich. Sind sie aber nicht wirklich. Denn BETAMI-DANBLOCK zeigt, dass auch ohne klinische Herzinsuffizienz ein gewisser Benefit durch Betablocker existieren kann – der größte Effekt kam durch weniger Re-Infarkte. Aber der Effekt ist klein. Und auch BETAMI-DANBLOCK argumentiert für einen individuellen Einsatz von Betablockern.
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Ende der Ära „Betablocker für alle“?
Was bedeuten diese Studienergebnisse für die künftige Therapie nach einem Herzinfarkt? FITBOOK hat die Frage dem Kardiologen Dr. med. Christopher Schneeweis gestellt. Er ist sich sicher: „Die aktuellen Daten zum Einsatz von Betablockern direkt nach dem Herzinfarkt werden wohl ausreichen, um ein Umdenken herbeizuführen.“ In der modernen Kardiologie scheine es „keinen wirklichen Benefit“ für den „routinemäßigen Einsatz von Betablockern nach einem Herzinfarkt“ zu geben. Sofern die Pumpleistung nicht hochgradig eingeschränkt sei.
Kardiologe: »Routinemäßige Gabe wird sich wohl ändern
Natürlich werde es immer Patienten mit Indikationen für Betablocker geben, auch vor dem Infarkt. Die routinemäßige Gabe von Betablockern nach Infarkt, „wird sich wohl ändern“, betont Schneeweis.