2. Juni 2026, 10:32 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Bauchspeicheldrüsenkrebs zählt zu den aggressivsten und gefürchtetsten Krebsarten überhaupt. Die Erkrankung verursacht häufig lange Zeit keine eindeutigen Beschwerden, wird deshalb oft erst spät erkannt und lässt sich dann nur schwer behandeln. Umso größer ist die Aufmerksamkeit für eine neue Studie, die jetzt im renommierten Fachjournal „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurde. Im Mittelpunkt steht ein neu entwickelter Wirkstoff, der erstmals einen zentralen Wachstumstreiber vieler Tumore gezielt angreifen könnte – und damit die Überlebenschancen von Patienten deutlich verbessert.
Forscher nehmen einen lange unangreifbaren Mechanismus ins Visier
Jedes Jahr erkranken in Deutschland etwa 20.000 Menschen neu an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Die Erkrankung gehört zu den Krebsarten mit besonders schlechter Prognose. Ein Grund dafür ist eine genetische Veränderung, die bei mehr als 90 Prozent aller Tumore vorkommt: die sogenannte RAS-Mutation.
Der Münchner Onkologe und Molekularbiologe Dr. Benedikt Westphalen sieht in den aktuellen Studienergebnissen einen bedeutenden Fortschritt. Er ist ärztlicher Leiter der Präzisionsonkologie am Comprehensive Cancer Center der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zudem leitet er die Molekulare Tumorkonferenz und arbeitet an der Medizinischen Klinik und Poliklinik III des Klinikums der Universität München. Gegenüber BILD sagt er: „Das ist eine revolutionäre Studie. Vor zehn Jahren hat man es noch für absolut unmöglich gehalten, dass es so ein Medikament jemals geben wird!“
Die Mutation wirkt wie ein dauerhafter Wachstumsbeschleuniger für Krebszellen. „Diese Genmutation ist wie ein Gaspedal und treibt das Zellwachstum an“, erklärt Dr. Westphalen. Dadurch wachsen Tumorzellen schneller, breiten sich leichter im Körper aus und können bisherigen Behandlungen besser widerstehen. Lange Zeit galt genau dieser Mechanismus als kaum bekämpfbar. „Jahrzehntelang galten RAS-Mutationen als nicht angreifbar, weil Medikamente am veränderten Protein nicht anhaften und es daher nicht in seiner Funktion blockieren konnten. Diese Studie zeigt erstmals, dass das doch möglich ist“, erklärt der Mediziner und Molekularbiologe.
Wie der Wirkstoff Krebsprotein bremst
Im Zentrum der Untersuchung steht der Wirkstoff Daraxonrasib.1 Dabei handelt es sich um ein Medikament zum Einnehmen, das gezielt gegen aktivierte RAS-Proteine vorgeht. In der Studie wurden unterschiedliche Dosierungen zwischen 10 und 400 Milligramm pro Tag getestet. Für die weitere klinische Entwicklung wurde eine Tagesdosis von 300 Milligramm ausgewählt.
Nach Angaben der Forscher greift der Wirkstoff einen Mechanismus an, der bislang als kaum behandelbar galt.
„Der Wirkstoff greift genau dieses veränderte Protein an. Er setzt sich dabei wie huckepack auf ein anderes Eiweiß und schafft es so, das mutierte RAS-Protein in seiner Funktion einzuschränken“, so Westphalen. Ziel ist es, den Wachstumsvorteil der Krebszellen zu verringern und das Fortschreiten der Erkrankung zu bremsen.
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Positive Ergebnisse bei bereits vorbehandelten Patienten
An den Phase-1- und Phase-2-Studien nahmen insgesamt 168 Patienten mit fortgeschrittenem, metastasiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs teil. Alle Patienten hatten bereits andere Therapien erhalten, die jedoch keinen ausreichenden Erfolg mehr gezeigt hatten. Trotz dieser schwierigen Ausgangslage fielen die Ergebnisse vielversprechend aus. Bis zu 35 Prozent der Patienten sprachen auf die Behandlung an. Bei ihnen schrumpften die Tumore messbar.
Darüber hinaus konnte das Fortschreiten der Erkrankung im Durchschnitt über mehrere Monate hinausgezögert werden. Bei einer näher untersuchten Patientengruppe lag die mittlere Dauer des Ansprechens bei 8,2 Monaten. Das sogenannte progressionsfreie Überleben betrug durchschnittlich 8,5 Monate.
Auch in einer weiteren Gruppe von Patienten mit unterschiedlichen RAS-Mutationen zeigten sich positive Ergebnisse. Dort sprachen 29 Prozent der Teilnehmer auf die Therapie an.
Überlebenszeit deutlich verlängert
Besonders bemerkenswert sind die Daten zur Lebenserwartung. Die Studie deutet darauf hin, dass Patienten unter der Behandlung deutlich länger leben konnten als bislang üblich.
„Das ist ein Durchbruch. Die Überlebenszeit bei Patienten mit metastasiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs liegt häufig unter einem Jahr. Die Patienten aus der Studie lebten deutlich länger, obwohl sie bereits einen Teil ihrer erwarteten Überlebenszeit hinter sich hatten“, ordnet Dr. Westphalen ein.
Bei einer untersuchten Patientengruppe lag die mittlere Gesamtüberlebenszeit bei 13,1 Monaten. In einer weiteren Gruppe erreichte sie sogar 15,6 Monate. Angesichts der bislang oft sehr begrenzten Lebenserwartung bei metastasiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs werden diese Werte von Fachleuten als bemerkenswert eingestuft.
Nebenwirkungen bleiben eine Herausforderung
Wie viele moderne Krebsmedikamente blieb auch Daraxonrasib nicht frei von Nebenwirkungen. Nach Angaben der Studienautoren berichteten 96 Prozent der Teilnehmer über behandlungsbedingte Beschwerden.
Schwere Nebenwirkungen traten bei rund 30 Prozent der Patienten auf. Zu den häufigsten unerwünschten Wirkungen gehörten Hautausschläge, Durchfall, Übelkeit, Entzündungen der Mundschleimhaut, Erbrechen sowie Müdigkeit.
Die Forscher bewerten die Nebenwirkungen dennoch als grundsätzlich beherrschbar. Weitere Studien sollen nun zeigen, wie sich Wirksamkeit und Verträglichkeit bei größeren Patientengruppen darstellen.
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Wann das Medikament verfügbar sein könnte
Bis Patienten in Deutschland regulär von dem Wirkstoff profitieren können, dürfte noch einige Zeit vergehen. Experten rechnen damit, dass eine Zulassung in den USA noch im Laufe dieses Jahres erfolgen könnte. Wann Daraxonrasib in Europa und Deutschland zugelassen wird, ist derzeit noch offen.
Für Betroffene besteht daher vorerst meist nur die Möglichkeit, im Rahmen klinischer Studien Zugang zu dem Medikament oder vergleichbaren Wirkstoffen zu erhalten.
„Leider gibt es so lange nur über Studien die Möglichkeit, dieses oder vergleichbare Medikamente zu bekommen, und Plätze in diesen Studien sind leider sehr begrenzt. Es ist zu hoffen, dass die Zulassung in Europa und Deutschland nicht zu lange auf sich warten lässt, sodass dieses Medikament möglichst schnell für unsere Patienten verfügbar wird“, sagt der Experte.
Forschung an weiteren RAS-Medikamenten läuft bereits
Für Dr. Westphalen markieren die aktuellen Ergebnisse nicht das Ende, sondern vielmehr den Beginn einer neuen Entwicklung in der Krebsmedizin. Weltweit arbeiten zahlreiche Forschungsgruppen bereits an weiteren Wirkstoffen, die nach ähnlichen Prinzipien funktionieren und gegen RAS-Mutationen gerichtet sind. „50 RAS-gerichtete Medikamente sind schon in der Entwicklung, die nach ähnlichen Mechanismen funktionieren.“
Ob sich die vielversprechenden Ergebnisse in größeren Studien bestätigen, müssen die kommenden Jahre zeigen. Die nun veröffentlichten Daten liefern jedoch erstmals belastbare Hinweise darauf, dass ein lange als unerreichbar geltendes Ziel der Krebsforschung tatsächlich erreichbar sein könnte.