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„Durch meine ADHS-Diagnose wurde mir rückblickend vieles klar“

FITBOOK-Autorin Catharina Deege erhielt die Diagnose ADHS
Mit der Diagnose erhielt Catharina Deege endlich einen Namen für ihre Beschwerden Foto: Getty Images, Catharina Deege; Collage: FITBOOK
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2. September 2025, 20:20 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Unsere Autorin Catharina Deege hat 22 Jahre lang mit ADHS gelebt, ohne es zu wissen. Schuld daran war eine kompensierende Strategie, die gerade bei Frauen mit der Verhaltensstörung zu einer späten Erkennung der Erkrankung führt. Im Folgenden erzählt sie, wie ihr ganz persönlicher Weg zur ADHS-Diagnose aussah – und wie die Diagnose ihren Blick auf sich selbst und ihre Kindheit verändert hat.

ADHS-Diagnose bestätigte meine Ahnung

„Mit großer Intelligenz und Kreativität haben Sie es geschafft, bislang gut mit der ADHS zu leben“, hieß es in dem Videocall zu meiner Diagnose. Ich muss dazu sagen: Ich hatte den Termin ursprünglich verschieben müssen, weil ich den ersten einfach vergessen hatte. Komplett. Nachdem also der erste Termin geplatzt war, sagte die Psychiaterin zu mir: „Auch das ist ganz typisch für Ihr ADHS. Sie sind auf jeden Fall im Spektrum.“

Da war sie also – die Bestätigung. Ich hatte es bereits geahnt. Immer wieder hatte ich mich mit anderen verglichen. Mit Menschen, die ganz einfach in der Bahn ein Buch aufschlagen und sofort darin versinken können. Mit Menschen, die stundenlang im Büro sitzen, ohne den Drang zu verspüren, aufzustehen. Die einfach auf den Bildschirm starren – und dabei auch noch produktiv zu sein scheinen. Vergleiche über Vergleiche, und immer wieder dasselbe Gefühl: ein geringer Selbstwert. Ich bin faul. Ich bin chaotisch. Ich bin verträumt. Ich kriege das einfach nicht hin. Das waren Gedanken, die mich begleitet haben, lange, lange Zeit.

Die ADHS-Diagnose hat diese Gedanken zwar nicht ganz zum Schweigen gebracht, aber sie hat ihnen eine andere Richtung gegeben. Endlich gab es eine Erklärung für so vieles, das mich lange belastet und geprägt hat. Für so viele traumatische Erlebnisse in meinem Leben.

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„Ich bin doch nicht so wie mein Bruder“

Das erste Mal, dass ich über eine ADHS-Diagnose für mich nachdachte, war mit 17. Mein Bruder hatte gerade selbst die Diagnose erhalten – ausgelöst durch den Hinweis seiner Beziehungspartnerin. Kurz darauf sagte auch mein damaliger Partner zu mir: „Ich glaube, du solltest dich auch mal testen lassen.“

Ich empfand das als Beleidigung. In meinem Kopf klang es so: Ich bin doch nicht so verträumt und verpeilt wie mein Bruder. Ich habe gute Noten, ich falle in der Schule nicht auf. Ich komme klar. Damals wusste ich noch nicht, dass das ein klares Zeichen von Masking war. Und dass genau dieses Masking bei Frauen mit ADHS leider eher Regel als Ausnahme ist.

Masking kann selbstzerstörerisch wirken

Masking bedeutet, dass man sich Verhaltensweisen von neurotypischen Menschen abschaut, um nicht negativ aufzufallen – um gesellschaftlich „richtig“ zu funktionieren. Doch das hat seinen Preis: Es ist auslaugend. Anstrengend. Und kann auf Dauer sogar selbstzerstörerisch wirken. Das bestätigt auch eine 2020 im Journal BMC Psychiatry veröffentlichte Studie. Demnach ist das Risiko für sogenannte Komorbiditäten, also zusätzlicher Erkrankungen zur ADHS, bei Frauen signifikant höher.1 Denn sich permanent zu zwingen, aufmerksam zuzuhören, wenn man es innerlich gar nicht kann, erschöpft immens. Und so habe ich meine komplette Kindheit und Jugend verbracht.

Der Videocall mit der Psychiaterin, in dem ich dann endlich meine Diagnose bekam, fand fünf Jahre nach dem ersten Gedanken, einen ADHS-Test durchzuführen, statt. Ich war damals 22 Jahre alt. Dazwischen? Die Pandemie. Ich hatte mir in dieser Zeit viel vorgenommen und ein Fernstudium neben meinem Job als Redakteurin begonnen. Ich bekam dicke Bücher zugeschickt und hatte großzügig viel Zeit, da ich in Quarantäne war. Und trotzdem: Nach anderthalb Seiten wusste ich nicht mehr, was ich gelesen hatte. Meine Gedanken schweiften ständig ab.

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Von der ADHS-Diagnose zur Selbstannahme

Wieder kam mir der Gedanke an das Gespräch mit meinem Ex-Partner. War das einfach nur die zerstörte Aufmerksamkeitsspanne durch das Konsumieren von schnelllebigen Medien? Oder war es wirklich ADHS? Letzteres stellte sich als wahr heraus. Und obwohl die Diagnose nicht alles heilte, hat sie etwas sehr Wichtiges verändert: Ich begann, mir selbst mit mehr Nachsicht und Liebe zu begegnen. Und ich begann auch, wütend zu werden.

Denn noch heute, Jahre nach der Diagnosestellung, fallen mir immer mehr Situationen ein, in denen Menschen etwas von mir verlangt haben, das ich schlichtweg nicht leisten konnte. Weil sie von mir neurotypisches Verhalten erwarteten und ich es ihnen nicht geben konnte. Es war nicht deren Schuld – ich hatte schließlich (noch) keine Diagnose. Trotzdem macht es mich heute traurig, wie viele schmerzhafte Momente ich dadurch hätte vermeiden können.

Als kleines Mädchen wurde ich zurechtgewiesen, weil ich mein Zimmer nicht ordentlich aufräumen konnte. Ich spielte stattdessen lieber mit Barbies. Aber die Unordnung hatte mich schlichtweg überfordert, ich wusste bei dem Chaos gar nicht, wo ich hätte anfangen sollen. Und mit Barbies zu spielen, ist einfach viel stimulierender, auch für ganz „normale“ Kinder.

Auch in der Schule, später im Job, kam immer wieder derselbe Vorwurf: Ich sei verträumt, mache alles auf den letzten Drücker. Durch die Schulzeit kam ich trotzdem sehr gut, weshalb auch die Frage nach den Schulnoten gerade bei der Diagnose von Frauen eigentlich keinen Sinn ergibt. Das bereits erwähnte Masking meisterte ich (fast) bis zur Perfektion. Den Preis jedoch, den ich dafür zahlte, begreife ich erst jetzt.

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Stress mit 13? Wie bitte?

Ich erinnere mich an einen Zahnarzttermin, da war ich gerade mal 13 Jahre alt. Mir wurde eine Knirscherschiene angefertigt, weil ich nachts die Zähne zusammenpresste. Als ich den Arzt fragte, was ich dagegen tun könne, meinte er nur: „Stress reduzieren.“

Stress? Mit 13? Rückblickend weiß ich: Es waren die Folgen vom Masking. Eine Komorbidität meines ADHS. Schon damals hatte ich das Gefühl, ständig über meine Kapazitäten hinaus funktionieren zu müssen. Ich dachte mir kreative Lösungen aus, strengte mich extrem an, um hineinzupassen – in den Schulalltag, in soziale Gruppen, in das Bild eines „braven, leistungsfähigen“ Mädchens. Ich wollte gute Noten schreiben und bloß nicht auffallen. Das, was mein Zahnarzt damals „Stress“ nannte, war in Wirklichkeit ein Daueranspannungszustand. Kein Wunder, dass mein Kiefer ständig unter Druck stand. Verpflichtungen hatte ich mit 13 eigentlich kaum – aber innerlich war ich bereits völlig überlastet.

Meine Herausforderungen haben jetzt einen Namen

Beim Knirschen blieb es nicht. Später kamen depressive Episoden hinzu, Schwierigkeiten durch chaotisches Finanzmanagement, Probleme in freundschaftlichen und romantischen Beziehungen. Meine kurze Aufmerksamkeitsspanne und meine mentale sowie körperliche Hyperaktivität stellen mich bis heute vor viele Herausforderungen. Doch immerhin haben sie jetzt einen Namen – und ich versuche, einen gesunden Umgang mit ihnen zu finden. Einen, der nicht von Erschöpfung geprägt ist, sondern vom Gegenteil: von Selbstliebe, Selbstfürsorge, Verzeihen, Motivation und dem Wunsch, mich selbst besser kennenzulernen und zu verstehen, was mir guttut. Es geht nicht darum, sich in gesellschaftliche Normen zu pressen, sondern das Leben so zu gestalten, dass es möglichst gut zu einem passt – sei es im Job, in der Ausbildung oder im Alltag. Das ist kein einfacher Prozess. Aber ein notwendiger.

Quellen

  1. Young, S., Adamo, N., Ásgeirsdóttir, B.B. et al. (2020). Females with ADHD: An expert consensus statement taking a lifespan approach providing guidance for the identification and treatment of attention-deficit/ hyperactivity disorder in girls and women. BMC Psychiatry. ↩︎

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