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Traditionelle Chinesische Medizin

Cordyceps – steigert der „Zombie-Pilz“ wirklich die Leistung?

Cordyceps (Raupenpilz)
In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) hat der Raupenpilz eine lange Tradition als leistungssteigernde Stimulans Foto: Getty Images

Schon seit Jahren dringen etliche Wundermittel aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) nach Europa vor. Besonders spannend ist der Cordyceps: ein Vitalpilz, der auch als „Zombie-Pilz“ bekannt ist. Auf Menschen soll er wie Doping wirken. FITBOOK erklärt, was dahintersteckt.

Der Cordyceps sinensis, so der vollständige Name, trägt zu Recht den Spitznamen „Zombie-Pilz“. Als Parasit befällt er Bodenlarven. Dabei übernimmt er teilweise ihr Gehirn, macht sie willenlos und steuert sie. Am Ende frisst er die Raupen von innen komplett auf und wächst dann in langen dünnen Sprossen aus ihnen heraus. Deswegen wird er im deutschsprachigen Raum auch als Raupenpilz bezeichnet. Obwohl es sich also um eine unappetitliche Angelegenheit handelt, nehmen viele Menschen den Cordyceps als Leistungsbooster ein. Aber funktioniert das?

Woher stammt der Cordyceps genau?

Der kleine Raupenpilz kommt von Natur aus nur in bestimmten Bergregionen Chinas und Tibets vor, meist im Himalaja-Gebirge auf etwa 3000 bis 5000 Metern Höhe. Das macht ihn besonders rar und teuer. So werden für den natürlich gewachsenen Cordyceps bis zu mehrere Tausend Euro pro Kilogramm gezahlt.

Durch das begrenzte Vorkommen und die hohe Nachfrage wird der Cordyceps mittlerweile auch kultiviert. Dabei wächst er auf einem pflanzlichen Substrat und kann somit selbst von Veganern konsumiert werden. Er ist vorrangig als Pulver und in Kapselform erhältlich und kostet nur einen Bruchteil des im Himalaja aufgelesenen Raupenpilzes. In den meisten Präparaten wird sogenanntes CS-4-Extrakt verwendet, das in Studien bislang am besten untersucht wurde.

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Welche Wirkung wird Cordyceps nachgesagt?

In China schwört man seit Jahrhunderten auf die positiven Wirkungen des Cordyceps. Dieser mag zwar winzige Larven befallen und auffressen, aber für Menschen und Tiere ist er ungefährlich. Eine Legende besagt, dass Hirten im Hochland des Himalajas zufällig die Wirkung des Pilzes entdeckten. Beim Weiden ihrer Schafe bemerkten sie, dass die Tiere nach dem Verzehr der Sprossen besonders vital und fruchtbar waren. Kein Wunder, dass auch Menschen von diesem Effekt profitieren wollten – und so fand der Wunderpilz seinen Weg in die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM).

Dem Cordyceps werden etliche positive Eigenschaften nachgesagt:

  • erhöht die Ausdauer
  • steigert die Leistungsfähigkeit
  • beschleunigt die Regeneration
  • stärkt das Immunsystem
  • erhöht die Libido
  • hat einen Anti-Aging-Effekt

Der Raupenpilz wird in der Alternativmedizin auch in der Krebstherapie unterstützend verwendet und soll gegen das Fatigue-Syndrom helfen, das Chemotherapien oft auslösen. Zudem wird er unter Sportlern als natürliches Doping angepriesen.

Cordyceps sinensis
Sieht eklig aus, soll aber ein echter Leistungsbooster sein: der Raupenpilz (Cordyceps) wächst – wie der Name schon sagt – aus Raupen heraus. Mittlerweile wird er auch gezüchtet und wächst dabei auf einem pflanzlichen Substrat.Foto: Getty Images

Macht der Vitalpilz wirklich leistungsfähiger?

Für Aufsehen sorgte der „Zombie-Pilz“ in den Jahren 1993 und 1994, als chinesische Leichtathleten geradezu reihenweise neue Weltrekorde aufstellten. Der damalige Trainer der Sportler begründete die Leistung nicht nur mit einem harten Training, sondern auch mit der Einnahme von Cordyceps sinensis. Dieser ist nämlich als eine Art natürliches Doping erlaubt. Ob jedoch noch andere Mittel die Leistungsexplosion bei den Athleten bewirkten, kann nur spekuliert werden. Dennoch wurden Wissenschaftler aufmerksam und führten etliche Studien durch, um die Wirkung von Cordyceps zu erforschen.

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Das sagen die Studien zur Wirksamkeit von Cordyceps

Studien mit Menschen

In einer chinesischen Studie aus dem Jahr 2004 wurden 37 älteren Probanden über einen Zeitraum von sechs Wochen Pillen mit einem Auszug des Cordyceps CS-4 verabreicht.1 Ein Teil der Gruppe bekam jeden Tag drei Gramm CS-4, der andere Teil ein Placebo. Mit dem sogenannten VO2max-Test wurde die maximale Sauerstoffaufnahme und damit das Fitnesslevel der Probanden jeweils vor und nach dem Ende der Einnahmephase untersucht. Dabei wiesen die Probanden, die CS-4 eingenommen hatten, eine durchschnittliche Verbesserung von etwa sieben Prozent auf.

Eine andere Studie aus den USA lieferte 2016 ebenfalls Hinweise für eine möglicherweise leistungssteigernde Wirkung.2 Zum Einsatz kam der Cordyceps militaris, ein Artgenosse von Cordyceps sinensis. Beide sind sich sehr ähnlich in puncto Inhaltsstoffe. Bei der Untersuchung wurde einem Teil der 35 Probanden dreimal täglich 1,3 Gramm des Pilzes verabreicht, während der andere Teil ein Placebo bekam. Nach einer Woche wurde auch hier ein VO2max-Test durchgeführt. Allerdings ohne einen signifikanten Unterschied im Vergleich zum Beginn der Studie. Doch als die Forscher den Fitnesstest nach weiteren drei Wochen wiederholten, bemerkten sie eine deutliche Verbesserung der Sauerstoffaufnahme bei den Teilnehmern, die jeden Tag vier Gramm des Cordyceps einnahmen. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass eine längere Einnahme von höheren Dosen ab vier Gramm täglich sich positiv auf die Leistungsfähigkeit auswirken kann. Allerdings sind die Dosierungsangaben mit Vorsicht zu betrachten, denn wissenschaftlich fundierte Untersuchungen fehlen dazu.

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Studien mit Tieren

Bei den meisten anderen Studien handelt es sich um Laborversuche im Reagenzglas und an Tieren wie zum Beispiel Mäusen. Deswegen können die Ergebnisse nicht direkt auf Menschen übertragen werden. Dennoch wurde gezeigt, dass zum Beispiel die Polysaccharide des Cordyceps militaris die Leistungsfähigkeit und Ausdauer bei schwimmenden Mäusen erhöhen.3

Zu einem ganz anderen, nicht weniger interessanten Ergebnis kommt eine andere Studie.4 Hier konnten Forscher zeigen, dass die Fütterung von Mäusen mit dem Cordyceps CS-4 eine lebensverlängernde Wirkung hatte. Jene Mäuse, die das Extrakt über etwa zwei Jahre eingenommen hatten, lebten bis zu mehrere Monate länger als Mäuse, die nur ein Placebo erhielten. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass ihre Studie die Annahme stützt, Cordyceps habe bei Menschen möglicherweise einen Anti-Aging-Effekt.

Worauf sollte man bei Präparaten achten?

Als eines der Qualitätskriterien für hochwertige Cordyceps-Präparate gilt die doppelte Extraktion. Dabei werden die Inhaltsstoffe sowohl durch Alkohol als auch durch heißes Wasser gelöst. Einige Hersteller propagieren allerdings eine schonend pulverisierte Form des ganzen Pilzes, da ein Erhitzen Inhaltsstoffe wie beispielsweise Vitamine und Enzyme zerstört.

Genau hier liegt die Problematik: Es ist schwer zu sagen, welche Form der auf dem Markt erhältlichen Präparate am besten wirkt, da Vergleichsstudien fehlen. Außerdem können die verwendeten Pilze verunreinigt sein. Deswegen sollte man in jedem Fall auf Qualitätssiegel achten, wie die von United States Pharmacopeia (USP), NSF International (NSF), Good Manufacturing Practices (GMP) oder das EU-Bio-Siegel.

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Fazit

Es gibt tatsächlich Hinweise darauf, dass der Cordyceps die Leistungsfähigkeit verbessern kann, wenn er über eine längere Zeit und in einer hohen Dosis eingenommen wird. Auch könnte der Vitalpilz einen lebensverlängernden Effekt haben, Studien an Menschen hierzu stehen jedoch noch aus. Da der Raupenpilz seit Jahrhunderten in der Traditionellen Chinesischen Medizin angewendet wird, sind in der empfohlenen Tagesdosis von 1000 bis 3000 Milligramm kaum Nebenwirkungen zu befürchten. Dabei sollte man auf geprüfte und reine Präparate achten mit einem Gütesiegel wie z.B. United States Pharmacopeia (USP), NSF International (NSF), Good Manufacturing Practices (GMP) oder dem EU-Bio-Siegel. Wer gleichzeitig ein Medikament einnehmen muss, sollte in jedem Fall den behandelnden Arzt fragen, ob Wechselwirkungen auftreten können.

Cordyceps im Selbstversuch

„Ich habe über mehrere Wochen hinweg Kapseln mit Bio-Cordyceps-Extrakt genommen, in einer Dosierung von circa 1000 Milligramm täglich mit 30% Pilz-Polysacchariden. Eine klar spürbare Leistungssteigerung beim Kraft- oder Ausdauersport, die sich eindeutig auf den Pilz zurückführen ließe, konnte ich nicht feststellen. Bzw.: Die Verbesserungen können sehr wahrscheinlich auch normale Trainingseffekte gewesen sein. Eines jedoch meine ich festgestellt zu haben: mehr Energie und weniger Müdigkeit. Unerwünschte Nebenwirkungen jedenfalls habe ich keine verspürt.“ Nuno Alves

Quellen