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Experten klären auf

Was bringt das Training auf der Vibrationsplatte wirklich?

Vibrationsplatte
Nicht nur im Fitnessstudio sondern auch zu Hause kann man auf einer Vibrationsplatte trainieren. Aber bringt das wirklich etwas? Foto: iStock/CentralITAlliance

(Fast) allein durch Gleichgewichthalten auf einer vibrierenden Platte sollen die Pfunde purzeln und die Muskeln sowie das Bindegewebe gestärkt werden. FITBOOK hat bei Experten nachgefragt, ob die immer einmal wieder gehypte sogenannte Power Plate – wobei es sich übrigens um einen Markennamen handelt – wirklich hält, was sie verspricht. Oder erfüllt Vibrationstraining vielleicht einen ganz anderen Zweck?

Das Konzept der Vibrationstechnologie stammt aus den 1970er Jahren. Damals soll es in erster Linie für den Einsatz auf internationalen Raumstationen entwickelt worden sein, „um dem Muskel- und Knochenschwund aufgrund der Schwerelosigkeit bei längeren Aufenthalten im Weltraum entgegenzuwirken“. So steht es auf der Website der 2001 gegründeten Firma Power Plate. Inzwischen gibt es mehrere Hersteller von Vibrationsplatten, die Leistungssportlern zu schnellem Muskelwachstum verhelfen sollen und inzwischen auch auf Hobby-Niveau angekommen sind.

So funktioniert die Vibrationsplatte

Das dreidimensionale Vibrieren der Platte fordert die Muskeln zur reflektorischen Reaktion auf. Das heißt: Sie müssen sich anspannen, um das Gleichgewicht zu halten. Und obwohl man kaum sichtbare Leistung abliefert – schließlich ist auf dem Gerät nichts mit Laufen, Radeln, Rudern oder Ähnlichem, es werden lediglich gezielte Kraftübungen durchgeführt – soll es sich um ein intensives Training handeln, insbesondere für die tiefsitzende Muskulatur.

Also einfach drauf stellen und fit werden?

In der Werbung kommt das Prinzip oft herüber wie ein Fit-werde-Programm für richtig Faule. Es heißt, dass bereits 20 Minuten einen Trainingseffekt erzielen würden, für den man ohne Vibration eine gesamte Stunde benötigen würde. Und: dass man auf der Platte richtig Kalorien verbrennt, also einen Diätwunsch unterstützen kann, sowie außerdem etwas gegen Cellulite tut. Die Hersteller berufen sich dabei auf verschiedene Studien, die die positiven Effekte belegen sollen. Deren Haken: Die meisten Untersuchungen sind mit Probanden durchgeführt worden, die das 65. Lebensjahr bereits überschritten haben (und/oder wurden von Firmen finanziert, die entsprechende Geräte vertreiben). Ob und gegebenenfalls wie sich das Ganze auf jüngere Menschen auswirkt, kann man daran nicht ablesen.

Entsprechend kritisch sieht das Thema André Scholz, Geschäftsführer des Physiotherapiezentrums Physion in Frankfurt am Main. Wie er im Gespräch mit FITBOOK erklärt, glaubt er schon daran, dass die Tiefenmuskulatur davon profitieren kann, auf die erzeugten Schwingungen zu reagieren. Generell würde er aber eher dazu raten, das Training so funktionell wie möglich zu gestalten. An der „Mär“ mit der erhöhten Fettverbrennung sei jedenfalls nichts dran – „eine reine Marketing-Nummer, die auf die Bequemlichkeit der Konsumenten abzielt“, urteilt der Physiotherapeut.

Arzt gibt wichtige Anwendungshinweise

Wir fragten darüber hinaus bei Dr. med. Philipp Vorauer nach, Orthopäde bei Marianowicz Medizin in der Privatklinik Jägerwinkel. Er sieht messbare Vorteile durch Vibrationstraining – betont dabei jedoch, dass es tatsächlich auf die Zielsetzung ankommt. Kalorien verbrennen, abnehmen – darum gehe es nicht wirklich. Dahingegen haben er und seine Kollegen schon häufig die Erfahrung gemacht, dass Reha-Patienten durch Vibrationstraining u.a. große Fortschritte in puncto Koordination gemacht haben. Den Haupt-Benefit sieht er jedoch für die Muskulatur.

„Vibrationstraining spricht Muskeln an, die sonst nicht angesteuert werden können“, erklärt er uns. Er veranschaulicht uns das anhand des Rückens, auf dem sich 140 Muskeln befinden. Die tiefenstabilisierenden davon, die man beispielsweise bei Bandscheibenproblemen oder zur Vorbeugung eines Bandscheibenvorfalls trainieren sollte, würden durch Vibrationstraining gestärkt.

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Was genau man auf der Vibrationsplatte machen muss, muss Ihnen ein Fachmann nicht bloß erklären, sondern auch zeigen. Dr. Vorauer gibt dringend zu bedenken, dass die ersten zwei, drei Trainingseinheiten auf der Vibrationsplatte unbedingt unter Anleitung passieren sollten. Um positive Effekte zu erzielen, seien sowohl die richtige Vibrationsfrequenz als auch geeignete Übungen extrem wichtig, und natürlich deren korrekte Ausführung.

Für wen Training auf der Vibrationsplatte nicht geeignet ist

Und: Nicht jede(r) darf auf einer Vibrationsplatte trainieren. Das bestätigt nicht nur der Experte, es ist auch in den entsprechenden Programmen nachzulesen. Power Plate und Co. sind nichts für gesundheitlich Vorbelastete, und dazu zählen u.a. Patienten mit Rückenbeschwerden, kardiovaskulären Vorerkrankungen oder Thrombose, Menschen mit geringer Knochendichte oder einer besonders schwachen Muskulatur. Zum Thema Knochendichte wirft der Sportorthopäde kurz ein: „Bei Osteoporose-Patienten kann man mit gezieltem Vibrationstraining den Knochen wieder aufbauen. Hier zeigt sich einmal mehr, wie wichtig die Zusammenarbeit mit einem Profi ist. Bei einer zu hohen Frequenz könnte ein osteoporotischer Knochen brechen.“

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Auch Schwangere sollten auf einer Vibrationsplatte nicht trainieren, aufgrund der ungewünschten Erschütterung für das Baby, ebenso wenig Jugendliche unter 13 Jahren. Ihre Muskeln sind noch nicht fertig ausgebildet, das könnte Schäden nach sich ziehen. „Eine untrainierte Muskulatur kann die Vibration nicht ordentlich abfedern“, erklärt uns Dr. Vorauer. Das könnte unter anderem Knorpelschäden mit sich bringen. Diese drohen übrigens auch, wenn man sich einfach nur auf die Vibrationsplatte stellt oder setzt. Umso unerlässlicher ist eine professionelle Einweisung und die richtige Übungsabfolge.

Positive Wirkung auf das Herz-Kreislauf-System

Offenbar bringt Vibrationstraining nicht nur dem Bewegungsapparat etwas, sondern auch internen Prozessen. Dr. Vorauer berichtet, dass – wenn man es richtig und regelmäßig macht – die Ausschüttung von Myokinen angeregt wird. „Das sind hormonähnliche Botenstoffe, die sich positiv auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen auswirken“, so der Orthopäde. 

Fazit

Drauflegen und abnehmen – das klappt natürlich nicht. Vibrationstraining kann dem Körper aber andere Vorteile bringen, und tatsächlich soll es sich sogar auf das Bindegewebe auswirken können. Selbst Sportorthopäde Vorauer spricht von 20 Prozent Orangenhaut, die man dadurch „wegvibrieren“ könnte. Das A und O ist, dass man sich in fähige Hände begibt und es regelmäßig macht, aber nicht übertreibt. „Dreimal pro Woche ist gut“, sagt uns Dr. Vorauer, „sonst wird die Muskulatur überbeansprucht und das könnte erneut zu Verletzungen führen.“