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Experten im FITBOOK-Interview

Warum Neuroathletik den Sport revolutionieren kann

Zwei Männer beim Outdoor-Training
Mit dem Neuroathletiktraining kann man seine Leistungsfähigkeit optimieren
Foto: Getty Images

Sporttraining ist kompliziert, denn es geht nicht nur um körperliche Leistungssteigerung durch gezielte Übungen, sondern auch um Koordination, korrekte Bewegungsabläufe, die richtige Ernährung und mentale Stärke. Neuroathletiktraining hebt es auf eine neue Ebene, indem das Gehirn und Nervensystem zusätzlich stimuliert werden und das Training nach neuronalen Gesetzen ausgerichtet wird, um dem Körper weiteres Potenzial zu entlocken. Die Experten Ulla Schmid-Fetzer und Lars Lienhard verraten uns, was sich dahinter verbirgt.

Der Begriff Neuroathletiktraining tauchte im Jahr 2014 auf, während Lars Lienhard als Trainer die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der WM in Rio betreute. Lienhard gilt als derjenige, der den neuro-zentrierten Ansatz in den deutschen Spitzensport brachte. Zu seinen populären Athleten zählen die deutsche Top-Sprinterin Gina Lückenkemper ebenso wie Weltmeister Per Mertesacker und Bayern-Star Serge Gnabry, Handballspieler Bastian Roscheck und Rennrodel-Olympiasiegerin Tatjana Hüfner.

Die Methode von Lienhard basiert unter anderem auf dem sogenannten „Z-Health“-Ansatz von Dr. Eric Cobb aus den USA. Auch Cobb setzt auf die Optimierung der Verbindung zwischen Gehirn und Körper – nicht nur um die Leistung von Sportlern zu verbessern, sondern auch, um Genesungsprozesse nach Verletzungen zu beschleunigen und chronische Schmerzen bei Patienten zu behandeln.

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Sowohl Cobb als auch Lienhard machen sich die Fähigkeit des Gehirns zunutze, bis ins hohe Alter lernfähig zu sein. Es passt sich von seiner Struktur und Funktion immer der Nutzung an. Diese Fähigkeit wird als Neuroplastizität bezeichnet. Zudem wird das sogenannte „Sensory Priming“ angewendet. Auf Deutsch bezeichnet man es als „sensorisches Vorbahnen“. Es funktioniert wie folgt: Ein starker, positiv wirkender Stimulus wird genutzt, um die Aktivität gewisser Hirnareale hochzufahren, sodass der darauf folgende Reiz – das eigentliche Training – besser integriert werden kann. Das ist insbesondere beim motorischen Lernen ein großer Zugewinn.

Wir wollten es genau wissen und befragten dazu die Experten Ulla Schmid-Fetzer und Lars Lienhard. Sie stellten in diesem Jahr ihr Buch „Neuroathletiktraining: Grundlagen und Praxis des neurozentrierten Trainings“ vor. Für Interessierte findet vom 10.-11. November 2018 die weltweit erste Konferenz zu diesem Thema in München statt. Hauptredner werden Dr. Eric Cobb und Lars Lienhard sein, die das Neuroathletiktraining geprägt haben.

FITBOOK: Was macht das Neuroathletiktraining so besonders?

Lars Lienhard: „

Das Gehirn macht dabei drei Dinge: es empfängt Informationen aus der Umgebung, der eigenen Bewegung und Informationen aus dem Körper, wertet diese im zweiten Schritt aus, integriert sie und entscheidet dann wie schnell oder stark die nächste Bewegung unter diesen Umständen sein soll. Das alles läuft immer unter der Prämisse der Sicherheit und nicht der Leistungsfähigkeit. Werden die eingehenden Informationen also als ,nicht sicher‘ eingestuft, kommt es zu Schutzmaßnahmen, die die Leistungsfähigkeit drosseln.

Das neurozentrierte Training beschäftigt sich nun intensiv mit allen drei Komponenten: dem Input, der Interpretation und dem Endergebnis der eigentlichen Bewegung. Herkömmliche Ansätze konzentrieren sich nur auf das Ergebnis und nicht, wie es zustande kommt. Neuroathletiktraining ist daher nicht nur eine Erweiterung des Herkömmlichen um neuronale Komponenten, es bildet die eigentliche Grundlage für jedes Training.“

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Wie gehen Sie vor, wenn Sie einen neuen Athleten betreuen?

Ulla Schmid-Fetzer: „Anhand von spezifischen Fragen und einem Anamnesebogen werden zunächst wichtige Informationen zur Verletzungshistorie und zu möglichen Steuerdefiziten erhoben. Im Anschluss erfolgt das Erstellen eines neuronalen Profils durch verschiedene Tests, die in Bezug zu den bewegungssteuernden Systemen und den Hirnarealen stehen, die für die Verarbeitung der Informationen zuständig sind. Die Leistungsfähigkeit kann an jeder Station der Informationsaufnahme wie Augen, Gleichgewichtsorgan, Haut oder Gelenken, der Informationsweiterleitung (peripheres und zentrales Nervensystem) und der Informationsbearbeitung, Analyse und Integration (Klein-, Mittel- und Stammhirn sowie den verschieden Kortexarealen) negativ beeinträchtigt werden. All diese Bereiche können durch leichte Tests auf ihre Funktion hin überprüft werden. So ist es möglich, ein umfangreiches Bild über das neuronale Profil des Athleten zu bekommen.“

Sie meinten, das Batterie-Beispiel sei nur eine kleine Anwendungsmöglichkeit des Neuroathletiktrainings. Können Sie uns andere Methoden nennen?

Schmid-Fetzer: „Üblicherweise arbeiten wir mit einem Augen-, Gleichgewichts- und ganz spezifischem Mobility-Training, aber auch Atemtechniken und das gezielte Arbeiten mit dem sensorischen System können Aspekte des Trainings sein. Das alles wird dann individuell und auf das neuronale Anforderungsprofil der Sportart angepasst.“

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Haben Sie beispielsweise die Methode mit der Batterie selbst entwickelt?

Lienhard: „Nein, die Idee kam über die Studienlage aus der motorischen Forschung, durch neue Erkenntnisse der Neurowissenschaften und der Arbeit von Dr. Eric Cobb. Der Kontext und die spezifische Anwendung wurden dann aus meiner Praxisarbeit erstellt. Es gibt heutzutage sehr viele wissenschaftliche Erkenntnisse, die nur auf eine Umsetzung warten. Leider ist es aus der Mode gekommen, denjenigen Respekt zu zollen, die die Vorarbeit geleistet haben, indem sie das Wissen generierten.“

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Ist diese Art des Trainings eher was für Spitzensportler oder können auch Hobby-Sportler davon profitieren?

Lienhard: „Es geht um ein Optimieren neuronaler Prozesse der Bewegungssteuerung, daher ist es für jeden Menschen geeignet. Das Training wurde durch unsere Arbeit im Spitzensport bekannt, aber das ist nur, was wir speziell machen. Die Ausbildung der Trainer ist jedoch zeit-, kosten- und studienintensiv, sodass es noch nicht viele in dem Bereich ausgebildete Trainer gibt. In zehn bis 20 Jahren wird das hoffentlich anders aussehen und wir einen komplett anderen Zugang zu Sport und Bewegung haben, als es heutzutage noch der Fall ist.“

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