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Sportersatz in der Corona-Krise

Trainiert ein langer Spaziergang die Ausdauer?

Frau beim Spaziergang im Park
Das tut einfach gut! In Corona-Zeiten haben viele die Liebe zum ausgedehnten Spaziergang (wieder)entdeckt.
Foto: Getty Images

Um dem Bewegungsmangel in der Corona-Kriese etwas entgegenzusetzen, haben viele ausgedehnte Spaziergänge für sich entdeckt. Das ist gut so! Wer jetzt kontinuierlich dran bleibt, hat gute Chancen, mit 90 fitter zu sein als ein ehemaliger Leistungssportler, sagt der Arzt und Sportler Dr. Paul Schmidt-Hellinger.

Haben Sie die Zeit am Wochenende auch für einen langen Spaziergang genutzt und waren dann ganz stolz auf die Zahl der Schritt, die Sie geschafft haben? Die Flucht ins Grüne hat in Corona-Zeiten das Potenzial für eine Renaissance. Denn unsere überfüllte Arbeitswelt hat dazu geführt, dass wir unsere Freizeit effizient gestalten. Dazu gehört auch, dass wir für die Erhaltung unsere Gesundheit ins Fitnessstudio gehen – anstatt zwei Stunden durch die Gegend zu pilgern. Dort gibt’s dann für dieselbe Zeit auch noch muskulöse Arme, Oberschenkel und einen Saunagang obendrauf. Wie effizient!

Nun sind die Gyms geschlossen und wer nicht joggen geht – oder aus vielerlei Gründen in den letzten Wochen nicht zum Läufer wurde, aber dennoch seine Bewegung ankurbeln will, stieß, beflügelt von allerfeinstem Frühlingswetter, plötzlich auf diese Möglichkeit: auf zehn, 15 Kilometer ausgedehnte Spaziergänge. Wohlfühlen mit Kalorienverbrauch!

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Der Sportmediziner begrüßt die neue Liebe zum Spaziergang

Ob im Park oder Wald, allein oder mit dem Partner: In der Krise tut uns das Spazierengehen ganz offensichtlich gut und von vielen wird die wohltuende Bewegungsform inzwischen auch als Sportersatz genutzt. Ein Trend, den auch Dr. Paul Schmidt-Hellinger, Sportmediziner an der Charité, beobachtet und als sehr positiv bewertet.

Über die gesundheitlichen Benefits der berühmten 10.000 Schritte pro Tag (entspricht bei einer durchschnittlichen Schrittlänge von 65 Zentimetern 6,5 Kilometern)  hat FITBOOK in der Vergangenheit bereits berichtet. Hier soll es um größere Distanzen gehen. Welche gesundheitlichen Vorteile haben Spaziergänge von zehn Kilometern Länge und mehr? Wie sind sie im Vergleich zum Joggen einzuordnen? Inwieweit kann man damit seine Ausdauerfähigkeit verbessern? Sollte man dabei auf die Geh-Geschwindigkeit achten? Und ist es am Ende des Lebens vielleicht sogar besser, ein eifriger Spaziergänger gewesen zu sein als ein Leistungssportler?

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Spazierengehen und Ausdauerfähigkeit

FITBOOK: Herr Dr. Schmidt-Hellinger, kann man mit langen Spaziergängen seine Ausdauerfähigkeit verbessern?

Schmidt-Hellinger: „Das kommt darauf an. Beim Spazieren im Sportwandertempo (6 Kilometer pro Stunde) liegt die Belastung des Herz-Kreislauf-Systems in der Regel unter 50 Prozent der maximalen Leistungsfähigkeit. Die Ausdauerfähigkeit verbessert sich ab 60 bis 70 Prozent. Wer sportlich ist, hat durch einen Spaziergang also keinen Trainingseffekt. Wer aber stark übergewichtig ist oder 20 Jahre kein Sport getrieben hat, hat vielleicht nur die Hälfte der Ausdauerfähigkeit eines fitten Läufers – und dann ist der Trainingseffekt auf die Ausdauerfähigkeit da. Für diese Menschen ist Spazierengehen genau das Richtige!“

FITBOOK: Abgesehen vom psychischen Mehrwert: Inwiefern profitieren sportliche bis sehr sportliche Menschen von ausgedehnten Spaziergängen?

Schmidt-Hellinger: „Die senken ihre Verletzungsanfälligkeit und können sich über den Kalorienverbrauch freuen. Der ist nämlich gar nicht so niedrig! Eine Stunde Spazierengehen verbrennt beispielsweise so viele Kalorien wie 20 Minuten joggen – also in etwa 200 Kalorien. Als grobe Regel kann man sagen, dass ein Drittel der Jogging-Kalorien verbrannt werden. Diese Kalorien werden beim Gehen eher über den Fettstoffwechsel verbrannt und trainieren diesen. Bei einem 10-Kilometer-Lauf auf Zeit hingegen verbrennt man überwiegend Zucker. Deshalb verbessert Spazierengehen nicht unbedingt die 10-Kilometer-Bestzeit.“

FITBOOK: Können Sportler entfallenes Training kompensieren, indem sie zu Hause die Kraft mit Bodyweightübungen stärken und als Ergänzung spazieren gehen?

Schmidt-Hellinger: „Ja, dann müssen sie aber darauf achten, beim Home-Workout in einen hohen Herzfrequenzbereich zu kommen. Mein Tipp: Kniebeugen, im Extremfall mit Luft anhalten!“

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Spaziergänger vs. Leistungssportler

FITBOOK: Wer ist im Alter gesünder: der, der zwischen 20 und 30 ganz viel Sport macht oder für ein, zwei Jahre auf absolut hohem Leistungsniveau ist – oder der, der sein Leben lang kontinuierlich spazieren gegangen ist?

Schmidt-Hellinger: „ Diese Person ist zwar nicht besonders leistungsfähig, hat aber ein gutes Grundniveau und ist mit 90 höchstwahrscheinlich fitter als ein ehemaliger Leistungssportler, der seine Reserven aufgebraucht hat und dem lediglich das Mindset eines Sportlers bleibt, wenn er wieder mit dem Training beginnen möchte.“

FITBOOK: Wie viele Kilometer pro Tag wären optimal?

Schmidt-Hellinger: „Die menschliche Anatomie ist auf 15 Kilometer Gehen pro Tag ausgerichtet. Das wäre also optimal. Großstädter tendieren übrigens dazu, mehr zu gehen als die Landbevölkerung. Man hat ausgerechnet, dass der durchschnittliche New Yorker im Schnitt acht bis zehn Kilometer am Tag zurücklegt. Es hat mit den großen Bahnhöfen zu tun.“

Geschwindigkeit beim Spaziergang? Egal!

FITBOOK: Welche Gehgeschwindigkeit ist ideal?

Schmidt-Hellinger: „Beim Spazierengehen sollte es mehr um Mindfulness (Fokus auf den Moment, Anm. d. Redaktion) gehen als um die Uhr. Man sollte das Tempo gehen, das einem gefällt und so lange gehen, wie man Lust hat. Dann kommt man automatisch in einen Zustand, in dem man sich fit und ausgeglichen fühlt.“

FITBOOK: Wie kann man sich zum Spazierengehen motivieren?

Dr. Paul Schmidt-Hellinger ist Arzt und Sportler

Dr. Paul Schmidt-Hellinger ist Arzt und Marathonläufer
Foto: privat

Schmidt-Hellinger: „Mich spornt es beispielsweise an, zu schauen, wie weit ich komme. Dann merke ich: Wow, so weit war ich noch nie von zu Hause weg! Dieser Ansporn steckt in uns drin, denke ich. Man kann sich z. B. auch vornehmen, mal bis zur Stadtgrenze zu gehen.“

Zur Person: Dr. Paul Schmidt-Hellinger (34) ist Arzt, erfolgreich auf der Marathondistanz und liebt ausgedehnte Spaziergänge. Weil der Sportler kürzlich operiert wurde, kann er momentan noch keine langen Strecken zurücklegen. Am Wochenende kam er immerhin auf 12.000 Schritte (Samstag) und 4000 Schritte am Sonntag – ergänzt um 30 Kilometer Radfahren und einen Besuch in der eigenen Gartensauna.