30. März 2026, 4:27 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
In der Medizin ist der Placebo-Effekt bereits länger bekannt, doch kann er auch beim Training seine Wirkung zeigen? Dieser Frage gingen Forscher aus Norwegen auf den Grund – mit einem erstaunlichen Ergebnis.
Eltern kleben ein Pflaster auf eine kleine Wunde des Kindes und schon tut es nicht mehr weh. Oder Senioren erhalten eine Vitamin-Pille in dem Glauben, dass es sich um ein Medikament handelt, und schon scheint es ihnen besser zu gehen. Dies sind nur zwei Beispiele des Placebo-Effekts, wie er im medizinischen Kontext zur Anwendung kommt. Dass es sich dabei nicht nur um Einbildung handelt, sondern tatsächlich entsprechende Prozesse im Körper ausgelöst werden, konnte die Forschung bereits zeigen.1 Doch kann man sich auf ähnliche Weise auch größere Trainingserfolge quasi „ermogeln“? Eine Studie der University of Agder (Norwegen) von 2023 lieferte spannende Hinweise.2
Ablauf der Studie
Um herauszufinden, ob es den Placebo-Effekt beim Training gibt, verglichen die norwegischen Forscher verschiedene Trainingsmaßnahmen an ihren Probanden. Diese bestanden aus 40 Sportlern (31 Männer, 9 Frauen), die eine zehnwöchige Trainingsintervention absolvierten. Vorher durchliefen sie eine Reihe physischer Tests, auf deren Basis für einen Teil der Studienteilnehmer angeblich (für den möglichen Placebo-Effekt) ein individuell auf die Personen abgestimmtes Trainingsprogramm erstellt wurde.
Trainingsmaßnahmen im Vergleich
Per Zufall wurden die Probanden in zwei Gruppen eingeteilt. Der Interventionsgruppe (Placebo-Gruppe) wurde gesagt, dass sie ein auf ihr Kraft-Geschwindigkeits-Profil personalisiertes Training absolvieren werden. Die anderen Probanden erhielten die Auskunft, dass sie die Kontrollgruppe ohne personalisiertes Training darstellten. In Wahrheit trainierten jedoch alle 40 Teilnehmer mit dem gleichen Programm.
Leistungsdiagnostik
Anschließend erhoben die Forscher mittels verschiedener Messungen aus dem Bereich der sportlichen Leistungsdiagnostik Daten, anhand derer sie den Trainingserfolg beurteilen konnten. Dazu gehörten:
- der Counter Movement Jump (CMJ), um die Explosivkraft beim Springen zu ermitteln
- der 20-Meter-Sprint, um die Schnelligkeit zu testen
- der One-Repetition-Maximum (1RM) bzw. das Einwiederholungsmaximum in der Kniebeuge, um zu prüfen, welches maximale Gewicht die Probanden bewegen konnten
- eine Ultraschalluntersuchung der Dicke des Oberschenkelmuskels (M. rectus femoris)
Außerdem machten die Wissenschaftler einen Krafttest an der Beinpresse und ließen die Probanden einen Fragebogen ausfüllen, um zu ermitteln, wo auf der sogenannten Stanford Expectations of Treatment Scale sie sich einordneten. Mit den für die Skala eigens erstellten Fragen kann eine Aussage über die Erwartungen einer Person – etwa vor einer medizinischen Behandlung oder wie in diesem Fall vor dem Start des Trainingsprogramms – getroffen werden. Da ein Placebo-Effekt von der Erwartung eines positiven Ausgangs bzw. dem Glauben daran, abhängt, war dieser Parameter für die Studie von wesentlicher Bedeutung.
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Der Placebo-Effekt auf Training und Leistung
Und tatsächlich: Obwohl beide Gruppen das gleiche Training absolvierten, zeigten sich Unterschiede im Trainingserfolg. „Es zeigte sich, dass diejenigen, die glaubten, ein individuell angepasstes Trainingsprogramm erhalten zu haben, im Durchschnitt bessere Ergebnisse erzielten als die Kontrollgruppe“, erklärte Kolbjørn Andreas Lindberg, einer der Studienautoren, in einer Pressemitteilung.3 Besonders deutlich zeigte sich der Placebo-Effekt beim 1-RM-Test in der Kniebeuge und bei der gemessenen Muskeldicke.
Dagegen zeigte sich kein Placebo-Effekt auf Schnelligkeit und Sprunghöhe. Bei den 20-Meter-Sprints und den Sprungtests gab es keinen signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen.
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Placebo-Gruppe war fleißiger
Außerdem stellten die Forscher bei der Placebo-Gruppe eine höhere Adhärenz fest als bei der Kontrollgruppe. Das bedeutet schlicht, dass sich die Mitglieder der Placebo-Gruppe besser an die Vorgaben des Trainingsprogramms hielten. Womöglich deshalb, so vermuten die Wissenschaftler, weil mit ihnen vorab genau besprochen worden war, welches individuelle Training mit welchem spezifischen Trainingsziel sie absolvierten. Sie hatten daher vielleicht einen höheren Ehrgeiz, ihr Bestes zu geben und das abgesteckte Ziel zu erreichen.
„Es mag ein wenig überraschen, dass Placebo auch für Sport gilt. Aber wenn man darüber nachdenkt, macht es durchaus Sinn“, fasste Lindberg die Studienerkenntnisse zusammen. „Es gab Hinweise darauf, dass die Teilnehmer, die glaubten, ein persönliches Programm zu verfolgen, ein wenig mehr und mit höherer Intensität trainierten. Viele solcher kleiner Faktoren können das Ergebnis beeinflussen.“
Einordnung
Wir wollen festhalten: Es zeigten sich spannende Hinweise darauf, dass ein Placebo-Effekt auch im Trainingskontext auftreten kann. Der ‚Wunder-Effekt‘ hatte in der Studie jedoch seine Grenzen. Während die Kraft in den Beinen deutlich zunahm, gab es beim Sprinten und Springen kaum Unterschiede zwischen den Gruppen. Zudem handelt es sich um eine kleine Studie mit wenigen Probanden, die auf sich allein gestellt trainierten. Gerade deshalb vermuteten die Forscher, dass die Placebo-Gruppe durch ihre hohe Erwartungshaltung einfach jede einzelne Trainingseinheit mit etwas mehr Biss und Qualität durchgezogen hat – und am Ende genau dafür belohnt wurde.