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Natürliches Blutdoping

Wie effektiv ist eigentlich Höhentraining?

Die französische Nationalmannschaft trainiert in den französischen Alpen
Höhentraining soll zu einem verbesserten Sauerstofftransport führen und dadurch die Leistungsfähigkeit verbessern. Hauptsächlich wird sie von Ausdauersportlern eingesetzt, teilweise aber auch im Profifußball (in diesem Fall von der französischen Nationalmannschaft 2010).
Foto: Getty Images

Wussten Sie, dass hinter Höhentraining dasselbe Prinzip steckt wie bei Doping mit EPO? Wie diese Trainingsmethode genau funktioniert und warum auch Hobbysportler davon profitieren können, das lesen hier:

Das steckt hinter der Trainingsmethode

FITBOOK hat mit Dr. Pramsohler vom Hermann-Buhl-Institut für Höhenforschung gesprochen, um sich die Funktion dieser Trainingsmethode von einem Experten erklären zu lassen. Dr. Pramsohler sagt: „Ab einer Höhe von etwa 2000 bis 2500 Metern herrscht ein geringerer Luftdruck vor. Als Folge nimmt der Sauerstoffpartialdruck im Körper ab und die Konzentration von Sauerstoff im Blut reduziert sich.“ Diesen – eigentlich negativen – Rahmenbedingungen versuche der Körper mit mehreren Anpassungsmechanismen entgegenzuwirken, die sich dann positiv auf den Sauerstofftransport auswirken würden.

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Bei Sauerstoffmangel im Blut bildet die Niere vermehrt Erythropoetin (besser bekannt als EPO) und als Folge auch mehr Hämoglobin und rote Blutkörperchen (Erythrozyten) – was wiederum den Sauerstofftransport verbessert. Und genau diesen Effekt wollen sich Sportler beim Höhentraining zunutze machen.

Anpassung des Körpers beim Höhentraining

  • Vermehrte Synthese von Erythropoetin
  • Vermehrte Synthese von Hämoglobin und Erythrozyten
  • Bessere Durchblutung der Muskulatur durch erhöhte Kapillarbildung

Der Name EPO sagt Ihnen was? Kein Wunder, denn das Hormon erreichte in den letzten Jahrzehnten als Dopingmittel, nicht zuletzt im Radsport, unrühmliche Bekanntheit.

Steigerung der sportlichen Leistungsfähigkeit?

Im Hochgebirge muss der Körper deutlich härter arbeiten, um die gleiche Leistung wie im Flachland abrufen zu können (daher auch die schnellere Atmung und der erhöhte Puls). Deswegen berichten viele Sportler auch von Anpassungsschwierigkeiten beim Höhentraining: Sie fühlen sich schlapp und weniger leistungsstark.

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Dass an diesem Gefühl etwas dran ist, das hat eine Auswertung mehrerer Studien ergeben. Fazit der Forscher: Ja, die Leistung beim Ausdauertraining in den Bergen nimmt ab – und zwar schon minimal ab einer Höhe von 600 – 800 Metern! Ab 1000 Metern sind Einbußen von 2 bis 4 Prozent zu erwarten, ab 2000 Metern dann von mindestens 4 Prozent.

Je höher der Berg, desto stärker nimmt die Ausdauerleistung beim Sport ab. Trainiert man auf über 2000 Höhenmetern, muss man mit einer Fitness-Verschlechterung von mindestens 4 % rechnen.
Foto: Getty Images, Fitbook

Aber warum setzen viele Sportler dann auf Höhentraining, wenn es sich negativ auf die Fitness auswirken soll?

Deswegen schwören Sportler auf Höhentraining

Wie oben beschrieben, wirkt sich Höhentraining erst einmal positiv auf den Sauerstofftransport aus. Und dieser Effekt soll mehrere Wochen anhalten. Deshalb versprechen sich Ausdauersportler Vorteile bei Wettkämpfen.

Natürliches Blutdoping

Höhentraining wird auch als natürliches Blutdoping bezeichnet, weil der zu Grunde liegende Wirkmechanismus in beiden Fällen derselbe ist. Beide Methoden erhöhen die EPO-Konzentration, wodurch der Sauerstofftransport verbessert wird. In den Bergen ist dies eine natürliche Anpassung an die Sauerstoffknappheit, der Effekt hält aber auch nur kurz an. Bei Einnahme von EPO-Tabletten oder Eigenblutdoping kann der Sauerstofftransport hingegen langfristig und bei deutlich geringerem Aufwand verbessert werden, weshalb die Mittel von der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) auch strengstens verboten sind.

Allerdings ist ein ziemlicher großer Trainingsaufwand notwendig, damit dieser Effekt überhaupt auftritt. Mindestens 15 Stunden Training über einen Zeitraum von drei Wochen gelten als Minimum, damit der Körper ausreichend rote Blutkörperchen produziert, um die Ausdauerleistung merklich zu verbessern.

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Regelmäßiges Training bei einer Höhe von 2000 Metern oder mehr optimiert den Sauerstofftransport und soll die sportliche Leistungsfähigkeit verbessern
Foto: Getty Images

Lohnt sich das Training in den Bergen?

Insgesamt sieht unser Experte Dr. Pramsohler die aktuelle Studienlage über das Höhentraining als nicht sonderlich überzeugend an, zumindest wenn es um die Leistungssteigerung für Sportler geht: „Physiologisch vorteilhafte Anpassungen beim Sauerstofftransport finden zwar statt, gleichzeitig sind die Sportler aber nicht in der Lage, die maximale Intensität beim Training abzurufen. Diese beiden Effekte scheinen sich zu neutralisieren, weshalb die Methode unterm Strich weniger effektiv ist, als vor einigen Jahren noch angenommen.“

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In bestimmten Fällen kann ein solches Training aber trotzdem Sinn machen, führt der Höhenforscher weiter aus.

Höhentraining im Fitness-Studio

Um in den Genuss der positiven Effekte von Höhentraining zu kommen, muss man nicht mehr zwangsläufig ins Hochgebirge aufbrechen. Mittlerweile wird in den meisten großen Städten Training bei Sauerstoffknappheit (Fachbegriff: Hypoxie-Training) angeboten. Hierbei wird in abgedichteten Räumen gezielt Stickstoff zugeführt, wodurch der prozentuale Sauerstoffanteil absinkt und die zuvor beschriebenen Anpassungen beim Sauerstofftransport stattfinden. Ebenfalls nach demselben Prinzip operieren bestimmte Hypoxie-Masken.

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Ein solches Training soll den Körper schon zu Hause auf die erhöhte Belastung bei anspruchsvollen Bergtouren vorbereiten. Dadurch sei man nicht nur fitter beim Wandern, sondern reduziere vor allem das Risiko der gefährlichen Höhenkrankheit. Denn: Ausreichende körperliche Vorbereitung und Akklimatisierung, wie sie von professionellen Alpinisten in der Regel betrieben wird, kommt bei Hobby-Bergsteigern häufig zu kurz. Darunter leidet dann nicht nur die Fitness, sondern es steigt auch die Gefahr für die gefürchtete Höhenkrankheit. Und die kann im schlimmsten Fall sogar tödlich verlaufen.

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Gleichzeitig betont aber Dr. med. Ulrich Steiner (Höhenmediziner und Flugrettungsnotarzt in Tirol), dass kein Studio und kein Gerät eine natürliche Akklimatisierung vor Ort gleichwertig ersetzen können.

Fazit

Höhentraining, dem dasselbe Prinzip zugrunde liegt wie EPO-Doping, soll durchaus positive Effekte auf die Ausdauer (genauer gesagt auf dem Sauerstofftransport) haben. Die sollen aber nicht so signifikant sein, wie man früher noch angenommen hat. Gleichzeitig bieten Höhentraining simulierende Kammern und Masken in modernen Studios die Möglichkeit einer (Vor-)Akklimatisierung für anstehende Bergtouren.