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Orthopädischer Chefarzt klärt auf

Typisches Schmerzbild! Diesen Läufern rate ich von Carbonschuhen ab

Orthopäde rät den meisten Läufern von Carbonschuhen ab
Prof. Thomas Kälicke hat auch eine eigene Erfahrung mit Carbon-Schuhen Foto: Elena Popova, privat, Collage: FITBOOK
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Prof. Dr. med. Thomas Kälicke
Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie

13. August 2026, 20:07 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Carbonschuhe halten in der Regel ihr Versprechen, mit weniger Energie etwas schneller laufen zu können. Nicht nur Profis, auch Hobbyläufer sind längst auf den Zug aufgesprungen. Die Schattenseiten dieser Entwicklung beobachtet der orthopädische Chefarzt Thomas Kälicke immer häufiger in seiner Sprechstunde: Patienten berichten von einem ähnlichen Schmerzbild. Was der Experte Läufern rät, die auf Carbon umsteigen wollen – und wem er grundsätzlich davon abrät.

Seit Carbonplatten und hochreaktive Schaumstoffe die Mittelsohlen moderner Wettkampfschuhe dominieren, sind die Marathonzeiten förmlich explodiert. Viele Experten gehen davon aus, dass diese sogenannten Superschuhe die Laufökonomie um ein bis vier Prozent verbessern können. Im Marathon können solche Unterschiede über Minuten entscheiden. Die Schattenseite dieser Entwicklung beobachte ich allerdings nicht bei Weltrekordlern, sondern in meiner orthopädischen Sprechstunde.

So machen Carbon-Laufschuhe schneller: Im Inneren befindet sich eine steife Carbonplatte, die von hochreaktivem Schaumstoff umgeben ist. Dieses System funktioniert, vereinfacht gesagt, wie eine Feder. Beim Aufsetzen des Fußes wird Energie gespeichert. Beim Abdruck wird ein Teil dieser Energie wieder freigesetzt und nach vorn übertragen. Gleichzeitig verändert die Carbonplatte die Abrollbewegung des Fußes und verbessert die Laufökonomie.

Was ich in meiner Sprechstunde beobachte

Ich bin seit vielen Jahren orthopädischer Chefarzt und behandle täglich Menschen mit Beschwerden des Bewegungsapparates. In den vergangenen Jahren habe ich den Eindruck gewonnen, dass chronische Beschwerden der Achillessehne deutlich häufiger geworden sind.

Natürlich gibt es dafür keine persönliche Statistik. Aber auffällig häufig beginnt die Krankengeschichte mit einem Satz wie: „Eigentlich habe ich gar nichts verändert. Ich habe mir nur neue Laufschuhe gekauft.“ Und nicht selten handelt es sich dabei um Carbonschuhe.

Wenn Patienten mit Achillessehnenschmerzen beim Orthopäden erscheinen, wird häufig die Diagnose einer Überlastung gestellt. Das ist meistens richtig. Aber die entscheidende Frage lautet: Warum ist es überhaupt zu dieser Überlastung gekommen? Genau hier lohnt sich eine detaillierte Anamnese.

  • Was wurde in den vergangenen Wochen verändert?
  • Wurde das Trainingsvolumen erhöht?
  • Wurden zusätzliche Intervalle eingebaut?
  • Gab es Gewichtsveränderungen?
  • Wurde die Lauftechnik verändert?
  • Oder wurden schlicht neue Schuhe gekauft?

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Bei schleichend entstehenden Schmerzen lohnt sich diese Frage

Bei schleichend entstehenden Schmerzen lohnt es sich grundsätzlich immer, einen Schritt zurückzutreten und sich genau diese Frage zu stellen: Was habe ich in letzter Zeit anders gemacht als sonst? Die Antwort liefert häufig bereits den Schlüssel zur Diagnose.

Die Achillessehne ist die stärkste Sehne unseres Körpers. Sie verbindet die Wadenmuskulatur mit dem Fersenbein und muss bei jedem Laufschritt enorme Kräfte übertragen. Gleichzeitig ist sie deutlich schlechter durchblutet als ein Muskel und passt sich wesentlich langsamer an neue Belastungen an.

Genau deshalb sehe ich immer wieder dieselbe Konstellation: Der Muskel fühlt sich bereits leistungsfähig an, aber die Sehne ist es noch nicht. Dieses Prinzip habe ich bereits in einem früheren FITBOOK-Beitrag beschrieben: Muskeln reagieren erstaunlich schnell auf Trainingsreize, Sehnen dagegen benötigen oft Monate für strukturelle Anpassungen.

Genau hier entsteht die Gefahr. Der Läufer fühlt sich fit – die Sehne denkt etwas anderes. Und irgendwann meldet sie sich mit Schmerzen, einer chronischen Reizung oder, im schlimmsten Fall, mit einem Riss.

Typische Beschwerden nach Umstieg auf Carbonschuhe

Durch die steife Carbonplatte und die besondere Sohlenkonstruktion verschieben sich Belastungen innerhalb der gesamten Bewegungskette: Ein Teil der Kräfte wird stärker in Richtung Wade und Achillessehne geleitet. Insbesondere Läufer, die bislang ausschließlich in klassischen Trainingsschuhen unterwegs waren und relativ abrupt auf Carbon umsteigen, spüren diese Veränderung häufig sehr deutlich.

Typische Beschwerden sind:

  • Schmerzen wenige Zentimeter oberhalb des Fersenbeins
  • Anlaufschmerzen am Morgen
  • Druckschmerzen entlang der Achillessehne
  • Spannungsgefühl in der Wade
  • Beschwerden nach Tempoläufen

Häufig ist dabei nicht nur die Sehne selbst betroffen. Auch das umgebende Sehnengleitgewebe kann sich entzünden und Schmerzen verursachen.

Meine eigene Erfahrung mit Carbonschuhen

Ich muss an dieser Stelle zugeben: Ich liebe Carbon-Laufschuhe. Als ehemaliger 400-Meter-Läufer habe ich bis heute eine gewisse Affinität zu Geschwindigkeit. Als ich mein erstes Paar angezogen habe, war ich sofort begeistert. Der Schuh fühlt sich schnell an, direkt, explosiv. Man merkt sofort, dass man anders läuft. Leider geil. Genau das macht die Sache so verführerisch.

Ich habe allerdings gleichzeitig gespürt, dass sich die Belastung ungewohnt anfühlt. Vielleicht war ich als Orthopäde einfach etwas sensibilisiert. Jedenfalls habe ich bewusst nicht den Fehler gemacht, direkt zehn Kilometer damit zu laufen. Meine ersten Einheiten absolvierte ich auf dem Laufband. Ich lief mich mit normalen Schuhen ein und wechselte anschließend für wenige Minuten in die Carbonschuhe. Diese Intervalle habe ich über mehrere Monate hinweg langsam verlängert. So hatte meine Achillessehne ausreichend Zeit, sich strukturell anzupassen. Ergebnis: Heute kann ich problemlos zehn Kilometer am Stück in Carbonschuhen laufen, wenn ich einmal richtig Tempo machen möchte.

Wem ich von Carbonschuhen abrate und wem nicht

Das muss letztlich jeder für sich selbst entscheiden. Meine persönliche Meinung: Für ambitionierte Läufer können diese Schuhe dagegen ein interessantes Trainingswerkzeug sein. Vor allem für Tempoläufe und Intervalltraining.

Freizeitläufer haben meist keinen messbaren Nutzen, tragen aber ein höheres Verletzungsrisiko durch instabile Sohlen. Ich würde sagen: Wer zehn Kilometer nicht sicher unter 50 Minuten laufen kann und keine leistungsorientierten Ziele verfolgt, braucht in aller Regel keinen Carbon-Schuh.

Hinzu kommt: Die Schuhe sind teuer, je nach Modell kosten sie zwischen 250 und 500 Euro. Gleichzeitig verlieren Schaumstoff und Carbonkonstruktion relativ schnell ihre ursprünglichen Eigenschaften. Wer regelmäßig mit ihnen trainiert, muss damit rechnen, deutlich häufiger neue Schuhe kaufen zu müssen als bei klassischen Trainingsschuhen.

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Achillessehnenprobleme?

Wenn bereits eine chronische Achillodynie besteht – also anhaltende Schmerzen und Reizung der Achillessehne –, empfehle ich überwiegend zunächst eine Pause von Carbonschuhen. In dieser Phase stehen andere Dinge im Vordergrund:

  • gezieltes Krafttraining für die Wadenmuskulatur
  • regelmäßiges und ausreichend langes Dehnen
  • Kryotherapie
  • schrittweiser Belastungsaufbau

Der Wiedereinstieg sollte langsam erfolgen, tatsächlich sogar sehr langsam. Besonders gut funktioniert das auf dem Laufband! Zunächst wird mit normalen Schuhen eingelaufen, dann folgen wenige Minuten mit dem Carbonschuh. Diese Intervalle werden über Wochen und Monate gesteigert. Dasselbe Prinzip funktioniert auch draußen – ein zweites Paar Schuhe im kleinen Laufrucksack genügt.

Mein Fazit

Carbon-Laufschuhe sind faszinierende Technologie. Sie können schneller machen, können Spaß machen, und sie haben zweifellos dazu beigetragen, dass heute Leistungen möglich sind, die vor wenigen Jahren noch kaum vorstellbar erschienen. Aber jeder technische Fortschritt hat auch eine Kehrseite. In meiner Sprechstunde sehe ich regelmäßig Läufer, die von der Geschwindigkeit der neuen Schuhe begeistert waren – deren Achillessehne jedoch nicht ausreichend Zeit hatte, sich an die veränderte Belastung anzupassen. Der größte Fehler vieler Hobbyläufer ist nicht der Carbonschuh. Der größte Fehler ist zu glauben, die Achillessehne passe sich genauso schnell an wie die Begeisterung für den neuen Schuh.

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