24. Juni 2026, 10:28 Uhr | Lesezeit: 10 Minuten
Manchmal reibt man sich schon die Augen: Es gibt Meisterschaften im Gewichtheben und Hyrox-Wettkämpfe für Kinder? Klar, Sport ist gesund – und für Kinder gilt das erst recht. Sie benötigen Bewegung, damit sich Muskeln, Knochen, Koordination, Herz-Kreislauf-System und auch Selbstvertrauen gut entwickeln können. Aber was passiert, wenn aus Spielen Training wird? Wenn ein Kind nicht mehr einfach rennt, klettert oder tanzt, sondern vier-, fünf- oder sechsmal pro Woche richtig heftig trainiert und vielleicht noch Vorbilder aus Social Media oder der Wunsch nach einem bestimmten Körper dazukommen? FITBOOK hat darüber mit Prof. Jannos Siaplaouras gesprochen, Kinderkardiologe und Präsident der Gesellschaft für Pädiatrische Sportmedizin (GPS).
Erst einmal: Kinder bewegen sich eher zu wenig
Bevor man über „zu viel Sport“ spricht, betont Prof. Siaplaouras: Das größere Problem ist meistens das Gegenteil. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt Kindern und Jugendlichen zwischen 5 und 17 Jahren im Durchschnitt mindestens 60 Minuten moderate bis intensive körperliche Aktivität pro Tag. An mindestens drei Tagen pro Woche sollten auch anstrengendere Aktivitäten sowie Übungen für Muskeln und Knochen dazugehören.1
Siaplaouras sagt ganz klar: „Bewegung ist für Kinder unverzichtbar. Ohne regelmäßige Bewegung entwickeln sich Muskeln, Knochen, Herz-Kreislauf-System und motorische Fähigkeiten nicht optimal, und auch für die geistige und soziale Entwicklung spielt Bewegung eine wichtige Rolle.“
Aber viele Kinder erreichen dieses Bewegungsziel nicht. Siaplaouras verweist auf die KiGGS-Studie des Robert Koch-Instituts.2 Demnach kommen nur 26 Prozent der 3- bis 17-Jährigen in Deutschland auf diese 60 Minuten tägliche körperliche Aktivität. Dazu komme laut Siaplaouras, dass „vor allem chronisch kranke Kinder zu sehr geschont werden – und wir haben etwa 15 Prozent chronisch kranke Kinder in Deutschland. Die könnten viel mehr an körperlichen Aktivitäten teilhaben.“ Gerade Kinder mit leichten Herzfehlern hätten häufig keine körperlichen Einschränkungen, bewegten sich aber weniger, etwa weil Eltern oder Lehrkräfte Bedenken hätten oder weil sie schlechte Erfahrungen im Schulsport gemacht hätten. Siaplaouras rät davon ab, übervorsichtig zu sein: „Oft verschlechtert sich sogar die Prognose dieser Kinder, wenn sie sich nicht ausreichend bewegen.“
Bewegung oder Sport – was ist der Unterschied?
Bei Kindern lassen sich Bewegung und Sport nicht immer sauber trennen. Toben, Rennen, Klettern, Radfahren, Tanzen: Vieles passiert spielerisch, einfach im Alltag. Siaplaouras beschreibt den Unterschied so: Sport sei eher zielgerichtet, mit Leistungserwerb oder Wettkampf verbunden. Bewegung sei freier und unstrukturierter. Kinder bewegten sich außerdem anders als Erwachsene: „Sie rennen und hören dann wieder auf, rennen und hören wieder auf.“ Sie trainierten im eigentlichen Sinn oft noch nicht, sondern nutzten, was ihr Körper gerade könne. Genau deshalb sei es wichtig, nicht jede intensive Bewegung sofort zu hinterfragen. Ein Kind, das viel Freude an Ballett, Fußball, Klettern, Schwimmen oder Krafttraining hat, macht nicht automatisch „zu viel“. Kritisch wird es aber, wenn Training, Druck und fehlende Erholung zusammenkommen.
Probleme, die Kinder durch zu viel Sport bekommen können
Viel Leistung, wenig Erholung
„Grundsätzlich gilt für Kinder und Erwachsene das Gleiche“, erklärt Siaplaouras, „nämlich das Prinzip von Belastung und Regeneration. Training soll den Körper fordern. Danach braucht er Erholung.“ In dieser Erholungsphase passt sich dann der Körper an und kann später mehr leisten.
Um das zu erreichen, sei es wichtig, zwischen „funktionellem Overreaching“ und einem Übertrainingssyndrom zu unterscheiden, erklärt der Kinderarzt. Funktionelles Overreaching wird im Leistungssport bewusst eingesetzt: Der Körper wird für kurze Zeit zwar stärker gefordert, die Leistung kann vorübergehend sogar sinken. Aber danach ist Erholung angesagt, und der Körper kann wieder Kräfte sammeln. „Dann erfolgen die gewünschten Anpassungsprozesse, die zu einer verbesserten Leistungsfähigkeit führen“, erklärt Siaplaouras.
Das Übertrainingssyndrom droht, wenn der Körper dauerhaft überlastet ist. „Wenn Sie trainieren, aber nicht regenerieren, können Sie sich nicht erholen und Ihre Leistung nimmt immer mehr ab“, sagt Siaplaouras. Dann ist der Körper nicht einfach nur „müde“, sondern die Leistung schrumpft über Wochen bis Monate immer weiter und verbessert sich auch nicht mehr so schnell. Die Folgen: anhaltende Müdigkeit, Schlafprobleme, schlechtere Leistung, Stimmungsschwankungen, häufige Infekte, Schmerzen, Verletzungen oder Trainingsunlust.3 „Regeneration ist deshalb genauso wichtig wie die körperliche Aktivität“, empfiehlt Siaplaouras.
RED-S: Viel Bewegung, wenig Essen
Problematisch wird es auch, wenn Kinder und Jugendliche durch Training, Wachstum, Schule und Alltag viel Energie verbrauchen, aber nicht genug Energie aufnehmen. In der Sportmedizin wird das „Relative Energy Deficiency“ genannt, kurz RED-S. Bei RED-S entsteht ein Energiemangel, der nicht nur das Gewicht und die Leistungsfähigkeit betrifft, sondern viele Körpersysteme: Hormone, Knochen, Immunsystem, Stoffwechsel und Psyche. Auch das Internationale Olympische Komitee hat das Problem beschrieben.4
RED-S kann entstehen, weil das Training einfach sehr viel fordert. Aber manchmal kann es auch Absicht sein: Besonders heikel sei es, wenn Kinder in einer Wachstumsphase viel trainieren und gleichzeitig schlank sein sollen. Dann entstehe ein Zielkonflikt, „den man eigentlich schlecht lösen kann“. Siaplaouras betont deshalb: „Ein Kind, das viel trainiert, muss auch genug essen.“
Extrem viel Training
Gibt es „zu viel Sport“ für Kinder und Jugendliche? Für organisierte Trainingsstunden wird zwar häufig als Orientierungswert das Lebensalter in Stunden pro Woche genannt, aber diese Faustformel hält Siaplaouras nur für bedingt geeignet. „Beispielsweise könnte ein 15-Jähriger daraus 15 Stunden intensives Training pro Woche ableiten – was so nicht stimmt“, betont der Experte. Er rät dazu, „es sehr individuell zu betrachten“, mit wie viel sportlicher Belastung ein Kind tatsächlich gut umgehen kann und wie viel Regeneration es braucht, abhängig von persönlicher Entwicklung und psychischer Situation.
Für Siaplaouras sind drei Punkte für eine verlässliche Regeneration wichtig:
- Kinder brauchen ein bis zwei Tage pro Woche ohne organisierten Sport.
- Dazu sollte es jährlich ein bis drei Monate ohne Wettkampfbetrieb geben, um eine ausreichende körperliche und psychische Regeneration zu ermöglichen.
- Und Eltern sollten reagieren, wenn Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Leistungsabfall, häufige Infekte oder psychische Auffälligkeiten auftreten. Dann müsse man prüfen, ob ein Ernährungsdefizit vorliegt – beispielsweise zu wenig Energieaufnahme oder zu niedrige Eisenspeicher – oder ob das Kind zu wenig Erholung bekommt.
Einen sofortigen Sport-Stopp empfiehlt der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt*innen bei Schmerzen: Dann sollte das Sportprogramm pausiert werden, bis Untersuchungen die Ursache gefunden haben.5
Wenn aus Spaß plötzlich Zwang wird
Aber nicht nur die körperlichen Grenzen sind wichtig beim Sportpensum für Kinder und Jugendliche – auch die psychischen. Ein Platz auf dem Treppchen ist natürlich etwas Schönes, ebenso wie eine Medaille oder ein tolles Siegerfoto. Aber wenn Pokale, Platzierungen und Posts auf Social Media zu wichtig werden, kann der Spaß am Sport ins Gegenteil umschlagen. Dann trainieren Kinder vielleicht vor allem, weil sie Anerkennung bekommen, Erwartungen erfüllen oder einem bestimmten Ideal entsprechen wollen. „Überhöhte Erwartungen von Eltern, Trainern oder sozialen Medien zu psychischer Belastung, Motivationsverlust und Burnout-Symptomen führen“, warnt Siaplaouras, und regt an, dass „die eigene Freude an Bewegung im Kindes- und Jugendalter immer im Vordergrund stehen sollte“.
Nur jedes fünfte Kind bewegt sich genug
Wann sollten Kinder mit Sport anfangen – und wie finden sie den richtigen für sich?
Gibt es Sportarten, die für Kinder problematischer sind als andere?
Lucy Milgrim aus den USA ist eine Internetsensation. Die Zehnjährige schafft im Kreuzheben fast 90 Kilogramm. Aber: Ist das noch gesund oder sind Sportarten wie Gewichtheben für Kinder ungeeignet? Siaplaouras warnt vor einfachen Rankings. Es gebe nicht die eine immer gute und die eine immer schlechte Sportart: „Kinder sollen erst mal die Sportart machen dürfen, die ihnen Spaß macht.“ Auch Krafttraining ist für Kinder nicht tabu. Lange galt die Sorge, Krafttraining könnte das Wachstum stören. Aber das ist wissenschaftlich überholt. „Widerstandstraining für Kinder und Jugendliche kann sicher und nützlich sein, wenn es altersgerecht und gut angeleitet ist“, sagt Siaplaouras. Es kann Fitness, Muskelkraft, motorische Fähigkeiten und Verletzungsprävention verbessern.6
Allerdings sollte es bei Kindern und Jugendlichen im Krafttraining nicht um Maximalleistungen gehen, sondern um technische Kompetenz, Bewegungskontrolle und vielseitige Entwicklung, betont eine internationale Forschergruppe.7
Warum Ballett und Turnen schwierig werden können
Trotzdem gibt es Sportarten mit besonderen Risiken. Vor allem, wenn dafür ein hohes Trainingsvolumen, viele Wettkämpfe oder ein bestimmtes Aussehen notwendig sind. Siaplaouras nennt Ballett und Turnen ausdrücklich als Bereiche, in denen es problematisch werden kann, weil dort schnell Belastung, Körperideal und Leistungsdruck zusammenkommen.
Kinder sollten vielseitig Sport treiben
Der Kinderkardiologe spricht sich außerdem gegen zu frühe Spezialisierung aus. Er empfiehlt, dass Kinder und Jugendliche mehrere Sportarten betreiben sollten, statt sehr früh nur eine Sportart mit hoher Intensität zu verfolgen.
Das passt zu internationalen Empfehlungen: Auch die WHO betont, dass Aktivitäten für Kinder abwechslungsreich und altersgerecht sein und vor allem Spaß machen sollten. Wenn Kinder rennen, kicken, balancieren und klettern, entwickeln sie verschiedene motorische Fähigkeiten, vermeiden einseitige Belastungen und bleiben länger motiviert. Auch wenn sie später in den Spitzensport gehen wollen, gibt es laut Siaplaouras keinen Grund, sich sehr früh spezialisieren zu müssen. Gestützt wird sein Urteil durch die Erkenntnisse aus der Forschung. So reicht offenbar eine Spezialisierung nach der Pubertät.8 Teilweise steigt sogar das Verletzungsrisiko, wenn Kinder sich zu früh und zu einseitig auf eine Sportart festlegen.9
Tipps für Eltern
Welche Sportarten mit welchen Anforderungen und Risiken verbunden sind, können Eltern, Lehrkräfte und Trainer auf der Website der Gesellschaft für Pädiatrische Sportmedizin nachlesen. Dort werden für viele Sportarten typische Anforderungen, Verletzungen, Überlastungsfolgen, Kontraindikationen und Präventionsmaßnahmen beschrieben. Beim Gewichtheben betont die GPS etwa die Bedeutung sehr guter Technikschulung und allgemeinathletischer Ausbildung. Bei der rhythmischen Sportgymnastik werden unter anderem Belastungen von Füßen, Knien und Lendenwirbelsäule sowie ein Risiko für Essstörungen genannt. Die Profile können helfen, die Sportart eines Kindes genauer einzuschätzen – nicht nach Bauchgefühl, sondern nach typischen Belastungen und sinnvollen Schutzmaßnahmen.
Warnzeichen: Wann Eltern hellhörig werden sollten
Eltern müssen ein sportbegeistertes Kind nicht bremsen, nur weil es ehrgeizig ist, meint Siaplaouras. Entscheidend sei, ob das Kind gesund bleibe und aus eigenem Antrieb trainiere. Anders sieht es aus, wenn das Kind sich zum Training schleppt, ständig müde ist, die Leistung stagniert, die Gewichtsentwicklung auffällig wird oder körperliche Beschwerden entstehen: Schlafstörungen, Infektanfälligkeit, aber auch psychische Veränderungen seien Warnzeichen. „Wenn ein langfristiges Missverhältnis zwischen Belastung und Erholung besteht, dann ist das ein Zeichen, dass man besser zurückschrauben sollte“, sagt Siaplaouras.
Die beste Orientierung sei demnach nicht die Frage „Wie viel ist noch erlaubt?“, sondern: Geht es meinem Kind gut? Hat es Freude? Schläft es ausreichend? Isst es genug? Hat es noch Zeit für Schule, Freunde und Spielen? Gibt es sportfreie Tage und Phasen ohne Wettkampfdruck? Macht das Kind Sport, weil es selbst will, oder sind Eltern, Verein, Trainer oder Social Media die eigentliche Triebfeder?
Eltern sollten außerdem regelmäßig Rücksprache mit Trainerinnen und Trainern halten, um darüber zu reden, wie es dem Kind beim Sport geht und ob die Trainingspläne auch wirklich passen. Bei anhaltender Müdigkeit, Schmerzen, Leistungsabfall, Zyklusstörungen, auffälliger Gewichtsveränderung oder psychischer Belastung sind eine Sportpause und ein Gang zum Kinderarzt oder Sportmediziner angesagt. Siaplaouras weist auch auf die Angebote der Gesellschaft für Pädiatrische Sportmedizin hin: Dort vermittelt man auch direkt Kontakte zu Spezialisten vor Ort.