15. Dezember 2025, 13:08 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Die Intensität von körperlicher Aktivität gilt als wichtiger, aber bislang unscharf definierter Gesundheitsfaktor. Die WHO geht davon aus, dass eine Minute intensiver Bewegung zwei Minuten moderater entspricht. Diese Annahme hat jetzt eine Studie auf den Prüfstand gestellt. In der großen Analyse hat man zehntausende Erwachsene über Jahre begleitet. Per Beschleunigungsmesser am Handgelenk wurde erfasst, wie viel leichte, moderate und intensive körperliche Aktivität sie im Alltag ansammeln. Untersucht wurde außerdem, wie diese Muster mit Sterblichkeit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2 und bestimmten Krebsarten zusammenhängen.
Was wurde untersucht? Eine große prospektive Studie, also eine Untersuchung, die Menschen über viele Jahre hinweg begleitet, wertete Daten von 73.485 Erwachsenen im Alter von 40 bis 79 Jahren aus der UK Biobank aus.1 Mithilfe tragbarer Bewegungssensoren zeigte sie, wie unterschiedlich intensive körperliche Aktivität das langfristige Risiko für Tod, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und bestimmte, durch Bewegung beeinflussbare Krebsarten beeinflusst. Verglichen wurden leichte, moderate und intensive Bewegung.
Die körperliche Aktivität erfasste man über sieben Tage kontinuierlich per Beschleunigungsmesser am Handgelenk. Die mittlere Nachbeobachtungszeit betrug acht Jahre. Ziel war es, genau zu ermitteln, wie viele Minuten moderater oder leichter Bewegung den gesundheitlichen Nutzen einer Minute intensiver Bewegung erreichen.
Intensive vs. moderate bzw. leichte Bewegung: Der Überblick
Ergebnisse: Intensive Bewegung war pro Minute deutlich effektiver als moderate oder leichte Aktivität bei der Senkung zentraler Gesundheitsrisiken:
- Für eine gleich starke Verringerung der Gesamtsterblichkeit: 1 Minute intensiver Bewegung entspricht 4,1 Minuten moderater bzw. 52,6 Minuten leichter Bewegung
- Für denselben Rückgang des Risikos, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben: 1 Minute intensiv = 7,8 Minuten moderat = 72,5 Minuten leicht
- Für eine vergleichbare Reduktion schwerer Herz-Kreislauf-Ereignisse (Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzschwäche): 1 Minute intensiv = 5,4 Minuten moderat = 86,1 Minuten leicht
- Für denselben Rückgang des Diabetesrisikos: 1 Minute intensiv = 9,4 Minuten moderat = 94 Minuten leicht
- Für eine gleich starke Verringerung des Risikos, an bestimmten Krebsarten zu sterben: 1 Minute intensiv = 3,5 Minuten moderat = 156 Minuten leicht
- Für eine entsprechende Reduktion des Risikos, an bestimmten Krebsarten zu erkranken: 1 Minute intensiv = 1,6 Minuten moderat = 5,1 Minuten leicht
Leichte Bewegung – etwa Gehen, Schlendern, Hausarbeit oder ähnliche Alltagsaktivität – zeigte nur geringe Risikosenkungen, vorwiegend bei Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Unterschiede zwischen moderater und intensiver Bewegung waren bei Krebsneuerkrankungen gering, während sich bei der Krebssterblichkeit ein deutlicher Vorteil intensiver Aktivität zeigte.
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Studie könnte Basis für neue Bewegungsempfehlungen sein
Bedeutung: Die WHO-Empfehlung für das Verhältnis zwischen moderater und intensiver körperlicher Aktivität geht bislang davon aus, dass eine Minute intensive Bewegung zwei Minuten moderater Aktivität entspricht. Dies stellt die Studie nun klar infrage. Tatsächlich ist intensive Bewegung bei Gesamtsterblichkeit mehr als viermal, bei Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sogar acht- bis neunmal so effektiv wie moderate Bewegung. Für Menschen mit wenig Zeit bedeutet das: Schon kurze, aber intensive Bewegungseinheiten können einen spürbaren Beitrag zur Gesundheitsvorsorge leisten.
Zwar handelt es sich um eine Beobachtungsstudie, die keine kausalen Schlüsse erlaubt, und die nur über den Zeitraum einer Woche erfasste Bewegungsdaten auswertete. Auch lässt sich nicht vollständig ausschließen, dass manche Ergebnisse dadurch verzerrt sind, dass sich Menschen aufgrund noch unerkannter Erkrankungen bereits weniger bewegten, was als umgekehrte Kausalität bezeichnet wird. Dennoch gelten die Befunde als verlässlich, gestützt durch die präzise Datenerhebung, die große Teilnehmendenzahl und die lange Nachbeobachtung. Sie bilden eine solide Grundlage für künftige Bewegungsempfehlungen. Zugleich können die Interpretation von Aktivitätsdaten aus Fitnesstrackern sowie die Entwicklung personalisierter Gesundheitsstrategien deutlich verbessert werden.
Nutzen Sie die Gelegenheiten, um sich im Alltag auch mal intensiv zu bewegen
„Die Studie ist ermutigend, denn sie zeigt, dass man auch mit wenig Zeit viel für die eigene Gesundheit erreichen kann, sofern man sich intensiv bewegt. Zwar haben die Forscher keine exakten Herzfrequenzwerte erfasst, doch im Kern geht es darum, den Puls immer wieder deutlich in die Höhe zu treiben. Dafür braucht es nicht einmal eine zusammenhängende Trainingseinheit. Die intensive körperliche Aktivität können sich über den ganzen Tag hinweg ansammeln. Was heißt das in der Praxis? Es kann bereits viel bewirken, im Alltag die kleinen Chancen für kurze Anstrengung zu nutzen. Zum Beispiel zügig die Treppe hinauflaufen, bis man außer Atem ist. Oder zwischendurch zwei Minuten Hampelmänner einbauen. Auch in längere Ausdauereinheiten lassen sich kurze Abschnitte mit hoher Intensität einschieben.“
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