Wie wirkt sich fehlendes Publikum auf die sportliche Leistung aus?
Fehlendes Publikum hat nicht nur Auswirkungen auf den Heimvorteil bei Fußballspielen (hier: FC Bayern München gegen Atlético Madrid im Oktober 2020). Auch Athleten in anderen Sportarten werden in ihren Leistungen beeinträchtigt, manchmal aber auch beflügelt. Foto: Getty Images
Wenn das Publikum fehlt, wirkt sich das auf die Leistung von Sportlern aus. Wie genau, haben Forschende der Uni Halle-Wittenberg beim Biathlon untersucht. Überraschendes Ergebnis: Männer und Frauen reagieren anders auf die Abwesenheit von Zuschauern. Aber warum?
Fehlen die anfeuernden Fans, wirkt sich das offenbar auf die sportliche Leistung vieler Sportlerinnen und Sportler aus. Davon gehen Sportpsychologen schon länger aus. Das Publikum hat demnach einen Einfluss auf die Ergebnisse. Das betrifft nicht nur den Heimvorteil beim Fußball, der ohne Fans im Stadion futsch ist. Deutlich wird das auch zum Beispiel bei einem Marathonlauf oder beim Langlaufen. Also bei Sportarten, die besonders viel Durchhaltevermögen abverlangen, aber mitunter nicht sehr kompliziert sind.
Einfluss von Publikum auf sportliche Leistung von Frauen und Männern unterschiedlich
Auch bei komplexeren Sportarten wie zum Beispiel Biathlon können leere Ränge demotivierend wirken – oder im Gegenteil gerade anheizen. Was auffällt: In dieser Sportart zeichnen sich die unterschiedlichen Leistungen zwischen Männern und Frauen deutlicher ab.
Ein Forscherteam um Amelie Heinrich von der Universität Halle-Wittenberg (Sachsen-Anhalt) nahm sich die Daten des Biathlon-Weltcups 2020 – Laufzeiten und Schießerfolge von Biathletinnen und Biathleten in den Disziplinen Sprint und Massenstart – genauer unter die Lupe.¹ Diese verglichen die Wissenschaftler mit Daten, die vor der Corona-Pandemie erhoben wurden (Saison 2018/2019). Sie fanden heraus, dass Männer langsamer liefen, wenn das Publikum fehlte. Während des Schießens zeigten sich die Athleten hingegen konzentrierter und machten weniger Fehler.
Ohne Publikum lieferten Biathletinnen, wie hier die Weißrussin Dsinara Alimbekawa, tendenziell sogar bessere Leistungen ab Foto: Getty Images
Genau umgekehrt verhielt sich die sportliche Leistung bei Frauen. Sie liefen vor Publikum langsamer. Allerdings drückten sie beim Schießen schneller ab, im Schnitt eine Sekunde eher als bei den Wettkämpfen ohne Zuschauer. Nach Angaben der Wissenschaftler trafen die Frauen in der Disziplin „Sprint“ zudem besser ins Ziel – immerhin ein um fünf Prozent höhere Trefferleistung.
Wie ist der bzgl. der sportlichen Leistung vor und ohne Publikum zu erklären?
Prinzipiell verbessern sich die Leistungen bei Sportarten mit hohen konditionellen Anforderungen vor Publikum. Bei Sportarten mit komplexeren Aufgaben stellt sich das Bild differenzierter dar. Amelie Heinrich ist die Autorin der Studie und betreut als sportpsychologische Expertin den deutschen Nachwuchskader im Biathlon. Ihrer Meinung nach würden sich die Leistungen in diesen Sportarten vor vollen Rängen eher verschlechtern. Generell nennen Psychologen das Phänomen „Social Facilitation“ oder zu Deutsch: „Soziale Aktivierung“.²
Pandemie als Chance genutzt
Während der Lockdowns war in vielen Sportstätten kein oder kaum Publikumsverkehr erlaubt. Heinrich nutzte genau diese besondere Situation im Sport aus, die das Coronavirus verursacht hatte. „Die Pandemie bietet die einmalige Möglichkeit, den Einfluss des Publikums außerhalb von experimentellen Bedingungen in der realen Welt zu untersuchen“, so die Expertin. So lagen ihr die Daten mit und ohne Publikum vor, die sie auswertete.
Welche Schlüsse ziehen die Forscher aus der Studie?
Nach Meinung der Wissenschaftler*innen sind die Ergebnisse nicht allein auf schwankende Leistungen der Athletinnen und Athleten zurückzuführen. Der Studie basiere auf einer guten Datengrundlage. So untersuchten die Forscher die sportliche Leistung von 83 Weltcup-Biathletinnen und -Biathleten im Sprint und 34 im Massenstart – ohne und mit Publikum. In beiden Disziplinen zeigte sich die gleiche Tendenz.
Heinrich vermutet, dass geschlechtsspezifische Stereotype eine Rolle spielen könnten. Beispielsweise gelten Männer als konditionell stärker – ein Stereotyp, das durch die Anwesenheit von Publikum aktiviert werden könnte. Einige Studien zeigen zudem, dass Frauen sensibler auf Feedback reagieren. Auf jeden Fall zeigt das Ergebnis laut Heinrich einmal mehr, dass das Geschlecht als möglicher Einflussfaktor bei psychologischen Untersuchungen berücksichtigt werden sollte.
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