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Erfahrungsbericht

Ich wollte nie einen Marathon laufen! Dann gewann ich einen Startplatz

Der erste Marathon Erfahrung
Zwischen beiden Fotos liegen 42,195 Kilometer – und der erste Marathon von FITBOOK-Redakteurin Anna Echtermeyer Foto: Anna Echtermeyer
Anna Echtermeyer
Redakteurin

29. September 2026, 13:08 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

FITBOOK-Redakteurin Anna Echtermeyer wollte nie einen Marathon laufen. Dann gewinnt sie einen Startplatz beim Berlin-Marathon – und denkt sich: „Herausforderung angenommen!“

Eigentlich kann das nichts werden

Als ich Sonntagmorgen durch den nach Urin müffelnden Tiergarten zum Start gehe, habe ich eine vor Aufregung schlaflose Nacht hinter mir und einen Toast mit Marmelade heruntergewürgt. Ich vergesse, mich aufzuwärmen und mir die Schuhe ordentlich zu binden. Vor mir liegen 42,195 Kilometer. Eigentlich kann das nichts werden.

Dass ich überhaupt hier stehe, war nicht vorgesehen. Ich bin Läuferin, ja. Aber Marathonläuferin? Nein. Meine Welt waren 10 bis 15 Kilometer, selten einmal „übertrieb“ ich es mit 20 und stellte fest, dass das nichts für mich ist. Mein bisheriges Läuferleben erstreckte sich über Distanzen, auf denen man sich anstrengen kann, ohne vorher über einen Fueling-Plan nachzudenken. 42,195 Kilometer hielt ich vor allem für einen triftigen Grund, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen.

Vorbereitung beginnt 8 Wochen vor dem Marathon

Warum ich dann bei einem Gewinnspiel für einen Marathonstart mitgemacht habe, obwohl ich nie einen laufen wollte, ist eine berechtigte Frage. Die Wahrheit ist vermutlich: So ganz ehrlich war ich davor offenbar nicht mal zu mir selbst. Ich wollte es (offensichtlich), aber ob man das sich und gegenüber anderen dann auch eingesteht oder laut ausspricht, ist eine andere Sache. Ich hatte es jedenfalls nie ausgesprochen, geschweige denn, dieses in mir schlummernde „Ziel“ ernsthaft verfolgt.

Es war der 2. August, als ich von meinem Startplatzglück erfuhr, acht Wochen vor dem Berlin-Marathon. Sofort war mir klar: „Schicksalswink, das musst du jetzt machen.“

Wo der Hase im Pfeffer lag, war allerdings auch ziemlich klar: Wie bringe ich meinen Körper in wenigen Wochen dazu, mehr als das Vierfache der Wohlfühldosis zu laufen? Ich erstellte mir mithilfe von KI einen Plan und begann, direkt zu trainieren. Neben dem obligatorischen Long Run am Wochenende (erst 16 Kilometer, dann 18, 21, 25, 27, 30) kamen pro Woche noch 18 bis 20 Kilometer unter der Woche zusammen.

Mein knorpelgeschädigtes Knie, das sich bei längeren Läufen früher zuverlässig gemeldet hatte, hielt dank Kinesio-Tapes (eine ganz große Entdeckung für mich, danke Sandra!). Dafür meldete sich zwischendurch, nachdem im Juli ein leichter Bandscheibenvorfall diagnostiziert worden war, der Rücken. Es kam mir wie ein Wunder vor, dass gezielte Übungen für die Rumpfmuskulatur die Schmerzen stoppten. Nur so konnte ich mein Training bis zum Schluss durchziehen. Und das war schließlich die Voraussetzung für alles andere …

Auch interessant: Trainingsplan für den ersten Marathon

Je mehr Fueling-Pläne ich sah, desto stärker zweifelte ich an mir

Nebenbei machte ich mich mit dem Notwendigen vertraut: der Zufuhr von Kohlenhydraten während des Laufens. Ein Gel-Fan werde ich wohl nicht mehr (warmer, klebriger Schleim, von dem ich anfangs sauer aufstoßen muss). Weil ich aber Bananen und Gummibärchen nicht vertrage, schloss ich Frieden mit einem Gel mit künstlichem Limettengeschmack.

Die letzten Tage vor dem Marathon verbrachte ich eingehüllt in die Instagram-Lauf-Bubble. Meine Familie musste leider ungefragt Themen wie Tapering, Shakeout-Runs, Carboloading und Rennstrategie mit mir erörtern. Je mehr Fueling-Pläne und Vorbereitungsübersichten ich aufsaugte, desto mehr zweifelte ich an mir: „Wird es reichen?“

Dann ist der Marathonmorgen da

Am Marathonmorgen entscheide ich mich für die wirksamste Form der Angstbewältigung: Ich bin spät dran. Auf keinen Fall wollte ich eine Stunde im Startblock stehen und mich hochschaukeln. Deshalb fädle ich mich in den bereits Richtung Startlinie laufenden Startblock (K, der letzte) ein.

Ich laufe langsam, kontrolliert – und so gelingt es mir, diesen Lauf von Anfang an zu genießen. Berlin macht es einem allerdings auch leicht. An den großen Plätzen stehen die Menschen dicht an dicht, die Stadt hat sich in ein riesiges Open-Air-Festival verwandelt. Am tiefsten gehen mir getrommelte Rhythmen in Mark und Bein. Gänsehaut!

Einmal spüre ich eine ungewöhnliche Falte unter der Fußsohle – Blase? Blut? Etwas Schlimmeres? Meine beunruhigten Gedanken werden weggewischt vom Anblick eines Läufers, der um Kilometer 15 mit blutdurchtränkten Socken vor dem Sanitätszelt sitzt. Neben ihm auf dem Boden stehen Skischuhe. Für ihn geht es nicht weiter, vermute ich. Bei dem Anblick wird mir ganz anders und ich komme einfach durch logisches Nachdenken zu dem Schluss, dass es „so schlimm“ um meinen Fuß keinesfalls stehen kann.

Der häufigste Spruch

Glücklicherweise sind große Laufveranstaltungen bekannt dafür, dass es Spannendes zu entdecken gibt. Etwa den Mann mit der unbefestigten Ananas auf dem Kopf. Oder Papa Wutz! Und natürlich die vielen Motivations-Schilder der Zuschauer. „You run better than the government!“ „This is not very difficult!“, ruft ein Läufer, was ich denke. „Your ex would have quit at Kilometer 5!“ Häufig zu lesen: „Pain is temporary. Strava is forever.“ Der Spruch scheint unter mehreren Zehntausend Menschen in Laufschuhen eine gewisse Logik zu entfalten. Ich pushe immer mal wieder einen Super-Mario-Kraft-Pilze („Tap here to power up!“) und klatsche kleine Kinderhände ab.

Vielleicht liegt es daran, dass ich im letzten Startblock unterwegs bin, aber auch unter den Läufern ist erstaunlich wenig Kampf. Hier verteidigt niemand mit letzter Konsequenz seine Ideallinie. Wer jemanden anrempelt, entschuldigt sich. Wer vorbei möchte, sagt „Excuse me“. Jeder läuft sein eigenes Rennen, und trotzdem macht es niemand ganz allein.

Von Verabredung zu Verabredung geht’s eigentlich.

Bei Kilometer neun wartet meine Familie. Also laufe ich erst einmal bis Kilometer neun. Bei 13 stehen Freunde, bei 25 wieder welche. Für Kilometer 32 hat mir eine Freundin eine Nachricht angekündigt, die an der Strecke auf einer Leinwand erscheinen soll. Bei Kilometer 35 wartet ein Kollege. Ich laufe von Verabredung zu Verabredung. Vielleicht ist das der Grund, warum mir die Strecke lange gar nicht monströs vorkommt. 42 Kilometer sind absurd weit, aber bis zum nächsten Treffpunkt ist es machbar.

Natürlich sind irgendwann die Beine schwer und die Leichtigkeit der ersten Stunden ist weg. Es tut nicht wirklich etwas weh, aber mein Körper macht zunehmend deutlich, dass er die Idee, seit Stunden weiterzulaufen, inzwischen für ausreichend erprobt hält. An den Verpflegungsstellen trinke ich nach dreieinhalb Stunden im Gehen, anstatt dabei weiterzulaufen.

Bei Kilometer 39 hält mich ein anderer Läufer vom Gehen ab – Danke!

Als ich zwischen Kilometer 38 und 39 wieder ins Gehen falle, tippt mir jemand im Vorbeilaufen auf die Schulter. „Don’t stop! Don’t stop! Keep on running, come on!“ Matias und ich gründen spontan eine deutsch-uruguayische Laufgemeinschaft und sorgen jeweils dafür, dass der andere durchzieht.

Das ist vielleicht die schönste Absurdität dieses Marathons: Wochenlang hatte ich mich mit Trainingsplänen, Herzfrequenzen, langen Läufen und der Frage beschäftigt, ob mein Körper 42,195 Kilometer kann. Und auf den letzten Kilometern ist es ein wildfremder Mensch, der mir im richtigen Moment etwas sagt.

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Die schönste Motivation wartet kurz vor dem Ziel auf mich

Kurz vor dem Brandenburger Tor sehe ich noch einmal meine Familie. Der Sohn auf Papas Schultern strahlt mich an und hält eine Pappe mit meinem Namen. Draufgemalt haben sie noch eine Bombe, aus dem Ende der Lunte sprühen Funken.

Zielzeit: 5:04:16. Das war nicht mein letzter Marathon!

Matías und ich nicken uns zu, zünden die Bombe und laufen grinsend durch das Brandenburger Tor. Wir sehen das Ziel – ein paar Hundert Meter später stoppe ich meine Uhr: 5:04:16. Das entspricht entspannten 7:13 Minuten pro Kilometer.

Matias und ich holen uns die Medaillen ab. Dann verlieren wir uns im Gewusel. Ich wollte dir doch noch Danke(!!! ) sagen.

Noch vor wenigen Monaten wäre ich nie auf den Gedanken gekommen, einen Marathon zu laufen. Ohne den gewonnenen Startplatz hätte ich es vermutlich auch nie gemacht. Zum Glück hat das Schicksal anders entschieden! Jetzt weiß ich, dass mein erster Marathon wahrscheinlich nicht mein letzter war. Was für eine Erfahrung.

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