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Fitness-Influencerin im Interview

Anja Zeidler: „Was ich erlebt habe, wünsche ich niemandem“

Anja Zeidler im Interview in Luzern
Unternehmerin, Buchautorin, Speakerin und Influencerin – Anja Zeidler ist eine der bekanntesten Fitness-Persönlichkeiten (mit 300.000 Fans auf Instagram)
Foto: Flavio Treppner/Luka Ljubicic

Anja Zeidler ist eine der bekanntesten Fitness-Persönlichkeiten. Doch das hatte seinen Preis. Denn der Wunsch, immer fitter und schöner zu werden, wurde zu einem Zwang, der sie sogar Anabolika nehmen ließ. Mittlerweile ist die Schweizerin geläutert. Warum der Schritt raus aus dem Fitness-Wahn so schwer war und wie sich seitdem ihr Leben verändert hat, verriet sie FITBOOK in einem Interview.

Die gebürtige Schweizerin ging in die USA, um ihre Model-Karriere voranzutreiben – und verfiel dem Druck nach dem perfekten Körper. Ihr Zwang nach Selbstoptimierung wurde immer schlimmer. Es folgte eine OP zur Brustvergrößerung, gleichzeitig griff sie zu unerlaubten Substanzen, nahm anabole Steroide ein. Glücklich wurde sie nie. Später sprach sie dann als eine der ersten Athletinnen offen über ihre Dopingvergangenheit – und über Nebenwirkungen und die mentalen und körperlichen Folgen.

Anfang 2015 schaffte sie mit Hilfe einer Freundin den Absprung. Seitdem sind rund fünf Jahre vergangen. Im Interview mit FITBOOK spricht Anja Zeidler über gängige Illusionen in der Fitnessbranche, Steroide, ein gesundes Maß an Selbstreflexion und was sich in ihrem Leben seitdem verändert hat.

FITBOOK: Ab welchem Zeitpunkt haben Sie beschlossen, Fitness „exzessiver“ zu betreiben?

Anja Zeidler: „Im Alter von 18 Jahren habe ich mit Sport begonnen. Ich sah erste Erfolge und wollte immer mehr. Einerseits befand ich mich im falschen Umfeld (Trainer, Mittrainierende, Instagram & Co.), andererseits war ich der Annahme, Stagnation sei etwas Schlechtes. Heutzutage ist das wohl eine Krankheit in unserer Gesellschaft. Es wird uns eingetrichtert, es sei gut, immer einer Verbesserung nachzujagen. Wer stehen bleibt, wird irgendwann langweilig.“

Was hat Sie besonders an dem Sport fasziniert?

„Surreale Bilder in Magazinen, Werbung und sozialen Medien haben mich geblendet. Ich dachte, es gebe Perfektion – und Perfektion mache glücklich. Ich dachte, dass Fitnessmodels keine Probleme haben. Sie haben ja alles, was man braucht: die perfekte Figur und Gesundheit. Hinter den Kulissen ging es jedoch alles andere als gesund zu. Sowohl physisch, als auch psychisch!

Als Teenie habe ich vom perfekten Bilderbuchleben geträumt. Das Leben ist jedoch real und meine Vorstellungen waren Illusionen.“

Wie geht man mit öffentlichen Kommentaren um?

„Es gibt Lob und Kritik, für alles, was man tut. Das ist normal, wenn man in der Öffentlichkeit steht, egal ob als Sänger, Politiker oder Model. Es allen recht zu machen, ist unmöglich. Wer das nicht versteht, ist in der falschen Branche. Das Gute: Mit negativen Kommentaren lernt man umzugehen. Anfangs ist es verletzend, man ist ja auch nur ein Mensch. Mit der Zeit wird das Fell dicker und man blickt schneller hinter die Fassaden.

Konstruktive Kritik nehme ich mir gerne zu Herzen. Gehässiges lasse ich an ‚meinem Schutzkreis‘ abprallen. Das Internet ist nunmal ein idealer Raum, um Frust abzulassen.“

Bauen öffentliche Reaktionen Druck auf?

„Früher ja! Definitiv! Ich hab mich unter Druck setzen lassen. Ich habe vieles in dieser virtuellen Welt zu ernst genommen. Es ging so weit, dass ich Diäten, eine Brust-OP, ja sogar Anabolika in Kauf nahm, nur um dem Druck vom Schönheitsideal standzuhalten.

Heute gehe ich ganz anders mit Instagram & Co. um. Diese Plattformen sind ein Fluch und ein Segen. Es ist wichtig, den Bezug zur Realität, vor allem aber zu sich selbst, nicht zu vergessen. Genau dies thematisiere ich immer wieder in meinen Beiträgen.

Meine Posts leben nicht vom Bild, sondern in erster Linie vom Text. Meine wichtigsten Themen sind Selbstliebe, holistische (ganzheitliche, Anm. d. Red.) Gesundheit, Ethik, Tierwohl und Essstörungen. Auch wenn dies eher untypisch für ‚perfect Insta‘ ist.“

Welche Schlussfolgerung haben Sie gezogen und wie ging es Ihnen körperlich und mental zu dieser Zeit?

„Perfektion macht nicht glücklich. Und vor allem: Man kommt nie an! Man meint: ‚Nur noch dies müsste sich ändern, dann bin ich glücklich!‘ Man ändert eine Baustelle und denkt gleichzeitig schon an die nächste.

So ist das im Bezug auf die Figur, Beziehung, Job, etc. Ich habe lange nicht realisiert, dass ich wie ein Hamster im Hamsterrad bin. Zum Glück wurde ich irgendwann reifer und habe verstanden, worum es im Leben wirklich geht.“

2017 haben Sie sich geoutet, leistungssteigernde Mittel und Steroide konsumiert zu haben. Wie hat sich Ihr Leben seitdem verändert?

„Ehrlich gesagt dachte ich, mit diesem Outing aus der Öffentlichkeit zurückzutreten. Ich habe mir auch meine Pause gegönnt, monatelang nichts mehr auf YouTube geposted.

Es kam jedoch anders, als ich dachte. Ich wurde zu einer Stimme für das Thema Perfektion, Essstörungen, Sportsucht und den Umgang mit Social Media.

Als Speakerin hielt ich einen TEDx-Talk, habe ein Buch geschrieben und kann hoffentlich viele mit meiner krassen Geschichte davor bewahren, sich selbst zu verlieren. Ich bin froh, so offen über all dies gesprochen zu haben und es noch immer zu tun. Es ist wichtig, dass mehr Personen ehrlich sind und sagen, was hinter den Kulissen abgeht.“

Warum fanden Sie es wichtig, sich zu outen?

„Gerade weil es in der Fitnessszene ein Tabuthema ist, wollte ich es ansprechen. Ich hatte ein Bedürfnis, mit der Szene abzurechnen, weil ich weiß, was dadurch kaputt gehen kann. Immer mehr junge Menschen geraten in den Strudel.

Im Jahr 2015 habe ich aufgehört, extrem zu diäten und Anabolika zu nehmen. Das Coming-out war erst im Januar 2017. Es hat Zeit gebraucht, darüber reden zu können.

Ich hatte natürlich Angst vor den Reaktionen der Leute – sowohl aus der Fitnessszene als auch von meinen Followern. Wichtig war mir auch, sich selbst einzugestehen, dass man ein Problem hat und daran arbeiten muss.“

Brauchten Sie Hilfe, um den Absprung zu schaffen?

Mir was klar, dass ich mich von diesem Umfeld distanzieren muss. Ich bin vorübergehend wieder bei meinen Eltern eingezogen, weil ich Menschen um mich haben wollte, die mich lieben für das, was ich bin.

Zusätzlich bin ich in Therapie gegangen. Jedoch habe ich mich bewusst nicht in schulmedizinische Hände begeben, da die Angst da war, bei einem ‚normalen‘ Psychiater Tabletten zu bekommen, um den Absprung von den Tabletten zu schaffen.

Ich hatte ein starkes Bedürfnis zu reden und tat das bei einer Naturheilpraktikerin, die mich auch kinesiologisch betreute. Dadurch fand ich zurück zur Familie und zu meinem ursprünglichen Umfeld.“

 

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Sehen Sie Gefahren durch den Erfolgsdruck in der Fitnessszene?

„Ich denke, der Fitness-Hype, wie er damals zu meiner Zeit war, hat sich zum Glück wieder etwas beruhigt. Dennoch ist der ungesunde Teil davon nach wie vor nicht komplett von der Bildfläche verschwunden, leider!

Heutzutage kommt es eher in Mode, gesund zu leben. Nachhaltigkeit, Yoga, das Befassen mit pflanzlicher Ernährung, unserer Umwelt, Selbstliebe. All das gilt heute als cool!

In meiner Jugend galt Alkohol als cool, heute sehe ich, dass viele Jugendliche Wert auf ihre Gesundheit legen. Jedoch ist Vorsicht geboten, denn der Grat kann schmal sein!

Ich wünsche mir mehr öffentliche Stimmen, die beibringen, sich selbst zu akzeptieren und für das eigene Seelenwohl zu sorgen, statt einem Ideal zu verfallen.“

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Würden Sie sich rückblickend anders entscheiden?

„Wer von uns schaut nicht manchmal zurück und denkt darüber nach, wie es wäre, sich anders entschieden zu haben? Es geht im Leben aber nicht darum, sich mit dem, was sein könnte, zu befassen.

Wichtig ist: selbstreflektiert und analysierend vorgehen, sich niemals für sich selbst genieren und sich selbst mit Toleranz begegnen. Entwicklung ist etwas Wunderbares!

Was ich erlebt habe, wünsche ich niemandem. Ich würde jedoch heute nicht hier stehen, wäre nicht alles so gewesen, wie es war.

Vielleicht würde ich noch heute einem surrealen Bild hinterherrennen, wenn ich es nicht auf die harte Tour gelernt hätte, dass es diese Illusionen nicht gibt.“