20. Oktober 2026, 17:36 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Als Eltern hat man ja nicht immer einen vollständigen Überblick, was die Kinder so treiben. Etwa, ob sie in der Grundschule regelmäßig Cola oder Eistee trinken. Aus der Forschung gibt es nun Hinweise darauf, dass ein höherer Koffeinkonsum bei Kindern mit Unterschieden in der Gehirnstruktur und späteren psychischen Problemen zusammenhängen könnte. Bereits bei geringen Mengen zeigten sich statistische Auffälligkeiten. Eine entscheidende Rolle könnte dabei der Schlaf spielen.
Studie: Die meisten Kinder nahmen ihr Koffein über Cola und Softdrinks zu sich
Eine aktuelle Studie gibt Hinweise auf eine mögliche Verbindung zwischen höherem Koffeinkonsum und bestimmten Unterschieden in der Hirnstruktur von Kindern. Ob allein das Koffein dafür verantwortlich ist, lässt sich aus diesen Ergebnissen zwar nicht ableiten. Bloßer Zufall fällt als Grund aber auch aus.
Die Daten der insgesamt über 9600 Kinder zwischen neun und elf Jahren stammen aus der US-amerikanischen „Adolescent Brain Cognitive Development (ABCD)“-Untersuchung. Forscher um Jiayi Zheng sahen sich den wöchentlichen Koffeinkonsum der letzten sechs Monate an, der per Selbstbericht nach Getränkearten (koffeinhaltige Softdrinks, Kaffee/Espresso, koffeinhaltiger Tee) erfasst worden war. Zudem lag den Forschern die Schlafdauer der Kinder pro Nacht vor. Nach sechs und 18 Monaten wurden die Kinder zu psychischen Belastungen und Verhaltensauffälligkeiten befragt.
Die in der Fachzeitschrift „Biological Psychiatry: Cognitive Neuroscience and Neuroimaging“ vorgestellte Studie zeigte: Die meisten der Kinder nahmen ihr Koffein hauptsächlich über Cola und Softdrinks zu sich. Andere untersuchte Koffeinquellen wie Kaffee, Espresso oder Tee spielten in dieser Altersgruppe eine deutlich geringere Rolle.
Nicht nur Cola enthält Koffein! Neben Cola gibt es eine Reihe weiterer verbreiteter Softdrinks, die Koffein enthalten. Dazu zählen unter anderem: Citrus- und Orangenlimonaden, fertige Eistees oder Mate-Getränke.
Hirn-Veränderungen schon ab 1 Dose Softdrink oder 1 Tasse Kaffee pro Woche
Und das war auf MRTs der Gehirne dieser Kinder zu sehen: Die Kinder, die regelmäßig Softdrinks tranken, hatten im Schnitt eine etwas kleinere Gehirnoberfläche (Oberfläche der Großhirnrinde).
Bei Kindern, die Kaffee oder Espresso tranken, war die Rinde des Gehirns etwas dünner. Die Ausdünnung zeigte sich vor allem im vorderen Teil des Gehirns. Diese Bereiche sind unter anderem dafür zuständig, unser Verhalten zu steuern, Entscheidungen zu treffen und spontane Impulse zu kontrollieren – also beispielsweise nicht jedem Verlangen sofort nachzugeben.
Beide Veränderungen zeigten sich bereits ab einer sehr geringen Menge von nur einer Dose oder Tasse pro Woche. Beim Konsum von koffeinhaltigem Tee zeigten sich keinerlei Veränderungen im Gehirn.
Unklar, ob Getränke die Ursache sind
Wichtig zur Einordnung: Das bedeutet nicht, dass schon eine Tasse Kaffee oder eine Dose Softdrink pro Woche das Gehirn verändert oder schädigt. Die Studie zeigt lediglich einen statistischen Zusammenhang. Ob die Getränke tatsächlich die Ursache sind, ist unklar. Andere Faktoren, beispielsweise Ernährung oder Lebensstil, könnten hier ebenfalls eine Rolle spielen.
Ein bedeutungsloser Zufall sind die Befunde trotzdem nicht. Und das hat drei Gründe.
- Bei einer repräsentativen Stichprobe von 9632 Jugendlichen sind die beobachteten Zusammenhänge statistisch hochgradig abgesichert und nicht auf Messfehler zurückzuführen.
- Die Ergebnisse sind biologisch sehr gut nachvollziehbar: Koffein blockiert Adenosin-Rezeptoren im Gehirn und verringert dadurch die Schlafdauer. Ausreichender Schlaf ist in der frühen Adoleszenz essenziell für Reifungsprozesse.
- Die Stärke der Effekte bei Softdrinks könnte darauf hinweisen, dass neben Koffein auch der hohe Zuckergehalt oder andere Lebensstilfaktoren eine Rolle spielen.
Die Rolle der Schlafdauer
Um dem Vermittler für die Gehirnveränderungen doch noch näherzukommen, stellten sich die Forscher noch die Frage, ob Koffein möglicherweise über schlechteren beziehungsweise kürzeren Schlaf mit Veränderungen im Gehirn zusammenhängt.
Dabei zeigte sich: Jugendliche, die mehr Koffein oder koffeinhaltige Softdrinks konsumierten, schliefen tendenziell kürzer. Die kürzere Schlafdauer wiederum hing mit einer kleineren Oberfläche der Großhirnrinde zusammen. Anders gesagt: Viel Koffein könnte dazu führen, dass Jugendliche weniger schlafen – und das könnte sich wiederum auf die Entwicklung ihres Gehirns auswirken.
Bei Kaffee und Espresso sah das anders aus. Hier fanden die Forscher zwar einen Zusammenhang mit einer dünneren Großhirnrinde, dieser ließ sich aber nicht durch kürzeren Schlaf erklären.
Die Wissenschaftler vermuten, dass der Zeitpunkt des Konsums eine Rolle spielen könnte. Kaffee wird häufig morgens getrunken, sodass der Körper bis zum Abend bereits einen großen Teil des Koffeins abgebaut hat. Softdrinks werden dagegen möglicherweise auch später am Tag konsumiert und könnten dadurch den Schlaf stärker beeinträchtigen.
Wichtig: Die Studie beweist weder, dass Koffein Schlafmangel verursacht, noch, dass Schlafmangel die Veränderungen im Gehirn hervorruft. Sie zeigt lediglich, dass die beobachteten Zusammenhänge statistisch zu dieser Erklärung passen.
Es geht aber noch weiter.
Denn interessanterweise berichteten Jugendliche mit der kürzesten Schlafdauer sowohl sechs als auch 18 Monate später häufiger von psychischen Problemen. Vereinfacht gesagt: Mehr Koffein ging mit weniger Schlaf einher, weniger Schlaf mit einer kleineren Hirnoberfläche – und diese wiederum mit mehr psychischen Beschwerden.
Somit war eine kleinere Gesamtoberfläche der Großhirnrinde ein statistisches Bindeglied zwischen höherem Koffeinkonsum und späteren psychischen Problemen. Darunter Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen, Depressionen und Angststörungen sowie Störungen des Sozialverhaltens.
Limitationen
Die Erfassung beruht auf Selbstberichten der Kinder beim Getränkekonsum und auf Elternberichten beim Schlaf – Eltern überschätzen die tatsächliche Schlafdauer ihrer Kinder erfahrungsgemäß häufig. Auch stammen die Daten ausschließlich aus den USA, weshalb sich die Ergebnisse nicht eins zu eins auf den Lebensstil in anderen Ländern übertragen lassen.
Kaffee, Cola, Engerydrinks – die Getränke mit dem meisten Koffein
Koffein verändert die graue Substanz im Gehirn
Was könnte dahinterstecken?
Koffein hält uns wach, indem es im Gehirn die Wirkung eines Stoffes blockiert, der normalerweise müde macht. Dadurch kann Koffein den Schlaf verkürzen oder stören. Während wir schlafen, finden im Gehirn wichtige Entwicklungs- und Aufräumprozesse statt. Unter anderem werden überflüssige Verbindungen zwischen Nervenzellen abgebaut und Stoffwechselabfälle abtransportiert. Zu wenig Schlaf könnte diese Prozesse beeinträchtigen.
Allerdings muss nicht allein das Koffein verantwortlich sein. Da die Forscher die stärksten Zusammenhänge bei Softdrinks beobachteten, könnten auch andere Faktoren eine Rolle spielen. Dazu gehört beispielsweise der hohe Zuckergehalt, der Entzündungsprozesse oder den Zuckerstoffwechsel beeinflussen kann. Auch ein insgesamt ungesünderer Lebensstil könnte die Ergebnisse erklären.
Kinder und Koffeinkonsum: Schon im Grundschulalter kommen viele Kinder regelmäßig mit Koffein in Kontakt. Ihre wichtigsten Koffeinquellen sind Softdrinks wie Cola, wie eine große US-amerikanische Studie mit knapp 12.000 Neun- und Zehnjährigen ergab. Die Kinder konsumierten durchschnittlich etwa zwei Standardportionen koffeinhaltiger Getränke pro Woche.1
Aktuelle Zahlen zum Cola-Konsum von Kindern in Deutschland fehlen. Immerhin für die noch deutlich koffeinhaltigeren Energydrinks gibt es aktuelle Zahlen. Laut DAK-Präventionsradar haben bereits 46 Prozent der Neun- bis Zwölfjährigen solche Getränke zumindest einmal probiert.2
Für Kaffee gibt es immerhin ältere Daten aus der sogenannten EsKiMo-II-Studie des Robert Koch-Instituts. Bei den Zwölf- bis 17-Jährigen hatten 30 Prozent der Mädchen und 23 Prozent der Jungen im vierwöchigen Erhebungszeitraum Kaffee getrunken.3
Was können Eltern daraus lernen?
Die Studie mit mehr als 9600 Kindern liefert Hinweise darauf, dass koffeinhaltige Softdrinks die Gehirnentwicklung von Kindern beeinflussen könnten. Der Schlaf ist in der Studie ein möglicher Vermittler, nicht die nachgewiesene Ursache. Auch Zucker oder andere Lebensstilfaktoren könnten zu den beobachteten Zusammenhängen beitragen.
Die gelegentliche Cola beim Schulkind zu unterschätzen, ist allerdings auch nicht der richtige Weg. Denn Kinder, die mehr Koffein konsumierten, schliefen schließlich tendenziell weniger. Schlaf ist immer wichtig, besonders wichtig aber bei Kindern, weil sich das Gehirn noch entwickelt. Während des Schlafs werden unter anderem unnötige Verbindungen zwischen Nervenzellen abgebaut und wichtige Verbindungen gefestigt. Eltern sollten also darauf achten, dass ihre Kinder möglichst wenig Koffein konsumieren und ausreichend schlafen. Das ist eine sinnvolle Vorsorgemaßnahme.