16. Juni 2026, 20:51 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Fruktose und Glukose haben zwar gleich viele Kalorien, wirken im Körper aber unterschiedlich. Bereits eine Studie aus dem Jahr 2015 zeigte, dass Fruktose das Verlangen nach Essen mehr steigert als Glukose. Eine neue Untersuchung aus dem Jahr 2026 liefert nun eine mögliche Erklärung dafür: Die Forscher konnten nachweisen, dass die beiden Zuckerarten bestimmte Nervenzellen im Gehirn unterschiedlich beeinflussen. FITBOOK hat außerdem mit der Hauptautorin der neuen Studie gesprochen, um die Ergebnisse einzuordnen.
Studie aus 2015 zeigte Effekt beim Menschen
Bereits 2015 untersuchten Forscher der University of Southern California, wie Fruktose und Glukose direkt auf den Menschen wirken. Dafür tranken 24 gesunde Erwachsene nach einer zwölfstündigen Fastenphase entweder eine Fruktoselösung oder eine Glukoselösung (75 Gramm in 300 Millilitern Wasser mit Kirschgeschmack). Anschließend wurde ihre Gehirnaktivität per MRT gemessen, während sie Bilder von kalorienreichen Lebensmitteln betrachteten. Außerdem gaben die Teilnehmer an, wie hungrig sie sich fühlten, und trafen Entscheidungen zwischen einer sofortigen Essensbelohnung und einer späteren Geldzahlung.1
Das Ergebnis: Nach dem Konsum von Fruktose fühlten sich die Teilnehmer hungriger und hatten mehr Appetit als nach Glukose. Gleichzeitig reagierten Belohnungszentren im Gehirn stärker auf Bilder von Essen. Auch im Verhalten zeigte sich dieser Effekt: Nach Fruktose waren die Probanden eher bereit, auf eine spätere Geldbelohnung zu verzichten, um sofort etwas zu essen.
Ein möglicher Grund liegt in der unterschiedlichen Hormonreaktion. Glukose führte zu einem deutlich stärkeren Anstieg des Hormons Insulin, das dem Gehirn normalerweise signalisiert, dass der Körper ausreichend Energie erhalten hat. Fruktose beeinflusste dagegen andere Signalwege zwischen Darm und Gehirn. Wie diese genau funktionieren, konnte die aktuelle Studie nun näher aufklären.
So lief die neue Studie ab
Fruktose und Glukose gehören zu den am häufigsten verzehrten Zuckerarten. Obwohl beide gleich viele Kalorien liefern, beeinflussen sie Stoffwechsel und Essverhalten offenbar unterschiedlich. Die Forscher des Monell Chemical Senses Centers in Philadelphia wollten deshalb in einer Mäuse-Studie herausfinden, ob das Gehirn die beiden Zuckerarten unterschiedlich verarbeitet.2
Im Fokus standen sogenannte AgRP-Neuronen im Hypothalamus – Nervenzellen, die eine wichtige Rolle bei Hunger und Nahrungsaufnahme spielen. Dafür erhielten Mäuse Fruktose oder Glukose in identischen Kalorienmengen. Gleichzeitig maßen die Forscher die Aktivität dieser Hungerneuronen und untersuchten die Auswirkungen auf Sättigung, Futteraufnahme und Nahrungsvorlieben. Zudem analysierten sie Signalwege zwischen Darm und Gehirn, darunter den Vagusnerv.
Fruktose sendet andere Signale als Glukose
Das zentrale Ergebnis: Fruktose hemmte die AgRP-Hungerneuronen deutlich schwächer als die gleiche Kalorienmenge Glukose. Die Nervenzellen reagierten also nicht nur auf die Kalorienmenge, sondern auch auf die Art des aufgenommenen Zuckers.
Genau darin sehen die Autoren die zentrale Erkenntnis ihrer Arbeit. „Viele Menschen konzentrieren sich tatsächlich in erster Linie auf die Kalorienaufnahme. Gleichzeitig wird jedoch zunehmend anerkannt, dass nicht nur die Menge der Kalorien, sondern auch ihre Art von Bedeutung ist. Unsere Studie geht noch einen Schritt weiter und zeigt, dass selbst verschiedene einfache Zuckerarten wie Fruktose und Glukose sehr unterschiedliche Auswirkungen auf die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn haben können“, erklärt Dr. Amber Alhadeff, eine der Hauptautorinnen der Mäuse-Studie.
Trotzdem fraßen die Mäuse nach Fruktose kurzfristig nicht mehr als nach Glukose. Die Forscher vermuten, dass Fruktose den Darm stärker dehnt und dadurch ein zusätzliches Sättigungssignal auslöst.
Unterschiede zeigten sich jedoch bei den Vorlieben der Tiere. Sie bevorzugten später Geschmacksrichtungen, die mit einer stärkeren Hemmung der Hungerneuronen verbunden waren. Entsprechend fiel die Wahl häufiger auf die glukoseassoziierte Geschmacksrichtung.
Außerdem identifizierten die Forscher einen speziellen Signalweg zwischen Darm und Gehirn. Fruktose erhöhte die Konzentration des Darmhormons PYY stärker als Glukose. Dieses aktiviert Nervenzellen des Vagusnervs, die Signale aus dem Darm an das Gehirn weiterleiten. Wurde dieser Signalweg blockiert, verschwand auch der Einfluss von Fruktose auf die Hungerneuronen.
Die neue Studie liefert damit eine mögliche biologische Erklärung für die Beobachtungen aus der Humanstudie von 2015: Obwohl Fruktose und Glukose gleich viele Kalorien enthalten, verarbeitet das Gehirn die beiden Zuckerarten offenbar unterschiedlich – mit möglichen Folgen für Hunger, Sättigung und Essverhalten.
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Einordnung der Studie und mögliche Einschränkungen
Ein großer Vorteil der neuen Studie ist, dass die Forscher die biologischen Abläufe zwischen Darm, Hormonen und Gehirn sehr detailliert untersuchen konnten. Dadurch gelang es ihnen, einen konkreten Mechanismus zu identifizieren, der die unterschiedlichen Wirkungen von Fruktose und Glukose erklären könnte.
Die Forscher sehen zudem Hinweise darauf, dass ähnliche Mechanismen auch beim Menschen existieren könnten. „Es gibt Hinweise darauf, dass Fruktose beim Menschen eine stärkere Ausschüttung des Hormons PYY auslöst als Glukose – ähnlich wie wir es auch in unserer Studie beobachtet haben. Darüber hinaus deuten Daten aus der Neurobildgebung darauf hin, dass Glukose die Aktivität des Hypothalamus stärker reduziert als Fruktose. Auch dies stimmt mit unseren Ergebnissen bei Mäusen überein“, erklärt Amber L. Alhadeff, Hauptautorin der Studie, auf FITBOOK-Nachfrage.
Damit ergänzt die neue Studie die Ergebnisse aus dem Jahr 2015 um eine wichtige biologische Erklärung. Während die damalige Untersuchung zeigte, dass Fruktose das Hungergefühl verstärkt und Belohnungszentren im Gehirn stärker aktiviert, liefert die aktuelle Arbeit Hinweise darauf, warum das so sein könnte. Demnach hemmt Fruktose bestimmte Hungerneuronen im Gehirn weniger stark als Glukose. Vereinfacht gesagt: Obwohl beide Zuckerarten gleich viele Kalorien liefern, sendet Glukose offenbar stärkere Sättigungssignale an das Gehirn. Bei Fruktose fällt dieser Effekt schwächer aus. Das könnte dazu beitragen, dass das Verlangen nach Essen länger anhält und Belohnungsreize stärker wirken.
Allerdings wurden die aufwendigen neuronalen Analysen der neuen Studie ausschließlich an Mäusen durchgeführt. Daher lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob alle beobachteten Effekte beim Menschen genauso ablaufen. Hinzu kommt, dass die Humanstudie von 2015 zwar für eine fMRT-Untersuchung eine solide Teilnehmerzahl umfasste, die Ergebnisse jedoch in größeren und vielfältigeren Bevölkerungsgruppen bestätigt werden müssen.
Fazit
Offen bleibt außerdem, welche Folgen diese Effekte langfristig haben. Die 2026er-Studie zeigt zwar, dass Fruktose das Gehirn anders beeinflusst als Glukose. Ob dies auf Dauer das Körpergewicht erhöht oder das Risiko für Stoffwechselerkrankungen beeinflusst, müssen weitere Untersuchungen zeigen.
Trotz der neuen Erkenntnisse warnt Dr. Alhadeff davor, einzelne Zuckerarten pauschal zu bewerten. „Wir möchten nicht die Botschaft vermitteln, dass bestimmte Zuckerarten grundsätzlich ‚gut‘ oder ‚schlecht‘ sind. Dennoch halten wir es für wichtig, dass Verbraucherinnen und Verbraucher wissen, dass unterschiedliche Zuckerarten unterschiedliche Auswirkungen auf unseren Körper und unser Gehirn haben können.“