25. Juli 2025, 4:00 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Über einen wackligen Holzstamm balancieren, das Klettergerüst mal rückwärts raufkraxeln oder mit ausgestreckten Armen von der Schaukel springen – wenn Kinder sich austoben, sieht das für viele Erwachsene einfach nur nach Spaß aus. Naja, und manchmal vielleicht etwas gefährlich. Doch hinter diesem Spaß steckt tatsächlich viel mehr. FITBOOK-Autorin Doris Tromballa erklärt, warum Springen, Hüpfen und Rennen für Kinder eine wichtige Rolle spielen und wie Sie das gesunde Toben gezielt unterstützen können.
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Die allermeisten Kinder haben von ganz allein einen mächtigen Bewegungsdrang. Schon die Kleinsten robben, krabbeln, ziehen sich hoch – sie entdecken die Welt durch Bewegung und entwickeln ihre Fähigkeiten. Doch Spielen und Toben ist mehr als Muskeln und Knochen stark machen, es hilft Kindern dabei, alle Fähigkeiten zu lernen und zu trainieren, die wir im Leben so brauchen.
Grobmotorik als Fundament
Balancieren über eine Mauer, Hüpfen über Steine, Klettern auf Bäume – all das gehört zur sogenannten Grobmotorik. Sie umfasst große, koordinierte Bewegungen, bei denen Muskelgruppen in Armen, Beinen, Rumpf und Rücken zusammenspielen. Bei den grobmotorischen Fähigkeiten unterscheidet man zwischen Bewegungen, bei denen sich das Kind zu einem anderen Ort hinbewegt (rennen, springen, hüpfen), Bewegungen auf der Stelle (strecken, drehen, dehnen) und Bewegungen, bei denen ein Objekt kontrolliert werden muss (werfen, fangen, kicken).1 Diese Grundfertigkeiten sorgen dafür, dass grundlegende körperliche Fähigkeiten erlernt werden und Kinder sich später sicher bewegen können – nicht nur beim Sport, sondern auch im Alltag: Treppen steigen, Roller fahren, sich im Straßenverkehr orientieren.
Außerdem ist die Grobmotorik Grundlage der Feinmotorik: Ein Kind, das sich sicher bewegen, stützen, drehen oder ausbalancieren kann, wird es auch später beim Schreiben, Malen oder Basteln leichter haben.2 Und: Die Grobmotorik ist auch eng mit emotionaler und sozialer Entwicklung verknüpft: Wer sich sicher bewegen kann, fühlt sich sicherer – das stärkt das Selbstbewusstsein. Dazu fördert Bewegung in Gruppen soziales Lernen, etwa Rücksichtnahme, Warten oder Helfen.3
Bewegung ist Gehirndoping
Ganz kurz gesagt, könnte man es so ausdrücken: Laufen, Springen und Toben machen Kinder klug. Denn beim Balancieren, Springen oder Klettern müssen viele Sinneseindrücke verarbeitet werden – etwa Gleichgewicht, Körpergefühl oder räumliche Orientierung. Eine Studie konnte sogar beweisen: Je mehr Bewegungsminuten im Bereich „Objektkontrolle“, desto besser wurden die sogenannten „exekutiven Funktionen“.4 Das sind eine Reihe von kognitiven Fähigkeiten, die es uns ermöglichen, unsere Gedanken und Handlungen zu planen, zu steuern und zu regulieren, um Ziele zu erreichen. Sie sind quasi die „Kontrollzentrale“ unseres Geistes und helfen uns, den Alltag zu meistern. Eine große Überblicksstudie hat darüber hinaus gezeigt, dass Bewegung bei Kindern auch positiv zur Entwicklung der Sprache, der Gedächtnisleistung und mehr Konzentrationsfähigkeit beiträgt.5 Damit waren auch die Schulleistungen aktiver Kinder besser.6
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Balancieren für bessere Konzentration
Das Gleichgewichtssystem – auch vestibuläres System genannt – spielt eine Schlüsselrolle für die Gesamtentwicklung. Es wird über das Innenohr gesteuert und ist für Koordination, Raumgefühl und Haltung verantwortlich. Beim Balancieren wird dieses System besonders stark beansprucht und trainiert. Kinder mit gut entwickeltem Gleichgewichtssinn sind nicht nur motorisch deutlich geschickter, auch Konzentrations- und Lernfähigkeit sind davon abhängig, wie gut der Gleichgewichtssinn trainiert wird.7
Hüpfen macht Muskeln und Knochen stark
Beim Springen geht es nicht nur ums Austoben, sondern um echte Körperarbeit. Hüpfen kräftigt die Beinmuskulatur, trainiert die Koordination und verbessert die Knochendichte. Das Springen bringt außerdem positive Effekte auf die Haltung: Kinder, die regelmäßig springen oder hüpfen, haben meist einen aufrechteren Stand und ein besseres Körpergefühl.8
Klettern fördert Gleichgewicht – und Selbstvertrauen
Wer schon mal selbst geklettert ist, der weiß es aus Erfahrung: Klettern sieht spielerisch und entspannend aus, ist aber mental sehr fordernd und erfordert hochkomplexe Bewegungsabläufe. Körperlich wird beim Klettern die Kraft in Armen und Beinen, Gleichgewicht und Koordination gefördert.9 Aber Klettern ist viel mehr – eine Herausforderung für den Kopf! Kinder müssen sich konzentrieren und Entscheidungen treffen: Wo greife ich hin? Wie verlagere ich mein Gewicht? Was mache ich, wenn ich nicht weiterkomme? Kinder müssen Griffe gezielt greifen, Hände und Augen koordinieren – dadurch wird ihr Bewegungsgefühl und Feingefühl immer feiner. Jedes Klettern ist wie ein kleines Rätsel. Kinder lernen dabei, sich zu konzentrieren und ihre Strategie anzupassen. Erfolge beim Hochkommen zeigen: „Ich schaffe das!“. Und auch wenn es mal schief geht – sie merken: Aufstehen, neu probieren – funktioniert auch. So lernen kletternde Kinder, mit Stress umzugehen, Ängste einzuschätzen und über sich hinauszuwachsen.10
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Mehr Bewegung als Kind – gesünder im Erwachsenenalter
Wer früh anfängt, sich regelmäßig zu bewegen, sorgt für einen Start in ein gesundes Leben: Aus aktiven Kindern werden nämlich meistens aktive Erwachsene.11 Und weil Bewegung so ziemlich das Gesündeste ist, was man für sich tun kann, empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation Bewegung für alle Altersstufen – je früher man also damit anfängt, desto besser.12
Studien zeigen außerdem, dass Kinder und Jugendliche, die sich viel bewegen und dabei auch mal richtig anstrengen, meistens weniger Fett am Körper haben – besonders am Bauch. Und das nicht nur als Kinder, sondern auch später als Erwachsene! Frühe Fitness wirkt also wie ein Schutzschild gegen zu viel Fett. Und sogar wenn Kinder oder Jugendliche etwas mehr wiegen, kann ihre Gesundheit besser sein, wenn sie fit und aktiv sind. Übergewichtige, die sich viel bewegen, haben oft ein gesünderes Herz und einen besseren Stoffwechsel als übergewichtige Kinder, die wenig fit sind. Manchmal sind sie sogar gesünder als Kinder mit normalem Gewicht, die kaum Sport machen.13
So kann gezielte Förderung aussehen
Nicht alle Kinder wachsen mit natürlichem Bewegungsdrang auf – und nicht alle Eltern wissen, wie man ihn fördern kann. Dabei braucht es keine teuren Kurse oder Geräte. Schon einfache Alltagsideen reichen:
• Balancierstrecken bauen – zum Beispiel mit Seilen, Klebeband oder Holzleisten im Garten oder Wohnzimmer.
• Hüpfspiele anregen – etwa Gummitwist, Himmel-und-Hölle oder Sackhüpfen.
• Klettermöglichkeiten schaffen – sei es ein Klettergerüst auf dem Spielplatz oder eine selbstgebaute Kletterwand im Kinderzimmer.
• Barfuß laufen lassen – das trainiert die Fußmuskulatur und verbessert die Balance.
• Bewegung im Alltag integrieren – zum Beispiel zu Fuß oder mit dem Rad oder Tretrollen zur Kita oder Schule, Treppen statt Aufzug, auf dem Bordstein balancieren.
Ganz wichtig: Kinder bewegen sich am liebsten, wenn man sie mitentscheiden lässt, wie und was gemacht wird.14 Manche mögen keine Ballspiele, springen aber mit einem Juchzer der Begeisterung in jeden See. Manche finden Klettern doof, powern sich aber leidenschaftlich am Bolzplatz aus. Da unterscheiden sich Kinder vielleicht gar nicht so sehr von Erwachsenen. Deswegen einfach verschiedene Dinge anbieten und ausprobieren. Ob klettern, springen oder kicken – irgendwas macht garantiert jedem Kind Spaß!