4. August 2025, 11:01 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Ein Klinikaufenthalt kann für Kinder eine emotionale Belastung sein – Angst, Trennung und Ungewissheit bestimmen den Alltag auf der Station. Doch eine neue Studie zeigt: Eine einfache, wirkungsvolle Methode hilft spürbar gegen diesen seelischen Stress – ganz ohne Medikamente. Das gezielte Vorlesen von Geschichten (also Storytelling) wirkte bei jungen Patienten ähnlich effektiv wie eine Schmerztablette gegen Angst. Und: Diese Methode war sogar wirksamer als die bisher etablierte Spieltherapie. Eine zweite Studie aus Brasilien liefert zusätzliche Belege – mit erstaunlichen biologischen Effekten, die man Kindern so nicht zugetraut hätte.
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Was und warum wurde untersucht?
Für Kinder ist ein Krankenhausaufenthalt oft eine stark belastende Erfahrung. Sie werden aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen, sind von Eltern oder Geschwistern getrennt und erleben medizinische Eingriffe, die sie häufig nicht verstehen. Diese Situation kann zu intensiven Ängsten führen – mit negativen Folgen für ihr Wohlbefinden, ihre Heilung und die Zusammenarbeit mit dem medizinischen Personal. Auch die Eltern empfinden die Situation oft als sehr belastend, was sich wiederum auf die Kinder überträgt.
Zuvor gab es Hinweise, dass sowohl Spieltherapie als auch das Vorlesen von Geschichten – sogenanntes Storytelling – kindliche Ängste lindern können. Doch welche Methode wirkt besser? Diese Frage stand im Zentrum der neuen Studie. Ziel war es, konkrete, altersgerechte Empfehlungen zur emotionalen Unterstützung von Kindern im Krankenhaus zu entwickeln.1
Studiendesign und Methoden
Die Studie wurde von 2022 bis 2023 am Imam-Ali-Krankenhaus in Karaj (Iran) als randomisierte, einfach verblindete, kontrollierte Studie durchgeführt. Insgesamt nahmen 75 stationär behandelte Kinder im Alter von drei bis zehn Jahren teil. Sie wurden per Zufallsprinzip in drei Gruppen eingeteilt:
- Storytelling-Gruppe:
Den Kindern wurde an zwei aufeinanderfolgenden Tagen je ein altersgerechtes Buch vorgelesen – „Should I Go to the Hospital?“ und „Franklin Goes to the Hospital“. Ziel war es, ihnen durch Geschichten Sicherheit und Orientierung zu geben. - Spieltherapie-Gruppe:
Hier konnten die Kinder ebenfalls an zwei Tagen je 30 Minuten lang mit medizinischem Spielzeug spielen oder basteln – um Krankenhausabläufe spielerisch zu verarbeiten. - Kontrollgruppe:
Diese Kinder erhielten keine zusätzliche Maßnahme – nur die übliche medizinische Betreuung.
Zur Bewertung der Ängste wurden zwei anerkannte Verfahren eingesetzt:
- SCAS (Spence Children’s Anxiety Scale) – ein standardisierter Fragebogen zur Erfassung kindlicher Ängste
- VFAS (Visual Facial Anxiety Scale) – eine Skala mit Gesichtern, auf der Kinder ihren Angstgrad zeigen
Die Messungen erfolgten über drei Tage hinweg durch Pflegepersonal, das nicht wusste, welcher Gruppe die Kinder angehörten (eine im Kontext von Studien Verblindung genannte Methode). Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht und frühere Krankenhausaufenthalte wurden statistisch berücksichtigt.
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Einfluss von Storytelling auf die Angst der Kinder
Die Ergebnisse sind eindeutig: Storytelling senkte die Angst von Kindern deutlich stärker als Spieltherapie oder keine Maßnahme.
Um die Veränderung messbar zu machen, wurden die Angstwerte auf einer Skala zwischen 0 (keine Angst) und 1 (maximale Angst) normiert. So lassen sich die Veränderungen anschaulich darstellen.
Die Zahlen im Detail:
- Storytelling-Gruppe:
Der durchschnittliche Angstwert sank von 0,32 (Tag 1) auf 0,14 (Tag 2) und lag an Tag 3 bei 0,17. Das entspricht einer Reduktion um mehr als 50 Prozent – und war statistisch signifikant. - Spieltherapie-Gruppe:
Die Werte sanken von 0,36 auf 0,15 (Tag 2) und 0,23 (Tag 3). Der Rückgang war sichtbar, aber nicht signifikant, also statistisch nicht eindeutig nachweisbar. - Kontrollgruppe:
Die Werte blieben weitgehend stabil – 0,31 (Tag 1), 0,17 (Tag 2), 0,26 (Tag 3). Am dritten Tag stieg die Angst sogar wieder leicht an.
Weitere Ergebnisse:
- Kinder im Alter von drei bis acht Jahren profitierten am stärksten vom Vorlesen.
- Bei Kindern zwischen acht und zehn Jahren zeigten beide Interventionen kaum Wirkung – bei Spieltherapie gab es sogar einen leichten negativen Effekt.
- Jungen wiesen insgesamt geringere Angstwerte auf als Mädchen.
- Kinder ohne frühere Krankenhausaufenthalte waren weniger ängstlich.
- Mit zunehmendem Alter nahm die allgemeine Ängstlichkeit tendenziell ab.
Was bedeuten die Ergebnisse?
Die Studie zeigt: Vorlesen ist eine hochwirksame, einfache und nicht invasive Methode, um Angst bei Kindern im Krankenhaus zu lindern – insbesondere bei jüngeren Kindern (drei bis acht Jahre). Es braucht dafür kein spezialisiertes Fachpersonal. Auch Eltern oder Pflegekräfte können Geschichten vorlesen – und stärken dabei gleichzeitig die emotionale Bindung.
Bei älteren Kindern (acht bis zehn Jahre) war kein signifikanter Effekt erkennbar – hier sollten andere Maßnahmen geprüft werden. Die Daten deuten zudem auf geschlechtsspezifische Unterschiede hin, die bei der Planung von Interventionen berücksichtigt werden sollten.
Weitere Studie belegt den Effekt
Die Wirkung des Vorlesens wurde auch in einer zweiten, unabhängigen Studie aus Brasilien herausgearbeitet, die 2021 in der renommierten Fachzeitschrift PNAS veröffentlicht wurde.2
In dieser Studie wurden 81 Kinder (Durchschnittsalter: sieben Jahre) untersucht, die auf einer Intensivstation lagen – überwiegend wegen Atemwegserkrankungen. Die Kinder wurden in zwei Gruppen eingeteilt:
- Eine Gruppe hörte 30 Minuten lang eine Kindergeschichte.
- Die Vergleichsgruppe löste im gleichen Zeitraum kleine Rätsel.
Vor und nach der Intervention wurden Speichelproben entnommen und auf zwei zentrale Hormone hin analysiert:
- Cortisol, ein typisches Stresshormon
- Oxytocin, ein Hormon, das mit Nähe, Vertrauen und Entspannung in Verbindung steht
Die Erkenntnisse:
- In der Storytelling-Gruppe sank der Cortisolwert um fast 60 Prozent – ein klarer Hinweis auf reduzierte Stressbelastung.
- Gleichzeitig stieg der Oxytocinspiegel deutlich an, was auf stärkere emotionale Sicherheit hindeutet.
Auch das Schmerzempfinden ging zurück:
- Die Kinder empfanden ihre Schmerzen nach dem Vorlesen als etwa dreimal geringer – ein Effekt, der laut Forschern vergleichbar mit einem leichten Schmerzmittel ist, jedoch ohne Nebenwirkungen.
Zusätzlich analysierten die Forscher die Sprache der Kinder:
- Nach dem Vorlesen verwendeten sie auffällig mehr positive Wörter wie „Freund“, „glücklich“ oder „Hoffnung“ – und sprachen seltener von „Angst“, „weh“ oder „schlimm“.
Diese Studie zeigt: Vorlesen beeinflusst nicht nur Gefühle, sondern auch den Hormonhaushalt und das Schmerzempfinden.
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Einordnung der Studien und mögliche Einschränkungen
Die iranische Studie überzeugt methodisch durch ihre saubere Durchführung: randomisiert, verblindet, mit Kontrollgruppe und wiederholter Erhebung. Auch die brasilianische Studie ist hochwertig, da sie biologische Marker einbezieht.
Dennoch gibt es Einschränkungen:
- Die iranische Studie wurde nur an einem Krankenhaus durchgeführt – die Übertragbarkeit auf die Situation anderer Kliniken oder gar anderer Kulturen ist begrenzt.
- Es wurden nur Kurzzeiteffekte über drei Tage hinweg untersucht.
- Psychologische Langzeitwirkungen (z. B. Schlafstörungen, Verhaltensänderungen) wurden nicht erfasst.
- Bei älteren Kindern blieb der Effekt aus – die Wirksamkeit ist also altersabhängig.
- Unklar ist, ob es eine Rolle spielt, wer vorliest bzw. die Spieltherapie durchführt.
Fazit
Storytelling – so die Hinweise der Forschung – reduziert Angst und Schmerz bei Kindern im Krankenhaus signifikant, vor allem bei jüngeren. Spieltherapie war in der iranischen Studie weniger wirksam – und bei älteren Kindern sogar kontraproduktiv. Ergänzt durch die biologischen Ergebnisse aus Brasilien wird klar: Vorlesen ist mehr als Unterhaltung – es ist eine medizinisch wirksame Intervention. Kliniken könnten sie gezielt einsetzen, um kleinen Patienten den Klinikalltag zu erleichtern.