19. Juni 2026, 13:37 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Befreit nicht nur den Darm, sondern offenbar auch die Seele: Ein eigentlich gegen Verstopfung eingesetztes Medikament lindert bereits nach einer Woche kognitive Depressionssymptome. Und zwar solche, die oft nach der Genesung bestehen bleiben. FITBOOK erklärt die Hintergründe.
Es kommt immer wieder vor, dass sich bestimmte Nebenwirkungen einiger Medikamente als Segen entpuppen. So auch bei Prucaloprid, einem Präparat, das zur Behandlung chronischer Verstopfung eingesetzt wird. Es hilft bei Leiden, die sich besonders bemerkbar machen, wenn die Depression an sich überwunden ist. Dazu gehören mangelnde Konzentrationsfähigkeit, ein schlechtes Gedächtnis oder ein nebliges Gefühl beim Denken (Brain Fog). Diese sogenannten kognitiven Restsymptome können die Rückkehr in den Alltag erschweren. Prucaloprid, ein bereits zugelassenes und kostengünstiges Medikament, macht Hoffnung, diese belastenden Depressionssymptome endgültig loszuwerden. Die Studienergebnisse wurden aktuell in der Fachzeitschrift „Psychological Medicine“ veröffentlicht.1
Wie ein Medikament gegen Verstopfung bei Depressionssymptomen helfen kann
Prucaloprid aktiviert den 5-HT4-Rezeptor. Dabei handelt es sich um eine Andockstelle für den Botenstoff Serotonin. Dieser ist nicht nur für Zufriedenheit, sondern auch für Lernen und Gedächtnis, emotionale Verarbeitung oder Kommunikation zwischen den Nervenzellen verantwortlich. Frühere Untersuchungen an Mäusen hatten ergeben, dass die Aktivierung dieses Rezeptors die Neuroplastizität unterstützen könnte. Wenn Depressionen also bestimmte Denkprozesse beeinträchtigen, so die Annahme, könnte eine gezielte Beeinflussung helfen, die geistige Leistungsfähigkeit wieder zu stärken. Dieser Frage sind Forscher der Oxford University und der University of Birmingham nun beim Menschen nachgegangen.
Wirkstoff an 50 Erwachsene mit abgeklungener Depression verabreicht
Für die Studie wurden 50 Patienten (18 bis 40 Jahre) rekrutiert, die zuvor depressive Episoden hatten. Entscheidend war, dass die Depression bereits abgeklungen war. Den Teilnehmern wurde nach dem Zufallsprinzip entweder zwei Milligramm Prucaloprid, eine Dosis, die derzeit nur für chronische Verstopfung zugelassen ist, oder ein Placebo für sieben bis zehn Tage verabreicht. Vor und nach der Einnahme absolvierte jeder Proband eine Reihe kognitiver Tests. Darunter:
- Gedächtnis
- Arbeitsgedächtnis
- Aufmerksamkeit
- Verarbeitungsgeschwindigkeit
- emotionale Wahrnehmung
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Überraschende Ergebnisse
Die Prucaloprid-Gruppe konnte sich im Vergleich zur Placebo-Gruppe nach der Einnahme zuverlässiger an zuvor gehörte Wörter erinnern. Dies spricht dafür, dass der Wirkstoff die Fähigkeit verbessern könnte, neue Informationen aufzunehmen und abzurufen. Ebenso reagierte die Prucaloprid-Gruppe bei einer Aufgabe, die das Behalten von Informationen im Gedächtnis und das Verfolgen neuer Informationen gleichzeitig erfordert, deutlich schneller. Besonders überraschend: Prucaloprid half offenbar dabei, Gefühle (wie Angst, Freude, Wut oder Überraschung) in Gesichtern, die nur eine halbe Sekunde zu sehen waren, treffsicherer zu erkennen. Insgesamt zeigten die Personen, die Prucaloprid erhielten, deutlich bessere Leistungen bei mehreren kognitiven Tests als die Placebo-Gruppe.
Das Medikament wurde gut vertragen, führte aber bei manchen Probanden zu einem verringerten Appetit.
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Studie verspricht Hoffnung, aber noch keine Hilfe
Für Betroffene, die eine Depression überwunden haben, sich aber weiterhin geistig ausgebremst fühlen, gibt es derzeit keine zugelassenen Therapien. „Viele Betroffene überwinden eine Depression, doch Konzentration und Gedächtnis brauchen oft länger, um sich zu erholen. Unsere Ergebnisse zeigen erste Hinweise, dass die Aktivierung des 5-HT4-Rezeptors helfen könnte, diese kognitiven Funktionen gezielt zu unterstützen“, so Studienleiterin Prof. Susannah Murphy in einer Universitätsmitteilung.2 Leider ist die Untersuchung zu klein und der Untersuchungszeitraum zu kurz. Damit ist sie nicht aussagekräftig genug, um das Medikament gegen besagte Depressionssymptome schon jetzt einzusetzen.
Viele Fragen bleiben offen
Trotz der vielversprechenden ersten Ergebnisse ist unklar, wie sich das Medikament gegen Verstopfung langfristig auf die kognitiven Depressionssymptome auswirkt. Bleibt der Effekt bestehen? Funktioniert der Ansatz auch bei aktuell depressiven Menschen oder auch bei älteren Personen? Hat eine längere Einnahme womöglich problematische Nebenwirkungen? All dies gilt es in Folgestudien zu klären, die laut der Universität Birmingham bereits in Planung sind.