Wer endlich hoch hinaus will..

So entsteht Höhenangst – und so wird sie bekämpft

Höhenangst kann man mithilfe einer Konfrontationstherapie behandeln
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Höhenangst entsteht oft durch ein traumatisches Erlebnis in der Kindheit und kann per Konfrontationstherapie bekämpft werden. Ein Experte erklärt uns, wie.

Wer an Akrophobie leidet, so der Fachbegriff für Höhenangst, kann von Aufenthalten in den Bergen wohl nur (alp-)träumen. Und je nach Ausprägung fällt es den Betroffenen sogar schwer, auf eine Leiter zu steigen. Das kann die Lebensqualität stark einschränken. FITBOOK hat mit einem Mediziner darüber gesprochen, wie sich das Problem bewältigen lässt.

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Wenn erwachsene Menschen zusammenzucken, nur weil sie auf einen Balkon im ersten Stock treten sollen, steckt wahrscheinlich eine Höhenangst dahinter. Für Außenstehende sind die Sorgen meist nicht zu verstehen, geschweige denn nachzuempfinden. Dabei sind die Symptome nicht ohne: Herzrasen, auffälliges Zittern und Schwitzen – und das alles ob einer scheinbar harmlosen Situation. „Deshalb handelt es sich um eine Phobie“, erklärt uns Dr. Falk Stirkat – Facharzt für Notfallmedizin und hausärztliche Innere Medizin im Medic-Center in Nürnberg – im Gespräch mit FITBOOK. Genauer gesagt handele es sich dabei um „eine Angst, die ohne echte Bedrohung auftritt.“ Wie und warum das sein kann, wollten wir genauer wissen.

Was genau bedeutet „Höhenangst“?

Angst vor Höhe kann, je nach Umstand, eine „reale Angst“ sein – und sogar eine lebenswichtige, wie Dr. Stirkat betont. „Sonst würden wir uns womöglich in große Gefahr begeben, ohne es zu merken, und schlicht verunfallen.“ Am Beispiel von Bergsteigern zeige sich, wie dringend der Mensch auf dieses Warnsignal angewiesen ist, das aus einem Instinkt zum Überlebensschutz resultiert. Beim Erklimmen eines steilen Berges etwa stelle die natürliche Angst sicher, dass man sich vorsichtig und aufmerksam verhält.

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Anders ist es bei einer Phobie. Hier werden bereits durch ungefährliche Reize starke Angstsymptome ausgelöst, verbunden mit dem dringenden Impuls, die Situation so schnell wie möglich zu verlassen. Genau das sei allerdings ein grober Fehler. „Die rasche Flucht festigt die Gewissheit, tatsächlich einer großen Gefahr entkommen zu sein“, erklärt Dr. Stirkat. Genau so werde die Angst aber umso mehr einzementiert.

Wie entsteht Höhenangst?

Laut dem Mediziner hat die Akrophobie zwei Zutaten und in den meisten Fällen eine Vorgeschichte in der Biographie des Betroffenen. Das könne ein Schreckensmoment (1. Zutat) sein, den man erlebt oder auch nur erzählt bekommen hat. Hinzu komme dann noch das Wissen, dass ein tiefer Sturz tödlich sein kann (2. Zutat). Bei entsprechender Vorbelastung entstehe die Höhenangst, wenn der Blick in den Abgrund (und die dadurch ausgelöste reelle Angst) eine unangenehme Erinnerung mit dem aktuellen Erlebnis verknüpft. „Das nennen Psychologen Konditionierung“, erklärt uns Dr. Stirkat.

Mann steht am Abgrund und schaut sich Bergpanorama an

Wandern in den Bergen bleibt für Menschen mit Höhenangst in der Regel ein unmöglicher (Alp-)Traum
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Anderes Beispiel: „Steigt eine Person auf eine Leiter und erinnert sich an eine ungünstige Prägung aus der Kindheit, schnappt die Falle zu.“

Warum macht Akrophobie auch in kleinen Höhen Angst?

Die „falsche Verknüpfung“, die der Arzt uns beschrieben hat, sitze „bombenfest“. Zumal die Betroffenen es nicht schaffen (können oder wollen), die Angst auszuhalten, und dem Fluchtreflex nachgeben. Die Folge: eine fatale und indirekte Bestätigung, dass die eigentlich ungefährliche Situation – wie etwa das Stehen auf einer Leiter – eine große Bedrohung darstellt. „Das Gehirn lernt irrtümlich, dass eine tatsächliche Gefahr vorliegt, und damit hat es eine Angststörung bekommen“, fasst Dr. Stirkat zusammen.

Wie kann man eine Höhenangst behandeln?

Bei verschiedenen Formen von Angststörungen kann es sinnvoll sein, die Behandlung mit Medikamenten zu unterstützen. Es sind allen voran Mittel aus der Gruppe der Antidepressiva, die den Betroffenen verschrieben werden, um eine generelle Entspannung zu erzielen und so ihre Bereitschaft für eine Verhaltenstherapie zu erhöhen. Bei Akrophobie, einer sehr spezifischen Angst, sei das anders. „Gerade in der Höhe – sei es nun real im Hochgebirge oder auf der Haushaltsleiter – sollten Sie nicht durch ein Medikament in Ihrer Reaktionszeit eingeschränkt sein“, erläutert der Mediziner.

Das gehe, solange man engagiert daran arbeite, auch ohne professionelle Hilfe. Auf FITBOOK erklärt der Experte, worauf Sie unbedingt achten sollten, wenn Sie sich selbst einer Konfrontationstherapie unterziehen.

Wichtige Schritte bei jeder Konfrontationstherapie:

  • Seien Sie engagiert

Konfrontationstherapie bedeute, sich der angstauslösenden Situation bewusst auszusetzen. Wichtig: dem Fluchtimpuls NICHT nachgeben. Damit die Übung etwas bringt, müsse man dabei zudem starke Anspannung empfinden und auch darauf achten und mitsteuern, das Niveau zu halten. „Völlige Langeweile wäre quasi null Prozent, 100 hingegen die blanke Panik. Versuchen Sie, zwischen 30 und 70 Prozent Anspannung zu kommen, nicht höher.“

Es gelte, so lange in der Situation zu bleiben, bis die Angst niedriger wird, und dann behutsam die Anspannung wieder größer werden zu lassen. Dafür den Reiz geringfügig erhöhen, also beispielsweise eine weitere Sprosse der Leiter emporsteigen. So soll das Gehirn lernen, dass von den angstauslösenden Umständen in Wahrheit keine Gefahr ausgeht.

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  • Werden Sie nicht übermütig

Dr. Stirkat betont, dass von der Übungssituation keine reelle Gefahr ausgehen dürfe – „sonst riskieren Sie möglicherweise ein Unglück! Also nicht über einen Bergrand wandern oder riskante Höhen aufsuchen, um Ihre Höhenangst zu therapieren“.

  • Nehmen Sie sich Zeit

„Bitte nicht durch die hohe Anspannung durchhetzen, um sie rasch wieder hinter sich zu lassen“, rät der Experte. Man habe es dann richtig gemacht, wenn man so lange aushalten konnte, bis die eigentlich angstauslösende Situation ein ganz anderes Gefühl bringt: Langeweile. Bis dieses Umdenken im Gehirn einsetzt, dauere es schon mal bis zu einer Stunde. Entsprechend viel Zeit sollten Sie für jede Einheit einplanen.

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Diese Form der Therapie sei bewährt und effektiv, verlange aber nach Geduld und Regelmäßigkeit. „Sie sollten sie am besten täglich und mehrfach wiederholen.“ Wird es zu anstrengend, rät der Arzt zu kurzen Pausen. Man sollte sich dabei aber nicht zu sehr ablenken, sondern die Aufmerksamkeit weiterhin auf die Höhe richten.

Dr. Stirkat räumt ein, dass man sich nach einer sorgfältig ausgeübten Übungseinheit „wie nach einem Marathonlauf fühlen“ könne. Dies sei aber vor allem Grund zur Freude, „denn Ihr Gehirn wird etwas Neues gelernt haben.“ Und spätestens dann, wenn Sie mühelos eine Birne an der Deckenlampe austauschen können – oder gar den beeindruckenden Talblick von einem Berggipfel aus erleben durften! –, hat sich das Schwitzen gelohnt, versprochen.

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