19. November 2025, 16:05 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Medikamente und Therapien sind wichtige Faktoren, um aus einer Depression herauszufinden. Gleichzeitig können bestimmte Lebensmittel wie Kaffee das Risiko, eine Depression zu entwickeln, senken. Doch ausgerechnet Kaffee scheint die Wirkung bestimmter Therapien zu verhindern. Wie kommt es zu diesem Paradoxon? FITBOOK-Autorin Friederike Ostermeyer erklärt die neuesten Forschungsergebnisse und wie Mäuse den Wissenschaftlern dabei helfen, dieses Rätsel zu lösen.
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Mehrere große Beobachtungsstudien berichten ein um 20 bis 25 Prozent niedrigeres Depressionsrisiko bei regelmäßigem Kaffeekonsum.1 Das sind gute Nachrichten für Fans des schwarzen Muntermachers. Und doch kann die tückische Krankheit bei jedem ausbrechen. Medikamente lindern oft die Symptome. Bis sie wirken, dauert es jedoch Wochen. Es kommt auch vor, dass die üblichen Antidepressiva überhaupt nicht anschlagen. In diesem Fall können eine Ketamin- oder eine Elektrokrampftherapie (EKT) innerhalb von Stunden für eine Besserung sorgen. Zur Verwunderung der Forscher bewirken beide Methoden im Gehirn quasi das Gegenteil von Kaffee. Wie kann das sein? Eine neue Studie aus China2 hat sich dieser Frage gewidmet und Überraschendes entdeckt.
Das wollten die Forscher herausfinden
Zunächst stand folgende Frage im Zentrum: Wie kann es sein, dass Ketamin und die Elektrokrampftherapie so schnell wirken, während Betroffene bei den klassischen Medikamenten viel Geduld benötigen? Gibt es einen gemeinsamen „Schalter“, der den raschen antidepressiven Effekt auslöst? Was passiert da eigentlich genau im Gehirn? Und hier kommt der Kaffee ins Spiel. Die Forscher entdeckten bei ihrer Studie nämlich ein System, in das ebenso häufig konsumiertes Koffein eingreift. Allerdings auf eine völlig andere Weise. Die Forscher Julio Licinio und Ma-Li Wong empfanden dieses sogenannte Kaffee-Paradoxon als derart bemerkenswert, dass sie einen eigenen wissenschaftlichen Kommentar3 dazu verfassten.
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Die Kraft der Adenosin-Rezeptoren
Noch einmal zurück zur eigentlichen Studie. Lange Zeit war unklar, welcher Mechanismus hinter den Methoden mit Ketamin und EKT greift. Daher verabreichten sie Mäusen eine therapeutische Dosis Ketamin und führten eine EKT-ähnliche elektrische Stimulation durch. Durch genaue Echtzeitmessungen in ihren Gehirnen konnten sie einen rasch steigenden Adenosinspiegel in jenen Gehirnbereichen beobachten, die mit Depressionen in Verbindung gebracht werden. Dieser wichtige Botenstoff signalisiert uns das Bedürfnis zu schlafen, damit sich Körper und Gehirn erholen können. Er wirkt auch beruhigend auf Nervenzellen und reduziert Stress. Kausalitäts-Checks, bei denen die Rezeptoren entfernt bzw. blockiert wurden, ergaben, dass genau dieser Adenosin-Schub für die Wirkung notwendig ist. Daraufhin entwickelten die Forscher Varianten, die noch stärkere Signale bei geringeren Nebenwirkungen auslösten. Noch eine wichtige Erkenntnis: Ketamin erhöht Adenosin durch Veränderungen im Energiestoffwechsel, nicht dadurch, dass die Rezeptoren stärker feuern. Dies ist ein wichtiger Ansatz für neue, wirksame Therapien.
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Was hat Kaffee in diesem Fall mit Depression zu tun?
Kaffee bzw. Koffein, eine der am häufigsten konsumierten psychoaktiven Substanzen, hat die Eigenschaft, Adenosin-Rezeptoren zu blockieren. Dadurch gelangen keine Müdigkeitssignale durch, sodass wir wach und leistungsfähig bleiben. Das bedeutet aber auch, dass Kaffee die Wirkung von Ketamin und EKT abschwächt oder gar verhindert. Dabei hat regelmäßiger Kaffeekonsum bekanntlich eine schützende Wirkung. Oder wäre nur die eine Tasse kurz vor oder nach der Therapie problematisch? Dieser Frage gingen die Forscher in dem besagten Kommentar zur Studie nach.
Müde nach dem Kaffee? Das könnten die Gründe sein
Stört Koffein wirklich den Schlaf – und wenn ja, warum?
Was das „Kaffee-Gehirn“ von anderen unterscheidet
Weiter heißt es, dass Kaffeefans dauerhaft hochregulierte Adenosin-Rezeptoren haben. Das bedeutet, dass ihre Dichte höher ist und sie grundsätzlich auch stärker aktiv sind. Außerdem verfügen sie über mehr „Ersatz-Rezeptoren“. So ließe sich zumindest die schützende Wirkung von Kaffee bezüglich Depressionen erklären. Kommt allerdings eine Koffein-Dosis hinzu, tritt auch die vom Kaffeetrinker erwünschte Wirkung ein. Blockierte Rezeptoren bedeuten nämlich mehr Wachheit, der beruhigende Effekt bleibt aus. Und hier vermuten die Forscher die Auflösung des Paradoxons: Koffein hebt die schützende Wirkung nur auf, solange es aktiv ist, also drei bis zwölf Stunden lang. Ansonsten trägt es dazu bei, dass das Gehirn und seine Rezeptoren besser gegen Depressionen gerüstet sind. Die besagten 20 bis 25 Prozent bezeichnen die Forscher als „beachtlich“. Der Ratschlag der Kommentatoren lautet deshalb bislang, dass von Depression betroffene Kaffeetrinker 24 Stunden vor und nach der Therapie auf das Heißgetränk verzichten sollten.
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Und doch bleiben viele Fragen offen
Vorab: Mäusehirne sind keine Menschenhirne. Menschliche Depression ist ein extrem komplexes Feld und jeder reagiert zudem unterschiedlich auf Wirkstoffe. Eine mögliche Übertragung auf den Menschen ist zwar plausibel, aber noch nicht klinisch bewiesen. Dafür müssten zunächst neue Studiendesigns entwickelt werden. Gleichzeitig ist Adenosin ein multifunktionales Molekül, das nicht nur im Gehirn, sondern im ganzen Körper wirkt.
Kaffee wurde bei den Mäusen übrigens nicht direkt getestet, sondern diente lediglich als Anstoß für den begleitenden Kommentar. Die durchaus logischen Überlegungen dazu bleiben bislang theoretisch. Und nicht zuletzt ist das Gehirn selbst eines der größten ungelösten Rätsel des Universums. Die Studie zeigt wunderbar auf, wie man gewissen Antworten möglichst nahekommen kann. In diesem Fall kamen die Forscher einem wichtigen Schlüsselmechanismus auf die Spur, der die Erfolgschancen bei der Behandlung von Depressionen verbessern könnte. Und nicht zuletzt zeigt sie einmal mehr, dass bestimmte Substanzen gleichzeitig „Freund“ und „Störenfried“ sein können. Manchmal kommt es eben auf den Zeitpunkt an.