16. Oktober 2025, 12:58 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Mit dem Alter wird man weise, heißt es. Eine neue Studie bestätigt nun, dass unsere soziale Intelligenz und damit Lebenstüchtigkeit zwischen 55 und 66 Jahren ihren Höhepunkt erreicht. Mit über 70 sind wir emotional am stabilsten. Das sind alles gute Gründe, um vor dem Älterwerden keine Angst zu haben.
Hatte Udo Jürgens doch recht? Mit seiner berühmten Songzeile „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“ lag er zumindest nicht ganz falsch, wie zwei Forscher der Universität Warschau und der University of Western Australia zeigen.1 Was die steigende Intelligenz im Alter genau bedeutet und welche Erkenntnisse sich aus der Studie für das eigene Leben ableiten lassen, erklärt FITBOOK-Autorin Friederike Ostermeyer.
Wann im Leben erreichen Menschen ihr „geistiges Funktionsoptimum“?
Die beiden Forscher Gilles Gignac und Marcin Zajenkowski wollten Folgendes herausfinden: Wann im Leben erreichen Menschen ihr „geistiges Funktionsoptimum“? Also die Phase, in der Denken, Persönlichkeit und Entscheidungsfähigkeit am besten zusammenspielen. Es gibt viele einzelne Studien, die sich mit einzelnen Aspekten kognitiver Fähigkeiten wie dem IQ oder der Persönlichkeitsentwicklung befassen. So sind wir zwar in unseren 20ern körperlich in Höchstform und können uns Dinge besser merken, doch mit der Weitsicht und der Zufriedenheit ist es oft weniger gut bestellt. Bislang fehlte also ein Gesamtbild, das all diese Aspekte integriert. Hinzu kommt, dass die Psychologie bislang kein einheitliches Maß kennt, das Kognition, Urteilskraft und Persönlichkeit gleichzeitig abbildet. Die Autoren wollten daher einen neuen Index entwickeln, der dies nun erstmals messbar machen soll: den Cognitive-Personality Functioning Index (CPFI).
Auch interessant: Unser biologisches Alter macht mehrere Sprünge im Laufe des Lebens
Cognitive-Personality Functioning Index (CPFI)
Für ihren neuen CPFI-Index ermittelten Gignac und Zajenkowski 16 psychologische Dimensionen. Dazu zählen logisches Denken, Gedächtnisleistung, Verarbeitungsgeschwindigkeit, Wissen und emotionale Intelligenz. Aber auch psychische Stabilität, Gewissenhaftigkeit, Empathie und Offenheit für Erfahrungen flossen mit ein. Anschließend suchten sie bestehende, großangelegte Studien heraus, die sich mit einzelnen oder mehreren dieser Komponenten befassten und dabei auch das Alter berücksichtigten. Mithilfe eines Computermodells brachten sie schließlich 16 Kurven zusammen, die den Verlauf des CPFI über die Lebensspanne genauer abbilden sollten. Um ein stabileres Ergebnis zu erhalten, gewichteten sie bei ihren Berechnungen einmal kognitive Fähigkeiten und einmal Persönlichkeitsmerkmale stärker. Interessanterweise änderte dies am Gesamtergebnis nur wenig.
2 Persönlichkeitsmerkmale, die vor Demenz schützen können
Der ideale Trainingsumfang, der vor geistigem Verfall schützt
Alter und Intelligenz – haben wir ein „goldenes Mittelalter“?
Ja, das stimmt. Mit 25 sind wir besonders fit im Kopf, allerdings kann die noch fehlende emotionale Reife zu unklugen Entscheidungen führen. Diese steigt zwar in den 30ern mit wachsender Erfahrung und Wissen, bleibt aber weiterhin ausbaufähig. Eine optimale Balance aus Erfahrung, Wissen, Urteilskraft und ausreichender geistiger Flexibilität (sozialer Intelligenz) erreichen wir laut den Messergebnissen erst im Alter zwischen 55 und 60 Jahren. Das erklärt, warum wir in diesem Lebensabschnitt die besten Führungs- und Mentorenqualitäten haben. Die Forscher schließen daraus, dass wir bestimmte Fähigkeiten bis weit über die Lebensmitte hinaus stetig verbessern können. Lebenslanges Lernen lohnt sich also. Kognitives Training, Weiterbildung oder neue Hobbys können dabei helfen, das hohe Niveau lange zu halten. Auch jenseits der 60 nehmen emotionale Stabilität, Urteilsfähigkeit und Weisheit eher weiter zu als ab. Das bedeutet, dass uns grundsätzlich ein sehr zufriedener letzter Lebensabschnitt erwarten kann.
Schwächen und Stärken der Studie
Jeder Mensch und jedes Leben ist einzigartig. Der neu entwickelte CPFI kann jedoch nur einen Durchschnittstrend abbilden. Dieser ist auch eher ein Vorschlag als ein bereits validiertes Standardmaß. Für individuelle Prognosen ist das Ergebnis daher wenig geeignet. Die Studie beschreibt lediglich Muster und liefert keine neurologischen oder psychologischen Erklärungen. Wie wir uns fühlen oder wie sich unsere Intelligenz mit dem Alter entwickelt, hängt zudem stark vom kulturellen Hintergrund, guten oder schlechten bis hin zu traumatischen Lebenserfahrungen sowie der sozialen Rolle und der Bildung ab. Unterschiedliche Lebensstile, Familienstrukturen oder Arbeitsbedingungen können die Verläufe stark beeinflussen.
Dennoch zeigt die von den Forschern neu dargestellte Perspektive etwas Bedeutendes auf. Nämlich, dass unser „Wert“ und unsere Leistungsfähigkeit nicht nur vom IQ abhängen, sondern dass dieser zusammen mit Lebenserfahrung, Urteilsvermögen, Selbstregulation und Moral ein viel realistischeres Gesamtbild abgibt und mit jedem weiteren Lebensjahr offenbar erstarkt.
Übrigens komponierte Ludwig van Beethoven seine berühmte 9. Symphonie mit 53 Jahren, Charles Darwin veröffentlichte seine „Entstehung der Arten“ mit 50 und Laura Ingalls Wilder war 65, als sie den ersten Band ihrer Buchreihe „Unsere kleine Farm“ schrieb.