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Nachgefragt beim Experten

Hilft das Hormon Melatonin wirklich beim Einschlafen?

Melatonin als Schlafmittel? Frau nimmt Tabletten
Melatonin-Tabletten sollen die Schlafqualität verbessern. FITBOOK weiß vom Experten, ob das stimmt.
Foto: Getty Images

Schon einmal von Melatonin gehört? Dabei handelt es sich um ein Hormon im menschlichen Körper, das regulierend auf die Schlaf- und Wachzeiten wirkt. Vielerorts im Ausland gibt es Melatonin in Tablettenform rezeptfrei zu kaufen, in Deutschland ist es verschreibungspflichtig und eher umstritten. FITBOOK sprach mit einem Experten über das Präparat, seine Wirkung und mögliche Risiken.

Melatonin ist als Schlafhormon bekannt, weil es den Tag-Nacht-Rhythmus des Menschen reguliert. Es übernimmt aber noch weitere Aufgaben im Körper. Nicht zuletzt wirkt Melatonin antioxidativ, was bedeutet, dass es die Auswirkungen schädlicher freier Radikale vermindert, die sonst Zellalterung und -schäden verursachen können. Das würde sich nicht nur mit Faltenentwicklung bemerkbar machen. Viel schlimmer noch: Oxidativer Stress wird vor allem mit Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht.

Melatonin – im Ausland rezeptfrei, in Deutschland nicht

Während Melatonin in Tablettenform schon etwas länger bekannt und beliebt ist, begegnen wir ihm aktuell auch vermehrt als Spray. Seiner vermeintlichen Anti-Aging-Wirkung wegen ist es etwa in den USA und in den Niederlanden Bestandteil verschiedener Nahrungsergänzungsmittel. Aber auch als Einzelpräparat gibt es Melatonin in einigen anderen Ländern günstig und rezeptfrei zu kaufen, dann hauptsächlich, um einen gesunden Schlafrhythmus aufrechtzuerhalten. Aufgrund der zugeschriebenen Wirkung decken sich auch mehr und mehr Menschen im Urlaub damit ein oder versuchen, es im Internet zu bestellen. Denn in Deutschland gibt es Melatonin in einer Dosis über 1 Milligramm nur von einem einzigen Hersteller – verschreibungspflichtig.

Warum die Vergabe hier strenger gehandhabt wird und ob Melatonin wirklich das Wundermittel ist, für das es viele halten? Mit diesen und weiteren Fragen wandte sich FITBOOK an Dr. Hans Günther Weeß, Psychotherapeut und Leiter des Interdisziplinären Schlafzentrums am Pfalzklinikum in Klingenmünster.

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Wie beeinflusst Melatonin den Schlaf?

Melatonin wird bei Dunkelheit von der Zirbeldrüse im Hirn ausgeschüttet, mit der Folge, dass wir müde werden und der Körper sich auf das Schlafen einstellt. Wird es morgens hell, geht die Ausschüttung zurück – für den Körper das Signal, wach zu werden und aufzustehen. Um diesen Prozess zu optimieren oder einen gestörten Melatoninhaushalt zu behandeln, vertrauen viele auf Tabletten bzw. Melatoninspray

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Was bedeutet ein „gestörter Melatonin-Haushalt“?

Wenn der Körper zu den entsprechenden Tages- und Nachtzeiten nicht genügend Melatonin zur Verfügung steht, spricht man von einem gestörten Melatonin-Haushalt. Das kann natürliche Ursachen haben, etwa, dass die Hirndrüse mit zunehmendem Alter weniger davon ausschüttet. Aber auch bei jüngeren Menschen gibt es Faktoren, die den Melatonin-Haushalt beeinflussen können – beispielsweise unregelmäßige Tagesabläufe, Schichtarbeit oder Reisen in andere Zeitzonen. Auch soll der blaue Lichtanteil von Handy- oder Computerbildschirm die Produktion des Hormons hemmen. Aus diesem Grund raten Wissenschaftler davon ab, im Bett auf dem Smartphone oder Laptop zu lesen.

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Kann man einen Melatonin-Mangel beim Arzt feststellen lassen?

Laut Dr. Weeß gibt es die Möglichkeit, den Melatonin-Haushalt über Speichel- oder Bluttests zu ermitteln. Die Ergebnisse seien aber sehr ungenau, denn: „Melatonin muss zu unterschiedlichen Zeiten des Tages gemessen werden, da der Hormonspiegel ständigen Schwankungen unterliegt.“

Sind Melatonin-Präparate der Schlüssel zu erholsamem Schlaf?

„Nein“, versichert Schlafexperte Dr. Weeß. „Der Melatonin-Haushalt ist nur ein kleines Rädchen im gesamten Kreislauf, der die Schlafqualität steuert.“ Etwa bringe jemandem, der aufgrund von Unruhezuständen kein Auge zutun kann, die Einnahme von Melatonin rein gar nichts.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam die Verbraucherorganisation Stiftung Warentest bei der Untersuchung von sechs Melatonin-Präparaten. Keines der getesteten Produkte habe die gewünschte Wirkung gezeigt. Stattdessen dokumentierte Stiftung Warentest Nebenwirkungen wie u.a. Bauchschmerzen.

Hat Melatonin bei manchen Menschen eine Wirkung?

Wer nur sehr geringfügig unter Schlafproblemen leidet, könnte von der Einnahme von Melatonin laut Dr. Weeß profitieren. Und es hilft auch bei Reisen: „Täglich eingenommen kann Melatonin dabei helfen, sich an die Zeitverschiebung zu gewöhnen und so einen Jetlag zu vermeiden.“ Darüber hinaus gäbe es keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass Melatonin den Schlafrhythmus (positiv) beeinflusst. Mit einem Team weiterer Somnologen hat Dr. Weeß die Wirkung des Arzneimittels eingehend untersucht und verzichtet in seiner schlaftherapeutischen Praxis weitestgehend auf seinen Einsatz.

Wie und wo bekommt man Melatonin in Deutschland?

Per Rezept über einen Facharzt. Das einzige Melatonin-Präparat auf dem deutschen Markt ist Circadin der Firma Lundbeck mit einer Dosis von 2 Milligramm pro Tablette. Circadin wurde bislang nur an älteren Probanden klinisch getestet. Im Regelfall darf es deshalb auch nur an Patienten verschrieben werden, die das 55. Lebensjahr überschritten haben.

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Warum ist Melatonin in Deutschland verschreibungspflichtig?

Weil es an Studien mangelt, die die Verträglichkeit von Melatonin hinreichend bestätigen und Nebenwirkungen ausschließen könnten. Um eine Zulassung für den rezeptfreien Verkauf zu erwirken, müsste eine lange Reihe von Tests erfolgen. Diesen Schritt haben Firmen – womöglich aus Kostengründen – bislang gescheut.

Rezeptfrei erhältlich sind in Deutschland einige Präparate mit 1 Milligramm Melatonin. Entsprechend niedrig dosierte Melatonintabletten und -sprays finden Sie als Nahrungsergänzungsmittel bspw. in Drogerien.

Wie nimmt man Melatonin ein?

Sofern nicht anders mit dem behandelnden Arzt besprochen, wird laut Circadin-Beipackzettel täglich eine Tablette eingenommen, etwa ein bis zwei Stunden vor dem Zubettgehen. Diese Dosierung könne bis zu 13 Wochen beibehalten werden. Um einen Jetlag zu behandeln, rät Dr. Weeß zur täglichen Einnahme über den Zeitraum der Reise.

US-amerikanische Hersteller und Anbieter von Melatonin-Präparaten raten oft zur Einnahme 30 bis 60 Minuten vor der gewünschten Schlafenszeit, andere Quellen empfehlen etwa 20 Minuten vor dem Zubettgehen. Auch bei der Dosis unterscheiden sich im Ausland angebotene Produkte zum Teil erheblich. So sind auch Präparate mit Einzeldosen von bis zu 5 Milligramm pro Tablette erhältlich.

Welche Nebenwirkungen sind möglich?

„Die Dosis macht das Gift“, lautet die Einschätzung des Experten. So könne Melatonin in verschreibungspflichtigen Dosierungen, wie jedes andere Arzneimittel auch, Nebenwirkungen haben, die jedoch nicht zwingend auftreten müssen. Auf Online-Portalen berichten Konsumenten von Albträumen, Migräne, Reizbarkeit und Nervosität, ebenso von Magen-Darm-Problemen und Gewichtszunahme. Zudem hält Dr. Weeß neben möglichem Überhang, also Müdigkeit am nächsten Tag, langfristig negative Auswirkungen auf Nieren- und Leberwerte für denkbar.