9. März 2026, 17:19 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Viele greifen bei stärkeren Schmerzen zu zwei frei verkäuflichen Tabletten Ibuprofen à 400 Milligramm, weil 800er-Tabletten verschreibungspflichtig sind. Rein rechnerisch scheint das logisch – doch bei Schmerzmitteln geht es nicht nur um Milligramm. Prof. Dr. med. Dominik Irnich, Leiter der Interdisziplinären Schmerzambulanz und Tagesklinik am LMU Klinikum München, erklärt gegenüber FITBOOK, warum die individuelle Dosierung entscheidend ist – und stellt grundsätzlich infrage, weshalb Ibuprofen trotz relevanter Risiken überhaupt rezeptfrei erhältlich ist.
„Im Prinzip wirken zweimal 400mg genauso wie 800mg Ibuprofen“
Laut Prof. Dr. med. Dominik Irnich entspricht die Wirkstoffmenge zwei 400er-Tabletten pharmakologisch betrachtet einer 800er-Tablette. „Ja, im Prinzip wirken zweimal 400 Milligramm genauso wie 800 Milligramm Ibuprofen“, sagt der Schmerztherapeut an der Ludwig-Maximilians-Universität München zu FITBOOK.
Individuell passende Dosierung ist entscheidend
Die reine Milligramm-Zahl sei jedoch nicht der entscheidende Faktor – sondern die individuell passende Dosierung. Irnich betont: „Da Menschen mit Schmerzen je nach Gewicht, Geschlecht und Stoffwechsellage aber unterschiedliche Dosierungen benötigen, ist es sinnvoll, dass auch Substanzen mit unterschiedlichen Dosierungen vorhanden sind“, so Irnich.
Hier gelte es, genau festzustellen, welches die optimale individuelle Dosis-Wirkungs-Beziehung ist, um eine optimale Wirkung mit möglichst wenig unerwünschten Wirkungen zu erreichen. Irnich: „Dies gilt auch für die Wirkdauer. Am besten bespricht das der Patient mit dem Arzt.“
Der Wirkstoff in Ibuprofen lindert Schmerzen wie Zahn-, Muskel- oder Kopfschmerzen, hilft bei Migräne und wirkt auch bei Erkältungen oder grippalen Infekten. Zudem besitzt Ibuprofen entzündungshemmende, fiebersenkende und schmerzlindernde Eigenschaften.
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Warum gibt es 800 Milligramm nur auf Rezept?
In Deutschland ist Ibuprofen bis 400 Milligramm rezeptfrei erhältlich. Höhere Dosierungen sind verschreibungspflichtig. Das hat Sicherheitsgründe: Ibuprofen gehört zu den nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) und kann – vor allem bei höherer oder längerer Einnahme – relevante Nebenwirkungen verursachen. Dazu zählen Magen-Darm-Beschwerden, innere Blutungen sowie Belastungen von Nieren und Leber.
Eine höhere Dosierung sollte daher nicht eigenmächtig erfolgen, sondern ärztlich begleitet werden.
Wie sollte Ibuprofen richtig eingenommen werden?
Gerade im akuten Schmerzfall macht die Einnahmestrategie einen Unterschied, erklärt Schmerzspezialist Prof. Irnich: „Im akuten Fall sollten Schmerzmittel lieber zwei bis drei Tage regelmäßig eingenommen und nicht gewartet werden, bis die Wirkung nachlässt.“
Das Ziel sei, den Schmerz gar nicht erst wieder voll hochkommen zu lassen: „Untersuchungen zeigen, dass bei regelmäßiger Einnahme am Ende weniger Tabletten benötigt werden. Der Schmerz sollte nicht jedes Mal wieder auftreten mit allen negativen Auswirkungen“, erklärt Irnich.
Gleichzeitig mahnt der erfahrene Mediziner zur Vorsicht: „Der Magen sollte bei einer Ibuprofen-Einnahme frühzeitig geschützt werden.“ Und klar ist auch: „Eine längere Einnahme muss unbedingt mit dem Arzt besprochen werden.“
Nach dem Essen ist die Einnahme meist verträglicher – darauf weist der Pharmazeut Marcus Ludwig aus Berlin hin.
Ibuprofen bei chronischen Schmerzen?
Während Ibuprofen also bei akuten Schmerzen sinnvoll sein kann, ist es laut Irnich für eine dauerhafte Schmerztherapie in vielen Fällen keine geeignete Lösung. „Bei chronischen Schmerzen empfehlen wir nicht die Ibuprofen-Einnahme. Da sind die unerwünschten Wirkungen, auch Organschäden, zu häufig und die Wirkung lässt darüber hinaus oft nach“, erläutert der Schmerztherapeut.
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Grundsätzliche Kritik an der Rezeptfreiheit
Trotz seiner weiten Verbreitung sieht Irnich Ibuprofen nicht unkritisch: „Insgesamt ist zu hinterfragen, warum Ibuprofen und andere ähnliche Schmerzmedikamente angesichts der vielen unerwünschten Wirkungen und Kontraindikationen, vorwiegend bei älteren Menschen, überhaupt rezeptfrei zu kaufen sind.“ Gerade weil der Wirkstoff frei verfügbar ist, werde er oft unterschätzt. Dabei handelt es sich keineswegs um ein harmloses Alltagspräparat, sondern um ein wirksames Medikament mit relevanten Risiken – insbesondere bei längerer oder hochdosierter Einnahme.
Fazit
Zwei 400-Milligramm-Tabletten entsprechen grundsätzlich einer 800er-Tablette – rein rechnerisch. Entscheidend ist jedoch nicht die einfache Addition von Milligramm, sondern die individuell passende Dosierung. Gewicht, Stoffwechsel, Schmerzart, Begleiterkrankungen und Einnahmedauer spielen eine Rolle.
Ibuprofen ist kein harmloses Alltagsmittel, sondern ein wirksames Medikament mit relevanten Risiken – insbesondere bei höherer oder längerer Einnahme. Wer regelmäßig oder höher dosiert Ibuprofen einnehmen möchte, sollte das nicht im Alleingang tun, sondern ärztlich abklären. Und auch bei akuten Beschwerden gilt: bewusst einsetzen statt routinemäßig zugreifen.