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Gefürchtete Rückenschmerzen

Was Sie über Bandscheibenvorfälle noch nicht wussten

Mann mit Rückenschmerzen
Rund 80 Prozent der Deutschen leiden unter Rückenschmerzen. Viele von ihnen tippen schnell auf Bandscheibenvorfall – doch haben Unrecht

„Hoffentlich kein Bandscheibenvorfall!“ So denken die meisten Patienten, wenn sie sich mit Rückenschmerzen an ihren Orthopäden wenden. In Wahrheit jedoch stehen die Beschwerden nur in seltenen Fällen mit der Angstdiagnose in Verbindung. Und die tatsächlich Betroffenen haben es im Zweifelsfall gar nicht gemerkt… FITBOOK erfuhr vom Experten überraschende Details zum Thema.

Ein stechender Schmerz im Rücken, der womöglich noch in die Arme oder Beine ausstrahlt, und die Angst ist da: Bandscheibenvorfall. Man kennt die Leidensgeschichten von Betroffenen, die sich kaum bewegen können, schief stehen und nicht selten beim Chirurgen landen. Dabei ist Operieren nur in den allerseltensten Fällen eine gute Idee, weiß der Münchener Orthopäde Dr. Martin Marianowicz. Im FITBOOK-Interview verrät er Erstaunliches über die vermeintliche Volkskrankheit.

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Was ist eigentlich ein Bandscheibenvorfall?

Eine Erkrankung der Wirbelsäule. Deren Beweglichkeit wird durch die Bandscheibe sichergestellt. Die 23 Bandscheiben bestehen aus zwei Teilen: dem Gallertkern und einem Knorpelfaserring, der Stöße abdämpft. Mit den Jahren nutzen sich die Faserverbindungen ab und bekommen mehr und mehr kleine Risse. Dieser Prozess tritt auf jeden Fall ein, jedoch können ihn verschiedene Faktoren – beispielsweise die Belastungsweise und -intensität – beschleunigen. Bei einem Bandscheibenvorfall reißt der Ring ganz, mit der Folge, dass die Gallertmasse in den Wirbelkanal eindringt.

Frau mit Rückenschmerzen

Bandscheibenvorfälle treten am häufigsten im Bereich der Lendenwirbelsäule auf, manchmal an der Halswirbelsäule. Seltener sind sie im Brustwirbelbereich
Foto: Getty Images

Kann man einem Bandscheibenvorfall vorbeugen?

Interessanterweise wird er von einem Großteil nicht bemerkt. Klingt unlogisch, liegt aber daran, dass etwaige Schmerzen oder Beschwerden durch einen Bandscheibenvorfall individuell unterschiedlich wahrgenommen werden.

Wovon hängt es ab, ob und wie sehr der Bandscheibenvorfall weh tut?

Unter anderem davon, welche Nervenwurzel betroffen ist. Wie der Orthopäde uns jedoch erklärt, ist Schmerzempfindung eine subjektive Angelegenheit und nicht zuletzt bedingt durch die seelische Verfassung. Laut Dr. Marianowicz beeinflussen Faktoren wie Angst, Ungewissheit, Stress, Erschöpfung oder Überforderung die subjektive Schmerzwahrnehmung maßgeblich. Rezeptoren an den Nerven senden die Information Schmerz ins menschliche Gehirn. Als wie unangenehm oder erträglich dieser empfunden wird, ist ein Stück weit erlernt und steht auch mit Schmerzerfahrungen aus der Vergangenheit in Verbindung.

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Marianowicz bezieht sich auf eine repräsentative Studie mit Probanden über 65, die sich als komplett schmerzfrei beschrieben. Ihr Rücken wurde daraufhin untersucht – und bei 92 Prozent von ihnen ein Bandscheibenvorfall festgestellt, den die Betroffenen selbst nicht wahrgenommen hatten. Auch umgekehrt hätten bereits Zahlen belegt, dass 60 bis 70 Prozent von chronisch Rückenkranken – also solchen, die länger als drei Monate unter Schmerzen litten – ohne Befund blieben. Nur etwa zehn Prozent der Rückenschmerzen, die in deutschen Orthopädiepraxen behandelt werden, sind tatsächlich auf einen Bandscheibenvorfall zurückzuführen.

Welche Symptome deuten auf einen Bandscheibenvorfall hin?

Schmerzen in einem Bein oder Arm, Kribbel- oder Taubheitsgefühle, wiederkehrende Rückenbeschwerden bei Belastung, Probleme dabei, den Fuß anzuheben oder das Knie durchzustrecken, und Beugungsstörungen im Ellenbogen oder Handgelenk. Auch kann es zu Verhärtungen und/oder Lähmungen einzelner Muskeln kommen. Wenn keine Nervenwurzeln beteiligt sind, bleiben die typischen Symptome oftmals aus. Ebenso gibt es Menschen, deren ausgeprägte Rückenmuskulatur den Bandscheibenvorfall abfedert.

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Wie stellt man einen Bandscheibenvorfall fest?

Der gängige Untersuchungsprozess: Man schickt Patienten zur Kernspintomographie, wo Detailaufnahmen des Wirbelsäuleninneren erzeugt werden. Diese zeigen auf, ob und wo ein Bandscheibenvorfall aufgetreten ist. „Das Generalsymptom ist aber der Schmerz“, erklärt Dr. Marianowicz.

Bei Rückenangelegenheiten sei die Diagnostik anders als in anderen medizinischen Bereichen. Viele krankhafte Veränderungen, beispielsweise Tumore, lassen sich eindeutig feststellen und sollten alleine aufgrund ihrer Existenz behandelt werden. „Rückenschmerzen sind nur zum Teil bedingt durch den im Bild erkennbaren Befund.“ Vielmehr sei der Leidensdruck des Patienten entscheidend. Der Münchener Orthopäde erarbeitet daher gemeinsam mit seinen Patienten, wie schlimm ihr Schmerz an welcher Stelle ist.

Wie wird ein Bandscheibenvorfall behandelt?

Unabhängig davon, an welcher Stelle der Wirbelsäule der Vorfall laut MRT-Bild sitzt oder ggf. besonders heftig ausfällt, entscheidet einzig das Schmerzempfinden darüber, wie intensiv er behandelt werden muss. Von Schmerzmitteln als Spritzen, Tabletten oder in Form von Infusionen hin zur Operation gibt es verschiedene sanfte und intensivere Behandlungsmöglichkeiten. Manchmal setzen Ärzte einen Katheter in den Wirbelsäulenkanal, der die Entzündung beruhigt. In manchen Fällen genügen pflanzliche Arzneien, Entspannungsübungen oder Akupunktur. In anderen besteht überhaupt kein Handlungsbedarf.

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Was passiert bei einer Bandscheiben-OP?

Das entzündete Gewebe – also die Bandscheibe, die ‚vorgefallen‘ ist – wird entfernt. Ratsam sei diese Maßnahme aber nur in vier Prozent der Fälle,  „wenn Nerven messbar geschädigt wurden“, weiß Marianowicz, übrigens selbst Wirbelchirurg. Selbst wenn sauber gearbeitet wurde, kann der Patient dauerhaft Schmerzen behalten. Eine missglückte Bandscheiben-OP kann schlimmstenfalls im Rollstuhl enden. Hinzu kommen die Risiken durch Komplikationen, beispielsweise durch die Betäubung, die mit jedem chirurgischen Eingriff einhergehen.

Frau bei der Gymtastik

Wer auf einen gesunden, fitten Körper achtet, kann die Entwicklung eines Bandscheibenvorfalls verhindern oder zumindest verzögern
Foto: Getty Images

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