4. Mai 2026, 5:55 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Hodenkrebs ist die häufigste Tumorerkrankung bei Männern zwischen 20 und 45 Jahren – und trifft damit ausgerechnet jene Lebensphase, in der viele sich gesund und unverwundbar fühlen. Welche Symptome auftreten, wie die Behandlung aussieht und wie gut die Heilungschancen sind, hat FITBOOK im Gespräch mit einem Urologen geklärt.
Was genau ist Hodenkrebs?
Die Hoden, auch Testikel genannt, liegen im Hodensack und gehören zu den männlichen Fortpflanzungsorganen. Ab der Pubertät produzieren sie Spermien sowie das Geschlechtshormon Testosteron und wachsen gleichzeitig kontinuierlich. Um das 40. Lebensjahr erreichen sie ihre maximale Größe, ab etwa 50 Jahren werden sie wieder etwas kleiner. In genau diese Phase fällt auch die Zeit, in der das Risiko für Hodenkrebs am höchsten ist.
Hodenkrebs ist ein bösartiger Tumor, der in 95 Prozent der Fälle nur einen der beiden Hoden befällt. Wie der Urologe Dr. med. Christoph Pies gegenüber FITBOOK erklärt, handelt es sich dabei meist um einen sogenannten Keimzelltumor – also einen Tumor, der aus Keimzellen, den Vorläuferzellen der späteren Spermien, entsteht. „In diesem Fall nennt man den Tumor Seminom. Alle anderen Formen heißen Nicht-Seminome“, so der Experte. Diese Unterscheidung ist für die Behandlung entscheidend. Um die Ursprungszelle zu bestimmen, wird das befallene Gewebe histologisch untersucht.
Risikofaktoren für Hodenkrebs
Das Durchschnittsalter von Hodentumorpatienten liegt bei etwa 38 Jahren. Wen es trifft, hängt auch von erblichen Faktoren ab. „Als gesicherter Risikofaktor gilt vor allem ein Leistenhoden im Kleinkindalter“, so Dr. Pies. Bei einem Leistenhoden – auch Hodenhochstand genannt – befinden sich ein oder beide Hoden außerhalb des Hodensacks, etwa im Leistenkanal oder im Bauchraum. Diese meist angeborene Fehlentwicklung wird in der Regel noch vor dem ersten Lebensjahr operativ korrigiert.
Insgesamt ist Hodenkrebs vergleichsweise selten: Laut Robert-Koch-Institut (RKI)1 macht er rund 1,4 Prozent aller Krebsneuerkrankungen aus. Allerdings steigen die Fallzahlen. „In den vergangenen fünf Jahrzehnten hat die Zahl der Hodenkrebsfälle in den westlichen Industrieländern deutlich zugenommen“, sagt Dr. Pies. Die Ursachen sind bislang nicht vollständig geklärt. Diskutiert werden unter anderem genetische Veränderungen der Stammzellen, Umweltgifte sowie hormonelle Einflüsse vor der Geburt. „Beispielsweise scheint eine Östrogenbehandlung der Mutter während der Schwangerschaft das Risiko für Hodenkrebs beim Sohn zu erhöhen.“
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So tastet man den Hodensack richtig ab
Damit man Hodenkrebs früh erkennen und erfolgreich behandeln kann, sollten Männer bereits ab der Pubertät ihren Hodensack regelmäßig selbst untersuchen – idealerweise einmal im Monat. Dr. Pies (Autor des Gesundheitsratgebers „Check-up Mann“) erklärt, worauf es dabei ankommt: „Einfach den Hoden zwischen Daumen und Zeigefinger leicht hin- und herrollen.“
Wichtig ist außerdem, die eigene Anatomie zu kennen, um Auffälligkeiten richtig einordnen zu können und nicht unnötig in Sorge zu geraten. „An der oberen Rückseite des Hodens liegt kappenartig der etwas strangförmige Nebenhoden auf, der manchmal für einen Tumor gehalten wird“, so Dr. Pies’ Hinweis. Ein tatsächlicher Tumor ist meist härter, verursacht jedoch nur selten Schmerzen. Stattdessen macht er sich häufig durch ein Ziehen oder ein Schweregefühl bemerkbar.
Auf diese Symptome sollten Sie auch achten
Weitere mögliche Warnsignale, bei denen Betroffene ärztlichen Rat einholen sollten, sind eine Vergrößerung des betroffenen Hodens – aber auch der Brust. Hintergrund: Einige Hodentumoren produzieren Hormone wie Östrogen oder das Schwangerschaftshormon hCG (humanes Choriongonadotropin), die solche Veränderungen auslösen können.
Jede auffällige Veränderung der Hoden sollte zeitnah ärztlich abgeklärt werden. Auch wenn die Beschwerden keine Schmerzen verursachen, was bei Hodenkrebs häufig der Fall ist, raten Fachgesellschaften und Experten dazu, solche Veränderungen ernst zu nehmen.
Bleiben Symptome länger bestehen oder nehmen sie zu, sollte ein Urologe aufgesucht werden. Darauf weist unter anderem die Deutsche Krebshilfe hin.2 Gleiches gilt bei ungewöhnlichen Begleiterscheinungen wie einer Schwellung der Brust. Eine verzögerte Diagnose könnte sich laut dem Deutschen Krebsforschungszentrum unter anderem nachteilig auf das Krankheitsstadium, die Tumorgröße und auch das Überleben auswirken.3
Wie wird Hodenkrebs behandelt?
Die Therapie richtet sich, wie bereits erwähnt, nach der Art der Ursprungszelle. In den meisten Fällen wird nach der Diagnose zunächst der befallene Hoden, gegebenenfalls auch nur ein Teil davon, operativ entfernt. Anschließend prüfen Ärzte mithilfe einer Computertomografie (CT) von Bauch- und Brustraum, ob sich der Krebs bereits im Körper ausgebreitet hat. Eine Bestrahlung kommt vor allem bei Seminomen infrage, während fortgeschrittene Stadien und Nicht-Seminome in der Regel zusätzlich mit einer Chemotherapie behandelt werden.
Vor dieser haben viele Patienten nach Erfahrung von Dr. Pies „berechtigterweise“ am meisten Respekt. „Die Chemotherapie muss über mehrere Wochen als Infusion verabreicht werden und ist körperlich belastend, da sie mit starker Übelkeit und Haarausfall einhergehen kann“, beschreibt er uns. „Dafür ist sie aber glücklicherweise meist von Erfolg gekrönt.“
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Heilungschancen stehen gut
Selbst bei einer aggressiveren Form von Hodenkrebs liegen die Heilungschancen bei etwa 95 Prozent und sind damit laut Dr. Pies so gut wie bei keiner anderen Krebsart. Aber auch nach überstandener Krankheit sind zeitlich eng getaktete Nachsorgetermine zur Ultraschall-, Röntgen- und Blutuntersuchung beim Arzt wichtig.
Ist Familienplanung mit nur einem Hoden möglich?
„Allein durch die Entfernung eines der beiden Hoden ist die Zeugungsfähigkeit meist nicht entscheidend eingeschränkt“, beruhigt Dr. Pies. Wer sich dennoch absichern will, kann vor der Behandlung Samen für eine spätere künstliche Befruchtung einfrieren lassen. Selbst Libido und Potenz sollen nach der Therapie in der Regel unverändert bleiben.
Auch wenn ein einzelner Hoden aus medizinischer Sicht ausreicht, wünschen sich manche Betroffene aus ästhetischen Gründen einen Ersatz. In solchen Fällen bietet die plastisch-ästhetische Chirurgie die Möglichkeit, eine Hodenprothese aus Kunststoff einzusetzen.