18. Januar 2026, 8:06 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Jeder hat schon mal an einem Pickel herumgequetscht oder sich unwissentlich die Haut aufgekratzt. Menschen mit Skin-Picking-Störung haben jedoch den Drang, ihre Haut ständig zu bearbeiten. Die Psychotherapeutin Linda Mehrmann hilft seit vielen Jahren betroffenen Patienten. Mit FITBOOK sprach sie über Ursachen, Selbsthilfe und Therapie.
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Was versteht man unter Skin Picking?
Zupfen, quetschen, ziehen, drücken, knibbeln, kratzen: „Skin-Picker“ stehen teilweise stundenlang vor dem Spiegel und bearbeiten ihre Haut brachial – etwa mit Fingernägeln, Zähnen oder auch Pinzette, Nagelschere oder Nadel. Andere widmen sich ihrer Haut ganz nebenbei beim Fernsehen oder Autofahren. Der englische Begriff „Skin Picking“ bezeichnet „an der Haut zupfen“. Wunden entzünden sich und verheilen oft über Monate nicht, weil sie wieder neu aufgerissen werden. Meist sind das Gesicht, Hals, Schultern, oberer Rücken, Brust, Kopfhaut oder Hände betroffen.
Die Psychotherapeutin Linda Mehrmann, die mehrere Publikationen zum Thema veröffentlicht und zusammen mit einem Kollegen einen „Skin Picking“-Ratgeber verfasst hat, erklärt im Gespräch mit FITBOOK: „Viele leiden unter der zwangsverwandten Erkrankung, wissen aber nicht, dass es einen Namen für sie gibt.“ Meist sind es Pickel oder Unreinheiten, an denen sie pulen oder quetschen, es kann aber auch an gesunder Haut stattfinden. „Betroffene erleben einen starken inneren Drang, dem sie nicht widerstehen können.“ Mit einer Verhaltenssucht einfach aufzuhören, ist nicht möglich.
Die Fachbezeichnung für Skin Picking lautet Dermatillomanie. Der englische Begriff setzt sich aus „skin“ (Haut), „to pick“ (kratzen/zupfen) und „disorder“ (Störung) zusammen. Die Störung ist geprägt von einem unwiderstehlichen Impuls, die Haut immer wieder zu berühren, aufzureiben oder zu verletzen – selbst dann, wenn keine sichtbaren Unreinheiten vorhanden sind. Die Haut wird häufig wiederholt verletzt, was zu Entzündungen und langfristigen Narben führen kann. Viele Betroffene handeln dabei automatisiert, etwa beim Fernsehen oder Autofahren, andere verbringen viel Zeit vor dem Spiegel.1
Skin Picking (Dermatillomanie) seit 2013 anerkannte psychiatrische Störung
Die Dermatillomanie gehört zu den Impulskontrollstörungen. Sie wurde erst im Mai 2013 im „DSM-5“ (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) als psychiatrische Störung anerkannt, der Diagnosebibel US-amerikanischer Psychiater.
Mit dem Inkrafttreten der ICD‑11 am 1. Januar 2022 ist die Skin-Picking-Störung (Dermatillomanie) offiziell als eigenständige psychiatrische Diagnose unter den Zwangsstörungen und verwandten Störungen klassifiziert. Bereits seit 2018 wird sie den sogenannten körperbezogenen repetitiven Verhaltensstörungen (Body-Focused Repetitive Behavior Disorders, BFRBs) zugeordnet – einer Gruppe von Störungen, zu der auch Trichotillomanie (Haareausreißen) und Onychophagie (Nägelkauen) gehören. Dennoch ist die Erkrankung bislang wenig erforscht, und viele Ärzte und Therapeuten sind mit dem Störungsbild nicht vertraut. Schätzungen zufolge sind etwa 1,4 bis 5 Prozent der Bevölkerung betroffen.2
Impulskontrollstörungen
Zu den Impulskontrollstörungen zählen neben Selbstschädigungen wie der Skin-Picking- oder Hair-Pulling-Störung (zwanghaftes Ausreißen der Haare) etwa auch pathologisches Glücksspiel und Kleptomanie. Nahezu alle Störungen treten bereits in der Kindheit oder Jugend auf. Frauen sind prinzipiell stärker betroffen als Männer, Glücksspiel bildet eine Ausnahme.
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Skin-Picking-Disorder: Mögliche Ursachen
Doch wie kommt es überhaupt zu dem selbstverletzenden Verhalten? „Eine klare Antwort wäre schön, doch die Erkrankung wird durch verschiedene Einflüsse ausgelöst“, sagt Linda Mehrmann. Die Gene spielen eine Rolle, und auch das Lernverhalten in der Kindheit. In einer Familie treten oft gehäuft Fälle auf. Vermutlich spielt auch der starke Druck in der Gesellschaft, optisch einem Ideal zu entsprechen, eine Rolle. „Bei uns melden sich zu 99 Prozent Frauen“, so Mehrmann. Männer sind zwar ebenfalls betroffen, sie suchen nur meist weniger aktiv nach Hilfe.
Konkrete Auslöser der Erkrankung sind oft Pickel in der Jugend. Die meisten Menschen mit Skin-Picking-Störung beginnen im Alter zwischen zehn und 15 Jahren mit dem Knibbeln. „Einen Pickel auszudrücken, kann etwas sehr Befriedigendes sein“, erläutert die Expertin. Viele Betroffene erleben die Skin-Picking-Störung als Entspannung. Sie fühlen dabei, wie Stress von ihnen abfällt. Außerdem empfinden Jugendliche sich mit Akne als unansehnlich. Das Ausmaß, in dem man Hautunreinheiten bearbeitet, kann dann immer mehr zunehmen.
Anzeichen, die für die Diagnose Dermatillomanie sprechen
Wie lässt sich nun eine schlechte Angewohnheit von der Skin-Picking-Disorder unterscheiden? Folgende Anzeichen bieten eine Orientierung:
- Das Bearbeiten der Haut ist zwanghaft und lässt sich nicht kontrollieren
- Es sind sichtbare Hautschäden wie Wunden oder Narben zu erkennen
- Das Skin Picking führt kurzfristig zu einem guten Gefühl, doch dann folgen schnell Scham-, Schuldgefühle und Verzweiflung
Linda Mehrmann betont: „Betroffene leiden stark unter ihrer Verhaltenssucht, sie haben die Kontrolle über ihre Skin-Picking-Störung verloren.“ Ihr Leben ist beeinträchtigt, weil sie etwa viel Geld in Camouflage-Make-up investieren, sich nicht mehr ins Schwimmbad trauen, vielleicht sogar Verabredungen absagen und sich zurückziehen. „Viele berichten von starken Scham- und Schuldgefühlen“, erklärt die Expertin. Das Selbstwertgefühl leidet erheblich.
Für viele ist es eine große Hürde, sich selbst einzugestehen, dass die Hautschäden selbst verursacht wurden. Doch genau dieser ehrliche Blick auf das eigene Verhalten kann der erste Schritt zur Veränderung sein – auch im Gespräch mit Fachärzten.3
Selbsthilfe – wie kann man das Skin Picking verhindern?
Betroffene wissen, dass sie ihrer Haut schaden, und würden gerne damit aufhören. Aber wie? Ein Trick, den die Expertin ihren Patienten empfiehlt, um das Skin Picking zu stoppen: „Wer es vor dem Spiegel nach dem Abschminken betreibt, sollte den Spiegel übergangsweise abhängen oder verdunkeln.“ Schminken kann man sich mit einem kleinen Handspiegel. Eine Linie im Bad zu ziehen, um nicht zu nah vor dem Spiegel zu stehen, hilft ebenfalls.
Wer beispielsweise während des Streamens von Serien nebenbei an den Fingern knibbelt, kann es mit Handschuhen versuchen. „Man sollte sich auf den Boden oder in die Mitte des Sofas setzen, um keine Armlehnen, in der Nähe zu haben – denn dann wandern die Hände schnell ins Gesicht.“ Außerdem hilfreich: Türen in der Wohnung offenstehen lassen und möglichst nicht alleine sein. „Da das Skin Picking mit großer Scham verbunden ist, macht man es nicht vor anderen.“
Zusätzlich können Betroffene im Alltag vier bewährte Strategien anwenden:
- Tracken: Wann, wo und in welcher Stimmung tritt das Verhalten auf?
- Ersetzen: Hände mit Stressbällen, Fidget Toys oder anderen Gegenständen beschäftigen.
- Blockieren: Handschuhe, Fingerlinge oder Pflaster auf den Fingerkuppen verhindern das automatische Zupfen.
- Vernetzen: Der Austausch mit anderen in Selbsthilfegruppen – online oder vor Ort – wirkt entlastend und motivierend.
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Kognitive Verhaltenstherapie zeigt sehr gute Wirksamkeit
Wenn es darum geht, Skin Picking langfristig zu bekämpfen, ist eine kognitive Verhaltenstherapie der beste Weg. Auch eine medikamentöse Therapie ist theoretisch möglich. In einer Metaanalyse, die elf Skin-Picking-Studien vergleicht, zeigt die psychologische Behandlung jedoch eine größere Wirksamkeit.4 Es geht in der Therapie darum, den negativen Kreislauf des Skin Pickings an mehreren Stellen zu durchbrechen. Patienten erlernen eine sogenannte Stimuluskontrolle, indem sie das Knibbeln durch alternative Verhaltensweisen ersetzen und Risikosituationen vermeiden.
Weitere Behandlungsmöglichkeiten
Ein Teil dieser Therapie ist das sogenannte Habit-Reversal-Training. Dabei werden automatische Bewegungsabläufe bewusst unterbrochen – zum Beispiel durch das Spreizen der Finger, das Ballen zu Fäusten oder das Sitzen auf den Händen. So lassen sich die wiederkehrenden Handlungen Schritt für Schritt verlernen.
Auch Entspannungsverfahren wie autogenes Training oder progressive Muskelrelaxation nach Jacobson gelten als wirkungsvolle Ergänzungen. Sie helfen, Spannungszustände abzubauen und damit auch den Drang zur Hautmanipulation zu verringern.
Medikamente wie SSRI-Antidepressiva kommen vereinzelt zum Einsatz. Sie zielen darauf ab, Zwangsgedanken zu reduzieren, zeigen bislang aber keine überlegene Wirkung gegenüber Placebos und gelten daher nur als unterstützender Therapieansatz.
Wenn Skin Picking unbehandelt bleibt
Doch was passiert, wenn ich diesen Schritt nicht gehe und die Skin-Picking-Störung unbehandelt bleibt? Linda Mehrmann warnt: „Das Verhalten ist chronisch und wird nicht von alleine weggehen.“ Die Betroffenen, mit denen die Psychotherapeutin gesprochen hat, leiden im Schnitt sieben Jahre unter der Erkrankung. Die Skin-Picking-Störung ist zwar nicht lebensbedrohlich wie eine Essstörung, und man kann theoretisch dauerhaft damit leben, aber sie kann Folgeerkrankungen wie Depressionen auslösen. „Mit einer Verhaltenstherapie haben wir eine sehr gute Chance, die Erkrankung zu bewältigen.“ Natürlich lassen sich Rückfälle nicht völlig ausschließen, doch dann hat man in der Therapie das Handwerkszeug erlernt, um mit ihnen umzugehen.