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Wenig erforschte Erkrankung

Skin Picking – das zwanghafte Zupfen an der Haut

Skin Picking
Menschen mit einer Skin Picking Disorder (Fachbegriff Dermatillomanie) zupfen zwanghaft an ihrer Haut – auch beispielsweise an den LippenFoto: iStock/Tetiana Mandziuk

Jeder hat schon mal einem Pickel herumgequetscht oder sich unwissentlich die Haut aufgekratzt. Skin Picker haben jedoch den Drang, ihre Haut ständig zu bearbeiten. Die Psychotherapeutin Linda Mehrmann hilft seit vielen Jahren betroffenen Patienten. Mit FITBOOK sprach sie über Ursachen, Selbsthilfe und Therapie.

Zupfen, quetschen, ziehen, drücken, knibbeln, kratzen: Skin Picker stehen teilweise stundenlang vor dem Spiegel und bearbeiten ihre Haut brachial – etwa mit Fingernägeln, Zähnen oder auch Pinzette, Nagelschere oder Nadel. Andere widmen sich ihrer Haut ganz nebenbei beim Fernsehen oder Autofahren. Der englische Begriff „Skin Picking“ meint „an der Haut zupfen“. Wunden entzünden sich und verheilen oft über Monate nicht, weil sie wieder neu aufgerissen werden. Meist sind das Gesicht, Hals, Schultern, oberer Rücken, Brust, Kopfhaut oder Hände betroffen.

Die Psychotherapeutin Linda Mehrmann, die mehrere Publikationen zum Thema veröffentlicht und zusammen mit einem Kollegen einen „Skin Picking“-Ratgeber verfasst hat, erklärt im Gespräch mit FITBOOK: „Viele leiden unter der zwangsverwandten Erkrankung, wissen aber nicht, dass es einen Namen für sie gibt“. Meist sind es Pickel oder Unreinheiten, an denen sie pulen oder quetschen, es kann aber auch an gesunder Haut stattfinden. „Betroffene erleben einen starken inneren Drang, dem sie nicht widerstehen können“. Mit einer Verhaltenssucht einfach aufzuhören, ist nicht möglich.

Skin Picking (Dermatillomanie) seit 2013 anerkannte psychiatrische Störung

Die Dermatillomanie, der Fachbegriff für die Skin Picking Disorder, gehört zu den Impulskontrollstörungen. Sie wurde erst im Mai 2013 im „DSM-5“ (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) als psychiatrische Störung anerkannt, die Diagnose-Bibel US-amerikanischer Psychiater.

Die WHO plant sie 2022 in den ICD-11 (Internationale Klassifikation von Krankheiten) aufzunehmen. Erst dann ist Skin Picking eine offizielle Diagnose. Dementsprechend gibt es noch wenig Forschung zum Thema und viele Ärzte und Therapeuten haben von Skin Picking noch nie gehört. Dabei sind Schätzungen zufolge etwa zwei bis fünf Prozent der Bevölkerung betroffen.

Impulskontrollstörungen
Zu den Impulskontrollstörungen zählen neben Selbstschädigungen wie Skin Picking oder Hair Pulling (zwanghaftes Ausreißen der Haare) etwa auch pathologisches Glücksspiel und pathologisches Klauen (Kleptomanie). Nahezu alle Störungen treten bereits in der Kindheit oder Jugend auf. Frauen sind prinzipiell stärker betroffen als Männer, das Glücksspiel ist eine Ausnahme.

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Skin Picking Disorder: Mögliche Ursachen

Doch wie kommt es überhaupt zu dem selbstverletzenden Verhalten? „Eine klare Antwort wäre schön, doch die Erkrankung wird durch verschiedene Einflüsse ausgelöst“, sagt Linda Mehrmann. Die Gene spielen eine Rolle, und auch das Lernverhalten in der Kindheit. In einer Familie treten oft gehäuft Fälle auf. Vermutlich spielt auch der starke Druck in der Gesellschaft, optisch einem Ideal zu entsprechen, eine Rolle. „Bei uns melden sich zu 99 Prozent Frauen“ so Mehrmann. Männer sind zwar ebenfalls betroffen, sie suchen nur meist weniger aktiv nach Hilfe.

Konkrete Auslöser der Erkrankung sind oft Pickel in der Jugend. Die meisten Skin Picker beginnen im Alter zwischen 10 und fünfzehn Jahren mit dem Knibbeln. „Einen Pickel auszudrücken, kann etwas sehr Befriedigendes sein“, erläutert die Expertin. Viele Betroffene erleben das Skin Picking als Entspannung. Sie fühlen dabei, wie Stress von ihnen abfällt. Außerdem empfinden Jugendliche sich mit Akne als unansehnlich. Das Ausmaß, in dem man Hautunreinheiten bearbeitet, kann dann immer mehr zunehmen.

Anzeichen, die für die Diagnose Dermatillomanie sprechen

Wie lässt sich nun eine schlechte Angewohnheit von der Skin Picking Disorder unterscheiden? Folgende Anzeichen bieten eine Orientierung:

  • das Bearbeiten der Haut ist zwanghaft und lässt sich nicht kontrollieren
  • es sind sichtbare Hautschäden wie Wunden oder Narben zu erkennen
  • das Skin Picking führt kurzfristig zu einem guten Gefühl, doch dann folgen schnell Scham-, Schuldgefühle und Verzweiflung

Linda Mehrmann betont: „Betroffene leiden stark unter ihrer Verhaltenssucht, sie haben die Kontrolle über ihr Skin Picking verloren.“ Ihr Leben ist beeinträchtigt, weil sie etwa viel Geld in Camouflage-Makeup investieren, sich nicht mehr ins Schwimmbad trauen, vielleicht sogar Verabredungen absagen und sich zurückziehen. „Viele berichten von starken Scham- und Schuldgefühlen“, erklärt die Expertin. Das Selbstwertgefühl leidet erheblich.

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Selbsthilfe – wie kann ich das Skin Picking verhindern?

Betroffene wissen, dass sie ihrer Haut schaden und würden gerne damit aufhören. Aber wie? Ein Trick, den die Expertin ihren Patienten empfiehlt, um das Skin Picking zu stoppen: „Wer es vor dem Spiegel nach dem Abschminken betreibt, sollte den Spiegel übergangsweise abhängen oder verdunkeln.“ Schminken kann man sich mit einem kleinen Handspiegel. Eine Linie im Bad zu ziehen, um nicht zu nah vor dem Spiegel zu stehen, hilft ebenfalls.

Wer beispielsweise während dem Streamen von Serien nebenbei an den Fingern knibbelt, kann es mit Handschuhen versuchen. „Man sollte sich auf den Boden oder in die Mitte des Sofas setzen, um keine Armlehnen, in der Nähe zu haben – denn dann wandern die Hände schnell ins Gesicht.“ Außerdem hilfreich: Türen in der Wohnung offen stehen lassen und möglichst nicht alleine sein. „Da das Skin Picking mit großer Scham verbunden ist, macht man es nicht vor anderen“.

Betroffene über problematische Corona-Zeit – „Die Alltagsstruktur fehlt“

Jacqueline etwa, ist von Skin Picking betroffen, und berichtet FITBOOK gegenüber, dass es gerade während der Corona-Pandemie schwieriger ist, die Haut in Ruhe zu lassen: „Die Alltagsstruktur fehlt, ich bin vermehrt alleine ungeschminkt zu Hause und Spiegel sind allgegenwärtig – das erhöht den Stresspegel.“ Bei ihr führt das zu einem erhöhten Drang zum Skin Picking.

Die 23-Jährige ist schon seit elf Jahren Skin Picker. Auf ihrem Blog schreibt sie über ihre Erfahrungen. Für Betroffene unter den FITBOOK-Lesern hat sie einen wichtigen Rat: „Versucht euch, allgemein und insbesondere nach einer Episode zu verzeihen, denn ihr könnt nichts dafür – egal, wie sehr es sich danach anfühlt. Jeder Tag ist eine neue Chance!“

Kognitive Verhaltenstherapie zeigt sehr gute Wirksamkeit

Wenn es darum geht, Skin Picking langfristig zu bekämpfen, ist eine kognitive Verhaltenstherapie der beste Weg. Auch eine medikamentöse Therapie ist theoretisch möglich. In einer Metaanalyse, die elf Skin-Picking-Studien vergleicht, zeigt die psychologische Behandlung jedoch eine größere Wirksamkeit. Es geht in der Therapie darum, den negativen Kreislauf des Skin Pickings an mehreren Stellen zu durchbrechen. Patienten erlernen eine sogenannte Stimuluskontrolle, indem sie das Knibbeln durch alternative Verhaltensweise ersetzen und Risikosituationen vermeiden.

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Doch was passiert, wenn ich diesen Schritt nicht gehe und das Skin Picking unbehandelt bleibt? Linda Mehrmann warnt: „Das Verhalten ist chronisch und wird nicht von alleine weggehen.“ Die Betroffenen, mit denen die Psychotherapeutin gesprochen hat, leiden im Schnitt sieben Jahre unter der Erkrankung. Skin picking ist zwar nicht lebensbedrohlich wie eine Essstörung und wir können theoretisch für immer damit leben, aber es kann Folgeerkrankungen wie Depressionen auslösen. „Mit einer Verhaltenstherapie haben wir eine sehr gute Chance die Erkrankung zu bewältigen“. Natürlich lassen sich Rückfälle nicht völlig ausschließen, doch dann hat man in der Therapie das Handwerkszeug erlernt, um mit ihnen umzugehen.

Wichtige Adressen für Angehörige oder Betroffene von Skin Picking

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