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Analyse aus Brasilien

Offenbar keine Herdenimmunität in Manaus trotz 76 Prozent Corona-Durchseuchung

Corona Herdenimmunität Manaus
Mitglieder des indigenen Kokama-Stammes trauern um einen an COVID-19 gestorbenen Angehörigen. Die brasilianische Amazonas-Dschungel-Stadt gilt als besonders stark von Corona betroffen Foto: Getty Images

Trotz theoretischer Herdenimmunität sterben im brasilianischen Manaus weiterhin Menschen an COVID-19. Eine neue Analyse wirft die Frage auf, ob diese Art von Schutz vor Corona überhaupt funktionieren kann.

Im Herbst diesen Jahres meldeten zahlreiche Nachrichtenportale: Manaus hat in Bezug auf Corona als erste Region weltweit Herdenimmunität erreicht. Dafür hat die 2-Millionen-Metropole mitten im brasilianischem Dschungel mit über 2500 Toten einen extrem hohen Preis bezahlt. Die damit verbundenen erschreckenden Bilder von Massengräbern habe viele noch vor Augen.

Innerhalb weniger Monate infizierten sich nach offiziellen Angaben 76 Prozent der Bevölkerung, wobei die Dunkelziffer vermutlich etwas höher liegt. Rein rechnerisch dürfte damit Herdenimmunität in Manaus herrschen, dementsprechend blieb die zweite Corona-Welle aus. Eine neue im Fachportal „Science“ veröffentliche Antikörpertest-Analyse zeigt jedoch: Die Menschen in Manaus dürfen sich keineswegs in Sicherheit wiegen.

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Herdenimmunität geht laut Corona-Antikörpertest offenbar zurück

Um herauszufinden, wie es wirklich um die Herdenimmunität in der Bevölkerung bestellt ist, untersuchte ein Team des Tropeninstituts der Universität in São Paulo in regelmäßigen Abständen Blutspenden nach Antikörpern. Im Mai lag die Seroprävalenz-Rate (Anteil der Menschen mit Antikörpern im Blut) bereits bei 45,5 Prozent und im Juni bei 52,5 Prozent. Nach dem Höhepunkt der Pandemie wurde für Oktober mit 25,8 Prozent ein überraschend schneller Rückgang der Rate ermittelt. Gleichzeitig errechneten die Wissenschaftler für Juni eine Befallsrate (Menschen, die sich mit SARS-Cov-2 infizierten) von 66 Prozent und bis Oktober einen Anstieg auf 76 Prozent.

Zum einen bedeuteten diese Ergebnisse, dass die Antikörper (und damit der Schutz vor einer neuen Infektion mit dem Coronavirus) schnell wieder abnehmen. Zum anderen dürfte die erwartete Herdenimmunität doch nicht erreicht worden sein, obwohl dies bei einer Befallsrate von 76 Prozent zu erwarten wäre. Auch kommt es in Manaus bis heute zu Todesfällen in Zusammenhang mit SARS-CoV-2.

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Weiterer Forschungsbedarf dringend nötig

Für endgültige Schlüsse sei es dennoch zu früh, betont das Forscherteam. Ebenso ist unklar, ob und wie viele Menschen sich zweimal infiziert haben. Auch sticht die Metropole Manaus bezüglich ihrer sehr jungen Bevölkerung heraus. Nur sechs Prozent der dort lebenden Menschen sind über 60 Jahre alt und damit altersbedingt Teil der Risikogruppe. So lautet das vorläufige Fazit der Wissenschaftler: „Die Überwachung neuer Fälle ist jetzt von entscheidender Bedeutung. Nur so können wir verstehen, inwieweit die Immunität der Bevölkerung eine künftige Übertragung verhindern kann. Und ob trotz möglicher Herdenimmunität im Zusammenhang mit Corona Impfungen beziehungsweise Auffrischungsimpfungen nötig sein werden.“

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