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Aktuelle Studien

Ab wann sind Corona-Infizierte ansteckend?

Ein Mann mit Schutzmaske bei der Corona-Abkläungsstelle der Berliner Charité
Neue Studien legen nahe, dass man bereits vor den ersten Symptomen das Coronavirus übertragen kannFoto: Getty Images

Corona-Infizierte können andere Menschen bereits anstecken, wenn sich bei ihnen noch keine Symptome gezeigt haben – das haben die meisten von uns so oder so ähnlich schon gehört. Nur ab wann genau? Die Forschung läuft, um diesen kritischen Zeitpunkt, den Startpunkt der Infektiosität sozusagen, noch genauer zu definieren. Und der scheint noch früher zu sein, als man vielleicht meinen würde.

Je mehr Daten von Patientenfällen der Forschung zur Verfügung stehen, desto besser lernt sie es, den Erreger SARS-CoV-2 und die Covid-19-Erkrankung zu verstehen. Im Fokus steht dabei u.a. die Frage, wie sehr und ab wann Corona-Infizierte ansteckend sind, sprich eine Gefahr für andere Menschen darstellen.

Studie zu Virusvermehrung im Moment der Infektion

Charité-Chef-Virologe Prof. Dr. Christian Drosten weiß um die neuesten Erkenntnisse aus der Forschung; manche davon wurden unter seiner Leitung gewonnen. In einer Ausgabe des „Corona Update“-Podcasts beim NDR Ende März berichtet er von einer aktuellen Studie aus Hongkong. 96 Fälle seien analysiert und dabei die gleichen Beobachtungen gemacht worden wie durch seines eigenes Team im Rahmen einer kleineren Untersuchung vor einigen Wochen: dass das Virus sich unmittelbar nach der Infektion vervielfacht.

Das Coronavirus SARS-CoV-2 sei „in den allerfrühesten Abstrichen schon so hoch nachweisbar“, berichtet Drosten, dass es bereits in den ersten beiden Tagen danach in Abstrichen „auf dem absteigenden Ast ist. Das heißt, der Gipfel des Virus muss schon vor dem ersten Tag liegen.“ Mit jedem folgenden Abstrich würde das Viren-Vorkommen weniger.

Nur – was bedeutet das für Infektiosität?

Im selben Kontext habe die Forscher-Gruppe untersucht, ab welchem Zeitpunkt Corona-Infizierte ansteckend sind. Gemeinsam mit Wissenschaftlern aus Guangdong betrachteten sie Fälle von Personenpaaren, von denen ein Teil den anderen angesteckt hat.

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Quasi sofort sind Corona-Infizierte ansteckend

Prof. Drosten hat diese neuen Zahlen mit denen aus einer vorangegangenen, „sehr gut gemachten Studie“ der selben Uni verglichen. Dabei war es um die Inkubationszeit gegangen, also die Dauer zwischen Infektion und erstem Auftreten von Symptomen bzw. Ausbruch der Krankheit. Es wurde eine mittlere Inkubationszeit von 5,2 Tagen definiert.

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„Das ist natürlich interessant“, sagt der Fachmann im NDR-Podcast, „denn wir haben hier ein Phänomen, wo praktisch das Serienintervall, die Serienlänge, fast genau so lang ist wie die Inkubationszeit.“

Folglich warte ein Patient im Schnitt nach Infektion genauso lang auf Symptome wie die Person, die er angesteckt hat. Er könnte seine eigene Infektion also ganz unmittelbar danach weitergegeben haben.

So ist es bei fast der Hälfte der Infizierten

Wie Drosten erklärt, lässt sich anhand der Wahrscheinlichkeitsverteilung der vorliegenden Daten ein Häufigkeitsgipfel bei der Infektiosität ausrechnen. „Und die sogenannte Area under the curve, also der Bereich, der von dieser Wahrscheinlichkeitskurve abgedeckt wird, vor dem Symptombeginn, ist 44 Prozent. Das heißt, man kann davon ausgehen, 44 Prozent aller Infektionsereignisse haben stattgefunden, bevor der Infizierende überhaupt krank war.“

Vor diesem Hintergrund machen die aktuellen Abstandregeln (= man soll zu Personen, die nicht demselben Hausstand angehören, mindestens 1,5 Meter Abstand halten) natürlich umso mehr Sinn. Von offensichtlich Kranken würden sich die meisten automatisch fernhalten. Offenbar sind/waren sie aber auch schon weit vorher infektiös – bzw. sogar weitaus infektiöser.

Wann ist man besonders ansteckend und wie lange?

„Der Gipfel der Infektionstätigkeit, also der infektiöseste Tag im Krankheitsverlauf, ist der Tag vor Symptombeginn im Mittel aller Patienten. Das ist eine Sache, die man sich aufschreiben kann“, macht Prof. Drosten am 20. April im NDR-Podcast klar, als er erneut auf die Studie aus Hongkong (mittlerweile in „Nature Medicine“ erschienen) zu sprechen kommt. „Schon am Tag vor Symptombeginn sind die Patienten am meisten infektiös. Dann ist es auch so, dass die allermeiste Infektionstätigkeit nach vier Tagen von Symptomen schon vorbei ist. Wenn jemand vier Tage Symptome hatte, ist er fast nicht mehr infektiös. Und nach einer Woche Symptomatik ist er nicht mehr infektiös.“

Alle aktuellen Erkenntnisse unter Vorbehalt

Der Virologie-Professor gibt mehrfach zu verstehen, dass es sich um eine respektable Forscher-Gruppe handelt. Dennoch kämen wissenschaftliche Erkenntnisse aktuell besonders schnell an die Öffentlichkeit bzw. in die Fachpresse (zumindest online auf einen sogenannten Preprint-Server). Normalerweise müssten diesem Schritt Begutachtungsprozesse vorausgehen, die Wochen bis Monate in Anspruch nehmen können, doch dafür fehlen im Moment Zeit und vermutlich auch Kapazitäten.

Im Moment gehe es also „manchmal von einem Wissenschaftler zur Zeitschrift“, ohne Umwege. Es sei daher nicht ungewöhnlich, dass nach einer Weile – wenn aktualisierte Erkenntnisse gewonnen wurden – entsprechende Anpassungen nötig sind. Es könnte also auch sein, dass der Zeitpunkt, ab wann Corona-Infizierte ansteckend sind, noch einmal konkretisiert wird.