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Laut US-Forschern

Bestimmte Medikamente könnten Alzheimer begünstigen

Laut US-Studie könnten Medikamente mit Anticholinergikum das Alzheimer-Risiko erhöhen
Laut US-Studie könnten Medikamente mit Anticholinergikum das Alzheimer-Risiko erhöhenFoto: Getty Images

Laut einer aktuellen US-Studie könnten Medikamente mit dem gängigen Wirkstoff Anticholinergikum Gedächtnisprobleme auslösen – und damit Alzheimer Vorschub leisten. FITBOOK erklärt, wer möglicherweise besonders stark betroffen ist.

Forscher der UCSD (University of California, San Diego) haben herausgefunden, dass eine bestimmte Medikamentengruppe Alzheimer begünstigen könnte. Diese Medikamente mit dem Wirkstoff Anticholinergika haben bei den Studienteilnehmern (leichte) kognitive Beeinträchtigungen ausgelöst, die ihrerseits zu Demenz führen können.

Besonders betroffen waren solche Personen, die genetisch bedingt eh schon als Alzheimer-Risikopatienten galten und/oder zu Studienbeginn bereits Alzheimer-Biomarker in ihrem Nervenwasser (Liquor) hatten. 

Was sind Anticholinergika?

Anticholinergika blockieren die Wirkung von Acetylcholin. Acetylcholin ist ein Botenstoff, der an der Steuerung verschiedener automatischer Körperfunktionen beteiligt ist. Vor allem für Gedächtnis und Aufmerksamkeit ist er von zentraler Bedeutung. Medikamente auf Anticholinergika-Basis werden bei sehr unterschiedlichen Erkrankungen eingesetzt, allen voran bei Harninkontinenz bzw. Reizblase, bei der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) sowie bei saisonalen Allergien und auch Depressionen. Es handelt sich folglich um einen durchaus verbreiteten Wirkstoff. 

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Das haben die Forscher untersucht

An der Studie nahmen insgesamt 688 Personen (Durchschnittsalter: 74 Jahre) teil, die ebenfalls bei der Alzheimer Disease Neuroimaging Initiative mitgemacht haben. Keiner von ihnen litt zu Studienbeginn unter Gedächtnisproblemen.

Im Rahmen der Studie führten die Forscher jedes Jahr kognitive Tests an den Probanden durch. Und das bis zu 10 Jahre nach Studienbeginn.

Das haben die Forscher herausgefunden

  • Unter denjenigen, die mindestens ein Anticholinergikum einnahmen, bestand ein um 47 Prozent erhöhtes Risiko für leichte kognitive Beeinträchtigungen im Vergleich zu Probanden, die keine Anticholinergika einnahmen.
  • Probanden, die Anticholinergika einnahmen und genetisch bedingt als Alzheimer-Risikopatienten galten, entwickelten mehr als 2,5 Mal häufiger leichte kognitive Beeinträchtigungen im Vergleich zu Probanden, die keine Anticholinergika einnahmen und genetisch nicht als gefährdet galten.
  • Teilnehmer, denen zu Beginn der Studie Alzheimer-Biomarker in ihrem Nervenwasser nachgewiesen werden konnte und die zudem Anticholinergika einnahmen, zeigten fast 5 Mal häufiger Anzeichen für leichte kognitive Beeinträchtigungen.

So erklären die Forscher ihre Ergebnisse

„Wir glauben, dass diese Wechselwirkung zwischen Anticholinergika und Alzheimer-Risikobiomarkern gleich doppelt wirkt“, wird die Studienleiterin Alexandra Weigand von dem Online-Magazin „Medical News Today“ zitiert. Wörtlich spricht sie dabei von einem „Doppelschlag“ auf die Denkleistung des Menschen.

In erster (Angriffs-)linie weisen Alzheimer-Biomarker darauf hin, dass die Degeneration in einer kleinen Region des Gehirns bereits begonnen hat – dem basalen Vorderhirn, wo auch das schon erwähnte Acetylcholin produziert wird.

„Der zweite Treffer entsteht dadurch, dass die Anticholinergika den Acetylcholinspeicher des Gehirns aufbrauchen“, erklärt die Expertin weiter. Dieser kombinierte Effekt wirke sich vor allem auf Denkleistung und Gedächtnis einer Person aus – und zwar negativ. Mehr zu der US-Studie lässt sich übrigens in der Fachzeitschrift „Neurology“ nachlesen.

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Das empfehlen die Forscher

Die Ergebnisse legen einen bewussteren Umgang mit Anticholinergika bei älteren Patienten nahe, der sich positiv auf die Alzheimer-Prävention auswirken könnte. Weigand spricht dabei von einem kritischen Zeitfenster, in dem eine Reduzierung der Anticholinergika-Dosierungen „möglicherweise den kognitiven Rückgang verzögern kann“. Gerade für ältere Erwachsene, die Anticholinergika einnehmen, lasse sich so die Handlungsempfehlung ableiten, regelmäßig ihren Arzt zu konsultieren und den Einsatz und die Dosierung von Medikamenten zu besprechen.

Im Klartext heißt das: Wer Anticholinergika einnimmt und eh schon genetisch bedingt ein höheres Alzheimer-Risiko hat und/oder schon Alzheimer-Biomarker aufweist, ist wohl gut beraten, mit einem Arzt zu sprechen. Vielleicht gibt es ja für ihn oder sie auch alternative Wirkstoffe zu Anticholinergika, die Linderung versprechen.

Studie hat auch Schwächen

Die Forscher weisen selbst auf Schwächen ihrer Studie hin. Unter anderem waren ihre Probanden in puncto Bildung, ethnischer Zugehörigkeit und Rasse zu „homogen“ und überdurchschnittlich gesund. Auch nahmen „nur“ ein Drittel der Probanden Anticholinergika ein. Andere Studien deuten allerdings darauf hin, dass bis zu 70 Prozent der Menschen dieser Altersklasse Medikamente mit dem Wirkstoff einnehmen. Aus diesem Grund sei denkbar, dass sich die Ergebnisse möglicherweise nicht auf die breite Bevölkerung übertragen lassen. Dazu kommt noch die relativ geringe Anzahl an Studienteilnehmern.

Trotz der beschriebenen Schwächen decken sich die Ergebnisse mit denen früherer Studien. So konnte eine Langzeitstudie aus dem Jahr 2015 mit 3434 Probanden, erschienen im renommierten „Journal of the American Medical Association“ (JAMA), eine signifikante Korrelation zwischen Anticholinergika und Alzheimer bzw. Demenz nachweisen.

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