21. Oktober 2025, 16:26 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Wie viele Zähne man im Alter verliert, könnte mehr über die eigene Gesundheit verraten als bisher gedacht. Eine neue Studie aus China zeigt Erstaunliches: Wer im höheren Lebensalter schneller Zähne verliert, hat ein deutlich erhöhtes Sterberisiko – und zwar unabhängig davon, wie viele Zähne man ursprünglich hatte. Damit rückt ein oft unterschätzter Gesundheitsfaktor in den Fokus: der Zahnverlust. Die Ergebnisse könnten wichtige Konsequenzen für Vorsorge, Pflege und die öffentliche Gesundheitsstrategie haben.
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Ist Zahnverlust mehr als ein unvermeidbares Übel des Alterns?
Zahnverlust wird oft als normale Alterserscheinung hingenommen. Dabei kann er weitreichende Folgen haben: Er erschwert nicht nur das Kauen, sondern hängt auch mit schlechter Ernährung, Entzündungen im Körper, sozialem Rückzug und einer höheren Sterblichkeit zusammen. Viele frühere Studien haben dabei nur einen einzigen Zeitpunkt betrachtet – nämlich, wie viele Zähne eine Person zu Beginn der jeweiligen Untersuchung hatte.1
Die neue Untersuchung ging einen Schritt weiter: Sie analysierte, wie sich der Zahnverlust im Laufe der Zeit entwickelt – also wie viele Zähne pro Jahr verloren gingen – und ob dies mit dem Sterberisiko älterer Menschen zusammenhängt. Entscheidend war: Der Zusammenhang wurde unabhängig davon untersucht, wie viele Zähne die Menschen zu Beginn hatten.
Die Daten stammen aus der Chinese Longitudinal Healthy Longevity Survey (CLHLS) – einer der größten Langzeitstudien über ältere Menschen weltweit. Angesichts der alternden Weltbevölkerung und der Tatsache, dass Zahnverlust durch veränderbare Faktoren wie Rauchen, Zahnpflege oder zahnärztliche Betreuung beeinflusst wird, sind die Erkenntnisse auch für die Prävention und Gesundheitspolitik von großer Bedeutung.
Studiendesign: Wie wurde vorgegangen?
Die Forscher nutzten Daten von 8073 älteren Personen ab 65 Jahren (Durchschnittsalter: 83 Jahre; 47 Prozent Männer). Bei den Teilnehmern wurde die Anzahl natürlicher Zähne bei zwei aufeinanderfolgenden Befragungen erfasst – je nachdem, wann sie an der Studie teilnahmen. Bei einigen war das zum Beispiel 1998 und 2000, bei anderen 2014 und 2018. Wichtig: Nur echte Zähne zählten und Zahnersatz wurde nicht mitgerechnet.2
Aus dem Unterschied zwischen den beiden Messungen berechneten die Forscher den durchschnittlichen jährlichen Zahnverlust. Je nach Ergebnis wurden die Teilnehmenden in vier Gruppen eingeteilt:
- Stabil: kein Zahnverlust pro Jahr
- Langsamer Verlust: mehr als 0, aber weniger als 2 Zähne pro Jahr
- Moderater Verlust: 2 bis weniger als 4 Zähne pro Jahr
- Schneller Verlust: 4 oder mehr Zähne pro Jahr
Im Anschluss wurde über einen Zeitraum von 3,5 Jahren dokumentiert, wie viele Personen in den jeweiligen Gruppen verstarben. Dabei wurden viele weitere Einflussfaktoren berücksichtigt, zum Beispiel Alter, Geschlecht, gesundheitlicher Zustand, Lebensstil und die ursprüngliche Zahnanzahl. Die statistischen Berechnungen erfolgten mithilfe sogenannter Cox-Regressionen. Darunter versteht man ein Verfahren, das Zusammenhänge zwischen Risikofaktoren und Sterblichkeit ermittelt.
Zudem wurden sogenannte Spline-Analysen durchgeführt. Das ist ein statistisches Verfahren, mit dem man grafisch und rechnerisch sehr genau untersuchen kann, ob es eine lineare (gleichmäßige) Beziehung zwischen Zahnverlust und Sterblichkeit gibt.
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Schneller Zahnverlust ist mit stark erhöhter Sterblichkeit verbunden
Im Beobachtungszeitraum von 3,5 Jahren starben 5.176 der 8.073 Teilnehmenden – das entspricht etwa 64 Prozent. Die zentrale Erkenntnis: Je schneller der Zahnverlust, desto höher das Sterberisiko. Und das selbst dann, wenn alle anderen Gesundheitsfaktoren mit eingerechnet wurden.
Konkret zeigte sich:
- Menschen, die langsam Zähne verloren (also weniger als zwei Zähne pro Jahr), hatten ein etwa elf Prozent höheres Risiko zu sterben als jene, die gar keine Zähne verloren.
- Bei einem mittleren Zahnverlust (zwei bis vier Zähne pro Jahr) war das Risiko etwa 20 Prozent höher.
- Wer vier oder mehr Zähne pro Jahr verlor, hatte ein rund 1/3 höheres Sterberisiko im Vergleich zu Personen ohne Zahnverlust.
Zusätzlich zeigte eine grafische Analyse: Mit jedem weiteren Zahn, der pro Jahr verloren ging, stieg das Risiko zu sterben um etwa 4 Prozent.
Und auch unabhängig vom Verlauf zeigte sich: Menschen, die mehr eigene Zähne hatten – sowohl zu Beginn als auch beim zweiten Messzeitpunkt – lebten im Durchschnitt länger.
Diese Zusammenhänge galten für alle untersuchten Gruppen, also unabhängig von Geschlecht, Alter, Lebensstil oder bestehenden Erkrankungen.
Wie sich die Zahngesundheit auf das Demenzrisiko auswirkt
Überraschender Einfluss der Anzahl der Zähne auf das Körpergewicht
Was bedeuten die Ergebnisse?
Die Studie weist klar darauf hin: Nicht nur der aktuelle Zahnstatus, sondern vor allem die Geschwindigkeit des Zahnverlusts über die Zeit ist ein starker Hinweis auf das Sterberisiko im Alter. Das zeigt, wie wichtig regelmäßige zahnärztliche Kontrollen und eine gute Zahnhygiene auch im hohen Alter sind.
Die Gründe für den Zusammenhang sind vielfältig:
- Schlechte Mundgesundheit kann zu Entzündungen im Körper führen, die wiederum das Herz-Kreislauf-System belasten.
- Fehlende Zähne erschweren das Kauen, was die Nahrungsaufnahme und damit die Ernährung beeinträchtigen kann.
- Zahnverlust kann auch soziale Isolation oder psychische Belastung verursachen – etwa durch Scham oder Rückzug.
- Zudem gibt es Verbindungen zu anderen Gesundheitsproblemen, etwa zu Gebrechlichkeit, Übergewicht oder kognitivem Abbau – alles bekannte Risikofaktoren für eine höhere Sterblichkeit.
Wie ist die Studie einzuordnen – und wo liegen ihre Grenzen?
Die Untersuchung ist die erste groß angelegte Studie, die den Zusammenhang zwischen der Zahnverlust-Geschwindigkeit und der Sterblichkeit älterer Menschen über mehrere Jahre hinweg untersucht. Die Methodik ist robust, die Teilnehmerzahl hoch, und die Ergebnisse wurden gründlich abgesichert.
Trotzdem gibt es einige Einschränkungen:
- Übertragbarkeit: Die Daten stammen ausschließlich aus China. Ob sich die Ergebnisse auf andere Länder oder Bevölkerungsgruppen übertragen lassen, ist offen.
- Zählung der Zähne durch Selbstauskunft: Die Anzahl der Zähne wurde von den Teilnehmenden selbst angegeben. Das kann zu kleinen Ungenauigkeiten führen – auch wenn frühere Studien gezeigt haben, dass solche Angaben meist recht zuverlässig sind.
- Keine Daten zur Zahnfleischgesundheit (Parodontalstatus) oder zur Qualität von Zahnersatz. Diese Faktoren könnten ebenfalls Einfluss haben.
- Über 4.000 Personen mit einem „Zahnzuwachs“ zwischen den beiden Zeitpunkten wurden ausgeschlossen. Das könnte zu einer gewissen Verzerrung führen – wurde aber in weiteren Analysen berücksichtigt.
- Begrenzte Aussage zur Ursache-Wirkung-Beziehung: Die Studie zeigt einen klaren Zusammenhang, aber keinen Beweis, dass Zahnverlust direkt die Sterblichkeit beeinflusst. Es ist gut möglich, dass Zahnverlust eher ein Indikator für eine allgemein schlechtere Gesundheit ist – etwa durch chronische Krankheiten, schlechte Ernährung oder geringe medizinische Versorgung.
Zahnverlust ist also sehr wahrscheinlich ein Warnsignal – ob er auch eine direkte Ursache ist, bleibt offen.