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Große Studie zur Lebenserwartung

Wir leben länger, sind aber weniger gesund

traurig mann
Laut einer Lancet-Studie leben Menschen deutlich länger als früher. Allerdings heißt das nicht, dass sie auch gesünder sind. Foto: Getty Images/Nasos Zovoilis
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Friederike Ostermeyer
Freie Autorin

27. Juli 2026, 13:07 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Länger leben bedeutet nicht automatisch, länger gesund zu sein. Tatsächlich kommt eine neue Studie zu dem Ergebnis, dass mehr Lebenszeit auch mehr „Krankenzeit“ bedeutet. Das gilt insbesondere für wohlhabende Länder wie Deutschland. FITBOOK erklärt die Hintergründe.

Eine der größten Errungenschaften der modernen Medizin ist, dass wir im Durchschnitt wesentlich länger leben als noch vor 100 Jahren. Mittlerweile erfreut sich ein Großteil der Menschheit an der gestiegenen Lebenserwartung. Oder etwa nicht? Die Frage, ob ein längeres Leben auch eine längere gesunde Lebensphase bedeutet, galt nämlich als nicht abschließend geklärt. Ein internationales Forscherteam hat sich mit der „Global Burden of Disease Study 2023“ (GBD 2023) dieser Frage angenommen. Ihre Erkenntnisse wurden aktuell in der Fachzeitschrift „The Lancet Public Health“ veröffentlicht.1

Die Sache mit der Morbiditätslücke

Im Mittelpunkt der Untersuchung stand die sogenannte Morbiditätslücke. Wenn ein Mensch 80 Jahre alt wird, davon 70 Jahre gesund und munter und die restlichen Jahre krank, beträgt die Morbiditätslücke zehn Jahre. Damit sind Jahre gemeint, in denen Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen leben. Beispiele hierfür sind Rückenschmerzen, Depressionen, Hörverlust, Diabetes, chronische Erkrankungen oder Gebrechlichkeit. Vor allem Rückenschmerzen und altersbedingter Hörverlust sind weltweit die größten Treiber der ungesunden Jahre.

Wie hat sich diese Lücke seit 1990 verändert? Welche Krankheiten und Verletzungen tragen am stärksten zu diesen „ungesunden Jahren“ bei? Gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern bzw. Ländern? Und leben wir alles in allem tatsächlich länger gesund als unsere Uroma?

So wurde untersucht

Bei der Studie handelt es sich um eine globale, populationsbasierte Analyse. Dafür werteten die Forscher Gesundheitsdaten aus 204 Ländern und Regionen zwischen 1990 und 2023 aus. Diese fanden sich beispielsweise in Sterberegistern, Gesundheitsbefragungen, Krankenakten und anderen Bevölkerungsstatistiken. Daraus wurden die weltweite Lebenserwartung, die gesunde Lebenserwartung, die absolute Morbiditätslücke und die Lebenszeit in einem gesundheitlich beeinträchtigten Zustand ermittelt. Abschließend zerlegten die Forscher die Daten in einzelne Regionen und Länder, den sozioökonomischen Entwicklungsstand, und betrachteten Männer und Frauen getrennt. Auch Risikofaktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum, Übergewicht oder Luftverschmutzung wurden berücksichtigt.

Lebenserwartung seit 1990 um fast zehn Jahre gestiegen

Die gute Nachricht zuerst: Dank starker Rückgänge bei Infektionskrankheiten, Mütter- und Kindersterblichkeit sowie Fortschritten bei der Prävention und Behandlung chronischer Erkrankungen stieg die globale Lebenserwartung bei Geburt seit 1990 weltweit von 64,6 auf 73,8 Jahre. Beim genaueren Hinsehen zeigte sich jedoch, dass die gesunde Lebenserwartung im selben Zeitraum nur von 55,9 auf 63,1 Jahre gestiegen ist. Im Durchschnitt ist der Mensch 10,7 Jahre seines Lebens krank, das sind rund zwei Jahre mehr als 1990. Konkret verbringt er 14,5 Prozent seines Lebens in einem gesundheitlich schlechten Zustand. Anders ausgedrückt: Wer länger lebt, ist länger krank. Auch in Deutschland vergrößerte sich die Morbiditätslücke demnach von 10,1 Jahren im Jahr 1990 auf 11,9 Jahre im Jahr 2023.

Krank nur zum Lebensende?

Eine wichtige Erkenntnis der Studie betrifft die Frage, wann diese gesundheitlichen Einschränkungen auftreten. Tatsächlich beginnen viele Beschwerden bereits im „besten“ Erwachsenenalter. Vor allem chronische, nicht unmittelbar tödliche sowie psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen tragen in vielen wohlhabenden Ländern erheblich zu den gesundheitlich beeinträchtigten Lebensjahren bei.

Frauen leben länger, aber mit mehr gesundheitlichen Einschränkungen

Die Studie zeigt außerdem das sogenannte „Gender Health Paradox“. Frauen leben im Durchschnitt länger als Männer, verbringen aber auch mehr Jahre mit gesundheitlichen Einschränkungen. Sie verbringen aber statt zehn nun 12,1 Jahre mit gesundheitlichen Problemen. Das ist ein Anstieg von 21,3 Prozent. Männer von heute hingegen müssen „nur“ 9,3 kranke Lebensjahre ertragen.

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Mit Krankheiten zu leben, ist zur Normalität geworden.

Die Vorstellung, dass ein längeres Leben automatisch mehr gesunde Jahre beschert, wird durch die Studie gehörig ins Wanken gebracht. Laut den beteiligten Forschern können dank moderner Medizin einst tödliche Verletzungen oder Krankheiten wie Krebs zwar behandelt werden, doch geht das Leben danach oft mit dauerhaften Einschränkungen weiter. Dasselbe gilt für chronische Krankheiten. Mit ihnen zu leben, ist längst zur Normalität geworden.

Auch interessant: Diese Faktoren entscheiden über gesundes Altern

Was die Studie zeigen kann und was nicht

Die Forscher haben nicht dieselben Menschen von 1990 bis 2023 begleitet. Einzelschicksale spielten bei der Bewertung daher keine Rolle. Die Ergebnisse beruhen einzig auf populationsbezogenen Daten und statistischen Modellen. Und diese unterscheiden sich in Qualität und Menge wiederum von Land zu Land teilweise stark.

Allerdings sendet die Untersuchung ein wichtiges Signal an die Gesundheitspolitik. Ihr Erfolg sollte nicht allein daran gemessen werden, wie viele Menschen überleben, sondern daran, wie viele gesunde Lebensjahre jeder zusätzlich genießen darf. Länger leben, aber dafür länger leiden, ist kein Zugewinn. Besonders besorgniserregend: Die größten Treiber für diese Entwicklung sind Faktoren, die wir theoretisch beeinflussen könnten – allen voran hoher Blutzucker, ein hoher Body-Mass-Index (Übergewicht) und Tabakkonsum. Entscheidend für ein gesundes Altern sind daher die Bekämpfung der wichtigsten Risikofaktoren sowie Investitionen in die Prävention.

Quellen

  1. Hay, S., Nam, P., Saqib, H. et al. (2026) Global, regional, and national trends in the morbidity gap and contributing diseases, injuries, and risk factors, 1990–2023: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2023, The Lancet Public Health ↩︎

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