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Urologe Dr. Christian Leiber-Caspers: »Das Geld für Hormon-Speicheltests kann man sich sparen

Männergesundheit

Urologe erklärt: »Das Geld für Testosteron-Speicheltests kann man sich sparen

Es klingt verlockend: Mit einem einfachen Speicheltest für 25 Euro sollen Männer ihren Testosteronspiegel bestimmen können. Tatsächlich kann man sich das Geld sparen. Wie Mann seinen Hormonstatus richtig bestimmen lässt, zu welcher Uhrzeit man die Blutentnahme beim Arzt machen lassen sollte und warum man nicht allzu viel auf die angegebenen Referenzwerte geben sollte, die das Labor auf der Auswertung angibt, erklärt der Facharzt für Urologie und Andrologie Dr. Christian Leiber-Caspers im FITBOOK-Interview.

Männern, die sich fragen, ob ihr Hormonstatus in Ordnung ist, sei zur Beruhigung zunächst gesagt: Der typische Testosteronmangel-Patient ist über 50, deutlich übergewichtig und treibt keinen Sport. Bei den Über-50-Jährigen haben lediglich zwei Prozent ein echtes Testosteronmangelsyndrom, bei den Über-70-Jährigen sind es fünf Prozent. Das sind also nicht viele. Dennoch gibt es natürlich berechtigte Gründe, einen Hormontest machen zu lassen – und zwar unbedingt beim Arzt. Zu den Symptomen zählen u. a. sexuelle Funktionsstörungen mit verminderter Libido, ein veränderter Stoffwechsel und Antriebslosigkeit (ausführlicher berichtet FITBOOK hier über die Anzeichen eines Testosteronmangels). Bemerken Männer an sich Symptome, lohnt sich eventuell eine Überprüfung des Hormonspiegels. Um nicht unnötig viel Geld in umfangreichen Laboruntersuchungen zu versenken und aussagekräftige Ergebnisse in den Händen zu halten, gibt es ein paar Details zu beachten. Der optimale Hormontest für Männer: FITBOOK sprach mit dem Urologen Dr. Christian Leiber-Caspers, Sektionsleiter des Bereichs Andrologie am Alexianer-Krankenhaus Krefeld.

Blutentnahme am Nachmittag wenig sinnvoll

FITBOOK: Zu welcher Uhrzeit sollte die Blutentnahme für den Hormontest erfolgen?
Dr. Christian Leiber-Caspers: „Die Blutentnahme beim Arzt im Umfang eines Röhrchens sollte vormittags stattfinden, idealerweise zwischen 7 und 11 Uhr. Das liegt an der zirkadianen Rhythmik, die bei jungen Männern noch sehr ausgeprägt ist, bei älteren nicht mehr so sehr: Die Testosteronspiegel sind in den frühen Morgenstunden am höchsten und gehen im Tagesverlauf immer weiter runter. Es macht also nur wenig Sinn, für eine Bestimmung des Testosteronspiegels am Nachmittag Blut zu entnehmen.“

Wie wichtig ist eine Doppelbestimmung?
Leiber-Caspers: „Bei einer Laborbestimmung, von der eine Diagnose abhängt, wird immer eine Doppelbestimmung gefordert. Denn der Testosteronspiegel ist auch bei gesunden Männern schwankend. Ein Beispiel: Ich laufe heute einen Halbmarathon und gehe am nächsten Tag zum Arzt, um mir Blut entnehmen zu lassen. Dann wird mein Testosteronspiegel sehr niedrig sein, weil ich gerade mein gesamtes Testosteron verbraucht habe. Deshalb sind immer zwei Messungen notwendig.“

Wie weit sollten diese beiden Messungen auseinanderliegen?
Leiber-Caspers: „Eine Messung sollte idealerweise am Vormittag erfolgen. Wenn sportliche Leistungen im Spiel sind, sollte man mit der zweiten Messung zwei Wochen warten. Wichtig: Die Kontrollmessung im selben Labor machen lassen! Die Labore kaufen ihre Tests bei unterschiedlichen Herstellern und sie messen entsprechend nicht alle exakt gleich.“

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Hormontest für Männer: Interpretationsfallen bei der Laborauswertung

Das Labor hat die Auswertung des Hormontests geschickt. Worauf muss man jetzt unbedingt achten?
Leiber-Caspers: „Die Labors in Deutschland sind auf einem guten Standard. Aber: Wenn Sie als Laie selbst ein Testergebnis in der Hand halten, müssen Sie wissen, dass die Labore mit unterschiedlichen Verfahren und Einheiten messen. Das heißt: Die Messgröße, mit der Testosteron gemessen wird, kann unterschiedlich sein. Viele Labore messen in der Einheit Nanogramm pro Milliliter (ng/mL, Anm. d. Red.). Ich bin es aber bspw. gewohnt, in Nanomol pro Liter (nmol/L, Anm. d. Red.) zu messen. Das kann man umrechnen, ist aber im Prinzip nichts für Laien oder Patienten.“

Auf der Laborauswertung werden normale Referenzbereiche angegeben. Was muss man dazu wissen?
Leiber-Caspers: „Wenn man nachfragen würde, stellt man fest, dass dieser Normalbereich teilweise an einer Population von 20, 30 Patienten erhoben worden ist. Sehr fragwürdig aus wissenschaftlicher Sicht, denn um aussagekräftig zu sein, müssten Sie Hunderte oder Tausende haben. Deshalb ist es schwierig, seinen eigenen Wert mit dem Normalwert zu vergleichen. Liegt man darüber oder darunter, denkt man vielleicht, man hat einen pathologisch krankhaften Wert – was aber gar nicht stimmt. Also: Genau aufpassen, wenn man seine Werte mit irgendwelchen Norm- oder Standardwerten vergleicht.“

Also komme ich für die Interpretation eines Hormontests nicht umher, einen Arzt aufzusuchen …
Leiber-Caspers: „Ja. Gehen Sie damit bitte unbedingt zu einem Facharzt – einem Endokrinologen oder Urologen, am besten mit der Zusatzqualifikation Andrologie. Diese Ärzte befassen spezifisch mit dieser Thematik und die richtige Interpretation dieser Werte ist durchaus nicht immer einfach.“

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Auf diesen Wert kommt es bei Verdacht auf Testosteronmangel an

Welche(n) Wert(e) sollte man messen lassen?
Leiber-Caspers: „Bei einem Verdacht auf Testosteronmangel würde ich zunächst nur das Gesamttestosteron bestimmen. Dieser wichtige Wert ist recht stabil, das heißt, die Blutprobe muss nicht unmittelbar nach der Entnahme ins Labor gehen (die Ärzte haben in der Regel kein eigenes Labor mehr), das kann auch ein bis zwei Tage später passieren und in ein Labor geschickt werden, das 100 Kilometer entfernt ist. Ist der Wert des gemessenen Gesamttestosterons normal, braucht man keine weiteren Bestimmungen mehr vorzunehmen.“

Und wenn das Ergebnis negativ ausfällt?
Leiber-Caspers: „Dann brauchen Sie in einigen Fällen zusätzlich auch das freie Testosteron. Die Messung dieses mit 3 bis 5 Prozent sehr kleinen Anteils des Gesamttestosterons ist jedoch deutlich heikler, weil er absolut instabil ist. Vernünftig zu bestimmen ist das freie Testosteron nur, wenn ich Ihnen Blut abnehme und mit der Probe direkt ins Labor renne – was praktisch nirgendwo geht. Eine Messung des freien Testosterons ist deshalb in aller Regel nicht vernünftig durchführbar.“

Die Leitlinien empfehlen die Bestimmung des freien Testosterons über eine Berechnung …
Leiber-Caspers: „Genau. Man braucht dafür die beiden stabilen Haupt-Bindungseiweiße: Albumin und SHBG, das Sexualhormon-bindende-Globulin. Im Internet gibt es Rechner1, mit denen Sie mit diesen beiden Werten und dem Gesamttestosteron den freien Testosteronspiegel berechnen können. Die Ergebnisse korrelieren ziemlich gut mit Messungen, die unter wissenschaftlichen Bedingungen gemacht worden sind.“

Was ein hoher LH-Wert anzeigt

Was ist mit der Messung der Stimulationshormone LH und FSH?
Leiber-Caspers: „Die Testosteronproduktion hängt, wie viele Hormone, von einem Stimulationshormon ab. Bei Männern ist es das LH, luteinisierendes Hormon. Eigentlich ein irreführender Begriff, weil es das nur bei Frauen im Rahmen des Zyklus gibt. Männer haben keine Lutealphase; das Hormon sieht aber interessanterweise zu 100 Prozent identisch zum LH bei Frauen aus, weshalb man die Bezeichnung übernommen hat. Eigentlich müsste es testosteronstimulierendes Hormon heißen. Ein hoher LH-Wert zeigt typischerweise eine Störung der Testosteronproduktion an. So ist es bspw. bei angeborenen kleinen Hoden der Fall, weil der Organismus versucht, die Hoden zu stimulieren, aber keine ausreichende Antwort erhält. Oder wenn aufgrund von Hodenkrebs ein Hoden entfernt wurde: So jemand hat im höheren Alter ein statistisch belegt höheres Risiko für einen Testosteronmangel. Beide Beispiele meinen die primäre Form von Testosteronmangel. Bei der sekundären Form funktioniert die übergeordnete Steuerung der Hormonproduktion nicht: beispielsweise liegt ein Problem an der Hirnanhangsdrüse vor. In diesem Fall sind die Stimulationshormone LH und FSH (follikelstimulierendes Hormon für die Bildung der Spermien, Anm. d. Red.) sowie das Gesamttestosteron ganz niedrig.“

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Wann die Krankenkasse den Hormontest für Männer bezahlt

Das kostet ja auch alles Geld. Unter welchen Umständen bezahlt denn die Krankenkasse einen Hormontest?
Leiber-Caspers: „Wenn es eine medizinische Indikation gibt, der Arzt also entsprechende Symptome für einen Testosteronmangel festgestellt hat, ist eine medizinische Kassenleistung. Der typische Testosteronmangel-Patient ist über 50, deutlich übergewichtig und treibt keinen Sport. Hat so jemand Symptome, ist es eine Kassenleistung.“

Nachlassen der muskulären Kraft mögliches Anzeichen für ein Testosteronmangel

Von welchen Symptomen sprechen wir da?
Leiber-Caspers: „Männer mit klinischen Zeichen eines Testosteronmangels wie Libidoabnahme, Leistungsminderung, Konzentrationsstörungen, Nachlassen der muskulären Kraft u. a., die gleichzeitig wenig oder gar keinen Sport treiben und zusätzlich übergewichtig sind, haben definitiv ein erhöhtes statistisches Risiko für das Vorliegen eines Testosteronmangelsyndroms. Letztlich sollte aber die Verdachtsdiagnose von einem Arzt/einer Ärztin gestellt werden, wenn es um eine medizinische Indikation geht.“

Und wenn ‚Herr Müller‘ in die Praxis kommt und sagt: „Ich bin nicht mehr so gut drauf wie früher, ich hätte gerne mal gewusst wie viel Testosteron ich im Blut habe?
Leiber-Caspers: „Dann ist es eine individuelle Gesundheitsleistung und ‚Herr Müller‘ muss den Hormontest selbst bezahlen. Die Hormonwert-Bestimmungen kosten alle ungefähr das Gleiche, pro Bestimmung muss man 25 bis 30 Euro rechnen. Lässt man Gesamttestosteron, Albumin, SHBG und LH testen, muss man also etwa 100 bis 120 Euro rechnen. Aber: Kommt heraus, dass das Gesamttestosteron zu niedrig ist, kippt das Ganze formal in eine medizinische Indikation, deren Behandlung von der Krankenkasse übernommen wird.“

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»Nicht jeder Mann ab 50 braucht Testosteron, das ist völliger Unsinn

Wie erklären Sie sich die Zurückhaltung der Ärzte bezüglich Hormontests für Männer?
Leiber-Caspers: „Das liegt meiner Ansicht nach daran, dass Testosteron auch missbräuchlich eingesetzt wird. Stichwort: Doping. Dieser kriminelle Bereich führt dazu, dass Testosteron einen negativen Touch bekommt. Auch im Lifestyle-Bereich gibt es Ärzte, die Männern, die einen normalen Testosteronspiegel haben, noch mehr verordnen und dann behaupten, ihnen werde es damit besser gehen. Das ist sicher nicht der Fall, aber wenn ich dran glaube, geht es mir damit vielleicht besser. Laut geltender Leitlinien2 haben bei den Über-50-Jährigen lediglich zwei Prozent ein echtes Testosteronmangelsyndrom, bei den Über-70-Jährigen sind es fünf Prozent. Das sind nicht viele. Es braucht schon gar nicht jeder Mann ab 50 Testosteron, das ist völliger Unsinn.“

»Testosteron-Speicheltests? Das Geld kann Mann sich sparen

Was taugen Testosteron-Speicheltests aus der Apotheke?
Leiber-Caspers: „Das Geld kann man sich sparen, denn da misst man alles Mögliche, aber nicht den richtigen Testosteronspiegel. Speicheltests sind aus wissenschaftlicher Sicht nicht gut validiert. Wir wissen also nicht, wie gut oder wie schlecht sie messen im Vergleich zu den im Blut gemessenen Werten. Ich rate daher also ausdrücklich davon ab, so wie dies auch in den aktuell geltenden Leitlinien der Europäischen Urologenvereinigung2 empfohlen wird.“

Quellen

afgis-Qualitätslogo mit Ablauf Jahr/Monat: Mit einem Klick auf das Logo öffnet sich ein neues Bildschirmfenster mit Informationen über FITBOOK und sein/ihr Internet-Angebot: www.fitbook.de

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