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Im Sitzen oder Stehen urinieren – was ist für Männer gesünder?

Mann beim Urinieren im Stehen
Wirkt es sich auf gesundheitliche Messwerte aus, wenn Männer im Stehen urinieren? Ist es im Sitzen gesünder? Das beleuchtete eine neue Studie. Foto: Getty Images / ferlistockphoto

3. November 2026, 17:48 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Aus hygienischer Sicht könnte die Empfehlung an Männer lauten, grundsätzlich im Sitzen zu urinieren. Doch neben solchen sowie kulturellen Aspekten könnte für die Entscheidung auch die Gesundheit eine Rolle spielen. Es sind bereits mehrere wissenschaftliche Untersuchungen der Frage nachgegangen, ob die Körperhaltung den Harnfluss beeinflusst. Sie kamen bislang allerdings zu uneinheitlichen Ergebnissen. Eine neue Studie verfolgte nun das Ziel, eindeutige Antworten zu finden, und untersuchte zudem, ob etwaige Abweichungen auch medizinisch von Bedeutung sind. Vorab sei eingeräumt: Es bleiben Unklarheiten bestehen. FITBOOK fragte deshalb auch bei einem unabhängigen Experten nach, ob er eher zum Urinieren im Stehen oder Sitzen rät.

Dr. Christoph Pies
Mit fachlicher Beratung von Facharzt für Urologie

Harnfluss ist wichtiger Indikator für die Gesundheit

Die Geschwindigkeit, mit der der Urin beim Wasserlassen fließt, kann Hinweise auf die Gesundheit der Harnwege geben, genauer gesagt auf mögliche Funktionsstörungen. So kann etwa eine vergrößerte Prostata die Harnröhre einengen und dadurch den Harnfluss behindern. Betroffene bemerken dies häufig an einem verzögerten Beginn des Wasserlassens sowie an einem schwachen oder unterbrochenen Harnstrahl.

Es gibt eine Untersuchungsmethode, mit der sich der Harnfluss messen lässt: die Uroflowmetrie.1 Die dabei eingesetzten Geräte erfassen unter anderem, wie schnell und über welchen Zeitraum Urin ausgeschieden wird. Eine wichtige Messgröße ist die maximale Harnflussgeschwindigkeit (Qmax). Sie gibt an, wie viel Milliliter Urin innerhalb einer Sekunde maximal ausgeschieden werden. Das insgesamt ausgeschiedene Urinvolumen sowie die Zeit bis zum Erreichen der maximalen Harnflussgeschwindigkeit (tQmax) sind weitere wichtige Parameter.

Auch interessant: Prostatakrebs – Symptome, Diagnose und Behandlung

Wie beeinflusst die Haltung beim Urinieren den Harnfluss?

Die vorliegende Untersuchung stellte nun die Frage, ob die Körperhaltung während des Wasserlassens diese Messwerte beeinflussen könnte.2 Im Mittelpunkt stand dabei der Vergleich von Uroflowmetrie-Werten beim Urinieren im Stehen und im Sitzen, und dabei insbesondere, ob sich die maximale Harnflussgeschwindigkeit zwischen beiden Positionen unterscheidet.

Frühere Studien haben in diesem Zusammenhang uneinheitliche Ergebnisse geliefert, schreiben die Autoren. So zeigte etwa eine Untersuchung mit 740 Männern, dass sich bei Männern bis 50 Jahre keine signifikanten Unterschiede zwischen beiden Positionen fanden.3 Bei älteren Männern war hingegen die Restharnmenge im Sitzen geringer, während die Dauer des Wasserlassens zunahm. Die maximale und durchschnittliche Harnflussgeschwindigkeit blieben unverändert.

Vor diesem Hintergrund der noch offenen Fragen wollten die Autoren der hier vorgestellten Untersuchung genauer prüfen, ob sich bei gesunden Männern Unterschiede zwischen beiden Positionen feststellen lassen, und ob diese gegebenenfalls medizinisch relevant sind.

Details zur Untersuchung

Es handelte sich um eine prospektive, randomisierte Crossover-Studie, bei der also alle Teilnehmer beide Untersuchungsbedingungen durchlaufen mussten. Dieses Design erlaubt es, Ergebnisse innerhalb derselben Person zu vergleichen.

Es nahmen insgesamt 52 allgemein gesunde Männer an der Studie teil. Das Alter der Probanden geht aus den im Abstract vorliegenden Informationen nicht hervor. Die Männer wurden per Zufallsprinzip in eine von zwei Gruppen eingeteilt, die sich lediglich durch die Reihenfolge der untersuchten Bedingungen unterschieden. Die erste Gruppe mit 24 Teilnehmern sollte zuerst im Sitzen und anschließend im Stehen urinieren. Die 28 Teilnehmer der zweiten Gruppe taten es genau umgekehrt. Dazwischen lag jeweils eine Auswaschphase von rund 24 Stunden. So sollte verhindert werden, dass die Ergebnisse der zweiten Untersuchung durch die Haltung bei der ersten Untersuchung verfälscht werden.

Messwerte im Fokus

Die Forscher betrachteten sowohl die maximale Harnflussgeschwindigkeit (Qmax), das insgesamt ausgeschiedene Urinvolumen als auch die Zeit bis zum Erreichen des höchsten Harnflusses (tQmax).

Für die Auswertung nutzten sie verschiedene statistische Verfahren, unter anderem sogenannte lineare gemischte Modelle und eine Bayes-Analyse. Bei Letzterem handelt es sich um eine Methode, die das bestehende Vorwissen mit neuen Daten kombiniert, um die Wahrscheinlichkeit zum Beispiel einer Hypothese zu aktualisieren.

Eine Besonderheit der Studie war eine zusätzliche sogenannte Äquivalenzanalyse. Sie sollte klären, ob die Ergebnisse beider Körperhaltungen so nahe beieinanderliegen, dass sie als gleichwertig gelten können. Mithilfe des TOST-Äquivalenztests prüften die Forscher, ob sich die maximale Harnflussgeschwindigkeit zwischen Sitzen und Stehen um höchstens 2,5 Milliliter pro Sekunde unterscheidet.

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Ergebnisse und ihre Bedeutung

Die Autoren stellten bei der maximalen Harnflussgeschwindigkeit keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen dem Urinieren im Sitzen und Stehen fest. Die gemessene Differenz lag bei −1,47 Millilitern pro Sekunde und war somit geringfügig. Ebenso beim insgesamt ausgeschiedenen Urinvolumen zeigten sich keine statistisch signifikanten Unterschiede (die Differenz betrug 14,7 Milliliter).

Allerdings bei der Zeit bis zum Erreichen des maximalen Harnflusses stellten sie signifikante Unterschiede fest. So benötigten die Studienteilnehmer im Stehen durchschnittlich 3,32 Sekunden länger als im Sitzen, bis der höchste Harnfluss erreicht war. Auch nach der Korrektur um mögliche Verzerrungen durch mehrere statistische Tests hatte das Ergebnis Bestand. Die ergänzende Bayes-Analyse stützte den Befund auch. Beim ausgeschiedenen Urinvolumen fanden sich allerdings moderate Hinweise darauf, dass sich die beiden Positionen nicht unterscheiden.

Zusammenfassend scheint die Körperhaltung beim Wasserlassen bei gesunden Männern weder die maximale Harnflussgeschwindigkeit noch das ausgeschiedene Urinvolumen wesentlich zu beeinflussen. Lediglich bei der Zeit bis zum Erreichen des maximalen Harnflusses zeigte sich ein statistisch signifikanter Unterschied. Die Autoren betonen jedoch, dass dessen medizinische Bedeutung fraglich ist. Eine wissenschaftlich gesicherte Empfehlung für das Wasserlassen im Sitzen oder Stehen lässt sich aus den Beobachtungen jedenfalls nicht ableiten. Ob eine der beiden Positionen Männern mit Beschwerden beim Wasserlassen Vorteile bietet, müssen laut den Forschern weitere, größere Studien mit entsprechenden Teilnehmergruppen klären.

Unabhängiger Urologe ordnet Beobachtungen ein

FITBOOK sprach über das Thema mit Dr. med. Christoph Pies, Facharzt für Urologie. Er bestätigt, dass die in der Untersuchung festgestellten Unterschiede für gesunde Männer im Alltag kaum eine Rolle spielen dürften. „Die zusätzlichen 3,32 Sekunden im Stehen betreffen lediglich die Zeit bis zum stärksten Harnstrahl. Ein gesundheitlicher Nachteil lässt sich daraus nicht ableiten.“

Allerdings weist der Arzt darauf hin, dass „kein statistisch nachweisbarer Unterschied“ nicht automatisch bedeutet, dass beide Positionen nachweislich gleichwertig sind. Einen formalen Nachweis der Gleichwertigkeit konnte die Untersuchung mit ihren 52 Teilnehmern nicht erbringen.

»Männer sollen urinieren, wie es ihnen bequem ist

Eine allgemeingültige Empfehlung für das Wasserlassen im Sitzen oder Stehen hält der Urologe bei gesunden Männern nicht für sinnvoll. „Entscheidend ist eine bequeme Haltung, in der das Wasserlassen ohne Anstrengung gelingt“, erklärt er. „Dass Sitzen bei jedem Mann automatisch den Beckenboden besser entspannt oder die Blase vollständiger entleert, ist nicht ausreichend belegt. Auch Gewohnheiten und körperliche Einschränkungen können die Wahl beeinflussen.“

Bei Männern mit Beschwerden jedoch könnte die Körperhaltung doch eine größere Rolle spielen. Pies verweist auf eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse aus dem Jahr 2014, die bei Männern mit Prostatavergrößerung im Sitzen durchschnittlich etwa 25 Milliliter weniger Restharn als im Stehen fand.4 Allerdings waren die Ergebnisse der ausgewerteten Studien uneinheitlich.

Der Urologe empfiehlt Männern mit Beschwerden zusammenfassend, auszuprobieren, ob ihnen das Wasserlassen im Sitzen leichter fällt. „Mein praktischer Rat: Zeit nehmen, entspannt bleiben und den Harnstrahl nicht mit Kraft beschleunigen wollen.“ Bei einem dauerhaft schwachen Harnstrahl oder dem Gefühl einer unvollständigen Blasenentleerung rät er zu einer urologischen Abklärung. Die Wahl der Position könne eine Unterstützung sein, ersetze aber keine notwendige Behandlung.

Einschränkungen der Studie

Die Stichprobe der Untersuchung war mit 52 Teilnehmern vergleichsweise klein. Das ist insbesondere für den Äquivalenznachweis relevant, da hierfür möglicherweise eine größere Teilnehmerzahl erforderlich gewesen wäre.

Eine weitere Einschränkung betrifft die Zeit bis zum maximalen Harnfluss. Der Unterschied blieb zwar statistisch signifikant, das Ergebnis war aber teilweise von einem einzelnen Ausreißer abhängig. Das schmälert seine Aussagekraft. Hinzu kommt, dass ausschließlich gesunde Männer untersucht wurden. Die Ergebnisse lassen sich daher nicht ohne Weiteres auf Männer mit Beschwerden oder Erkrankungen des Harntrakts übertragen.

Die Autoren empfehlen deshalb größere, vorab registrierte Studien mit einer vorher festgelegten Äquivalenzanalyse und der Einbeziehung von Männern mit entsprechenden Beschwerden.

Quellen

  1. Urologische Stiftung Gesundheit: Harnflussmessung (aufgerufen am 3.11.2026) ↩︎
  2. Iregui-Parra, J., Millán-Serna, S., Delgado-Caicedo, M. et al (2026). Standing or Sitting to Void? Comparative Uroflowmetry in Healthy Male Volunteers: A Randomized Crossover Study with Equivalence Analysis. Neurourology and Urodynamics ↩︎
  3. Goel. A., Kanodia, G., Sokhal, A. et al (2017). Evaluation of Impact of Voiding Posture on Uroflowmetry Parameters in Men. World J Mens Health ↩︎
  4. De Jong, Y., Henricus, J. Pinckaers, F. et al (2024). Urinating Standing versus Sitting: Position Is of Influence in Men with Prostate Enlargement. A Systematic Review and Meta-Analysis. PLOS ONE ↩︎

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