11. Mai 2026, 4:35 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Einmal ordentlich durchkneten lassen – und es darf auch ruhig ein wenig wehtun: Fans der Thai-Massage schätzen die intensive Behandlung, auf die oft das ersehnte Gefühl tiefer Entspannung folgt. Doch so wohltuend sie sein kann, ist die Thai-Massage nicht in jedem Fall unbedenklich. In seltenen Fällen ist es in ihrem Anschluss sogar zu schweren Komplikationen gekommen. FITBOOK klärt über die möglichen, oft unterschätzten Risiken der Thai-Massage auf.
Thai-Massage – eine traditionelle Medizinmethode
Die traditionelle Thai-Massage („Nuad Phaen Boran“) ist eine aus Thailand stammende manuelle Behandlungsmethode; und übrigens seit 2019 Teil des immateriellen UNESCO Weltkulturerbes.1 Dabei bearbeiten die Massage-Therapeuten die Körper ihrer Kunden durch Dehnungen, Drucktechniken und Mobilisation. Die Behandlung erfolgt entlang sogenannter Energielinien und umfasst gezielte Griffe mit Händen, Ellbogen, Knien und Füßen. Das Ziel: Verspannungen lösen und das Gleichgewicht im Körper fördern.
In ihrem Herkunftsland Thailand ist die Thai-Massage Teil der traditionellen Medizin und staatlich reguliert. Um ein anerkanntes Zertifikat zu erhalten und offiziell als Therapeut arbeiten zu können, ist eine erfolgreich absolvierte Ausbildung an einer staatlich anerkannten oder vom thailändischen Gesundheitsministerium zugelassenen Schule zwingend. Diese Ausbildung muss einen festgelegten Mindeststundenumfang und sowohl theoretische als auch praktische Inhalte umfassen. Darüber hinaus kann es in Thailand erforderlich sein, sich beim zuständigen thailändischen Gesundheitsministerium zu registrieren – dies sichert den Titel „Traditional Thai Medicine Practitioner“.
Außerhalb Thailands, insbesondere in Deutschland, ist die Situation deutlich anders: Thai-Massage wird hierzulande nicht als staatlich geschützter Heilberuf geregelt, sondern im Bereich Wellness und Entspannung eingeordnet. Und damit gehen gewisse Risiken einher.
Was man vor der Behandlung wissen sollte
Vorab sei gesagt, dass Thai-Massagen nicht für jeden Menschen uneingeschränkt zu empfehlen sind. Auch die Studios selbst weisen oft darauf hin, dass man beispielsweise bei akuten Erkrankungen wie Fieber, Infektionen, Entzündungen, frischen Verletzungen oder offenen Wunden von der Behandlung absehen sollte. Zu den weiteren Kontraindikationen zählen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ein Thromboseverdacht, frische Operationen oder akute neurologische Ereignisse.
Diese Hinweise decken sich weitgehend mit den allgemeinen medizinischen Empfehlungen zur Massage. So weist auch das National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH) darauf hin, dass, um gesundheitliche Risiken zu vermeiden, Massagen bei akuten Infektionen, bestimmten schweren Erkrankungen oder unbehandelten medizinischen Zuständen nur eingeschränkt oder nach ärztlicher Rücksprache durchgeführt werden sollten.2
Mögliche Risiken der Thai-Massage
Das Schweizer Portal „20 Minuten“ berichtete im Jahr 2024 über zwei Todesfälle im Zusammenhang mit Thai-Massagen. Eine 20-jährige Sängerin erlitt offenbar nach mehreren Nacken- und Rückenbehandlungen Lähmungserscheinungen und starb später an einem septischen Schock. Kurz zuvor war zudem ein Tourist aus Singapur nach einer Öl-Körpermassage an einem Herzstillstand gestorben. In dem Beitrag warnen Experten davor, dass unsachgemäße oder zu intensive Anwendungen in sensiblen Körperbereichen gesundheitliche Risiken bergen können.
Wirklich überraschend ist das vielleicht nicht. Thai-Massagen können sehr intensiv sein, insbesondere was die Dehnungen und Drucktechniken betrifft. Ein häufiger Problem- und Verspannungsbereich ist dabei der Nacken, für den sich viele Kunden Linderung wünschen. Gerade hier kann starke oder ungünstige Krafteinwirkung jedoch im schlimmsten Fall gesundheitliche Risiken bergen.
Nach der Thai-Massage hatte ich ganz andere Probleme
„Ich bin immer sehr gern zur Thai-Massage gegangen. Mit sanften Streichelbehandlungen, wie man sie von klassischen Massagen kennt, kann ich wenig anfangen. Als große Frau, die viel am Schreibtisch arbeitet, konzentrieren sich meine Beschwerden vor allem auf Rücken, Schultern und Nacken. Letzteren behandelte eine Therapeutin bei meiner letzten Sitzung besonders intensiv. Ich habe es genossen – auch wenn es zeitweise schmerzhaft war. Eigentlich hatte ich danach Entspannung erwartet. Doch dem war nicht so.
Schon am selben Abend hatte ich Probleme, den Kopf zu drehen, und spürte eine Verhärtung im Nacken. Am nächsten Tag wurden die Beschwerden noch stärker. Beim Orthopäden wurde eine Blockade festgestellt; ich erhielt Spritzen zur Lockerung der Muskulatur. Da ich zudem Gleichgewichtsstörungen und eine leichte Gangneigung nach rechts schilderte, überwies mich der Arzt zum Neurologen, um unter anderem einen Schlaganfall auszuschließen. Glücklicherweise bestätigte sich dieser Verdacht nicht.
Der Orthopäde, der anonym bleiben möchte, warnte mich dennoch eindringlich vor intensiven Behandlungen dieser Art. Er kenne ‚niemanden, dem diese starke Krafteinwirkung auf Dauer nicht geschadet hat’. Nach diesem Erlebnis bin ich unsicher, ob ich eine Thai-Massage künftig noch einmal in Anspruch nehmen werde.“
Nackenmanipulationen und Gefäßrisiken
FITBOOK berichtete bereits über das sogenannte „Beauty Parlor Stroke Syndrome“. Dabei geht es um die mögliche Begünstigung von Schlaganfällen durch Druck oder ungünstige Positionen im Nackenbereich, etwa durch eine überstreckte Haltung am Waschbecken beim Friseur oder vergleichbare Belastungen. Es kann zu „Abklemmungen der Blutversorgung im Nacken“ kommen, erklärte dazu der Internist Dr. med. Matthias Riedl. Eine besondere Gefahr besteht demnach für ältere Personen bzw. solche, die bereits von arteriellen Verkalkungen betroffen sind.
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Enorme Qualitätsbandbreite der Studios in Deutschland
Falls Sie bereits eine Thai-Massage besucht haben: Wurden Sie vorab nach möglichen gesundheitlichen Einschränkungen gefragt? Wenn ja, spricht das für ein verantwortungsbewusstes Studio. Doch es gibt offenbar längst nicht nur solche.
Der Thai-Spa-Verband weist darauf hin, dass man in Deutschland im Zuge des starken Wachstums von Thai-Massagen eine deutliche Qualitätsbandbreite vorfindet – von sogenannten „schwarzen Schafen“ bis zu hochwertigen, professionell geführten Studios mit klaren Standards.3 Um das Niveau zu verbessern und mehr Transparenz zu schaffen, hat die Vereinigung verschiedene freiwillige Standards und Zertifizierungsmodelle entwickelt. Dazu zählen der Q-Standard mit Schwerpunkten wie Hygiene, Service und Organisation, der National Skill Standard mit strukturierten Prüfverfahren sowie ein dreistufiges Qualitätssiegel mit unterschiedlichen Prüfanforderungen. Da diese Standards jedoch nicht verpflichtend sind, können sich Kunden in Deutschland nicht blind darauf verlassen, dass in jedem Studio tatsächlich fachgerecht gearbeitet wird.
Einschätzung eines Experten
FITBOOK sprach mit dem Physiotherapeuten Andre Scholz. Er verteufelt die Thai-Massage nicht grundsätzlich, räumt aber ein, dass dabei keine „Manipulationstechniken“ angewendet werden sollten. Gemeint sind gezielte, schnelle Grifftechniken an Gelenken, umgangssprachlich oft als „Einrenken“ bezeichnet. Diese sollten nur von speziell geschulten Therapeuten durchgeführt werden. „Prinzipiell ist gegen eine sanfte Thai-Massage nichts einzuwenden, um muskuläre Beschwerden zu lösen“, so sein Urteil. Das fachkundige Bearbeiten von Triggerpunkten wirke entspannend und stimulierend.
Voraussetzungen für eine sichere Behandlung
Thai-Massagen können wohltuend und effektiv sein, solange sie fachgerecht durchgeführt werden und individuelle gesundheitliche Voraussetzungen berücksichtigt werden. Angesichts der fehlenden einheitlichen Regulierung in Deutschland ist es jedoch wichtig, genau hinzuschauen: Qualifikation, Aufklärung und ein verantwortungsvoller Umgang mit möglichen Risiken sind entscheidend. Kunden sollten sich gut informieren und Studios bewusst auswählen.