10. November 2025, 16:02 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Eine neue Langzeitstudie aus Australien liefert Hinweise darauf, dass Musik eine überraschend starke Wirkung auf das Gehirn im Alter haben kann. Wer regelmäßig Musik hört oder selbst musiziert – sei es durch Singen oder das Spielen eines Instruments – hat laut den Ergebnissen ein deutlich geringeres Risiko, an Demenz zu erkranken oder geistig abzubauen. Besonders profitieren Menschen mit höherer Bildung. Doch was genau wurde untersucht – und wie verlässlich sind diese Ergebnisse?
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Was und warum wurde untersucht?
Dass Musik bestimmte Hirnregionen aktiviert, ist gut belegt. Doch ob der regelmäßige, alltägliche Musikgenuss auch das Risiko für Demenz senken kann, war bislang nicht ausreichend geklärt. Diese neue Studie wollte herausfinden, ob Menschen, die regelmäßig Musik hören, ein Instrument spielen oder singen, seltener an Demenz erkranken. Außerdem wurde untersucht, ob Musik auch gegen leichtere Formen von geistigem Abbau helfen kann – also Beeinträchtigungen, die noch keine Demenz sind.
Ein weiteres Ziel der Studie war es zu prüfen, ob Menschen mit höherer Bildung besonders stark von solchen Musikaktivitäten profitieren. Denn: Weltweit nimmt die Zahl älterer Menschen stetig zu – und mit ihr auch die Häufigkeit altersbedingter Erkrankungen wie Demenz, für die es bis heute keine Heilung gibt. Zwar spielen genetische Faktoren eine Rolle, aber auch der Lebensstil beeinflusst das Risiko. So gelten etwa Bewegung, ausgewogene Ernährung oder geistige Aktivität als mögliche Schutzfaktoren. Vor diesem Hintergrund rückt Musik als besonders interessanter Ansatz in den Fokus: Sie ist leicht zugänglich, kostet wenig und kommt ganz ohne Nebenwirkungen aus – könnte also eine einfache Möglichkeit sein, die geistige Gesundheit im Alter zu unterstützen.
Frühere Untersuchungen waren oft klein, methodisch eingeschränkt oder konzentrierten sich auf Personen, die bereits erste Anzeichen kognitiver Beeinträchtigungen zeigten.1 In dieser Untersuchung wurde dagegen eine große Gruppe gesunder, älterer Menschen über viele Jahre hinweg begleitet – mit dem Ziel zu klären, ob alltäglicher Musikgenuss tatsächlich das Risiko für Demenz senken kann. Das Ergebnis der Studie: Wer regelmäßig Musik hört oder selbst aktiv musiziert – etwa durch Singen oder das Spielen eines Instruments –, hat ein deutlich geringeres Risiko, im Alter an Demenz oder kognitiven Einschränkungen zu erkranken.
Wie Musikverhalten und geistige Gesundheit über neun Jahre wissenschaftlich beobachtet wurden
Die Daten stammen aus zwei großen Langzeitstudien: der ASPREE-Studie und ihrer Substudie ALSOP. Eingeschlossen wurden 10.893 australische Erwachsene ab 70 Jahren, die zu Studienbeginn weder an Demenz litten noch andere schwere Erkrankungen hatten.2
Etwa drei Jahre nach Studienstart machten die Teilnehmenden Angaben zur Häufigkeit ihrer Musikaktivitäten. Dabei wurden sie gebeten, auf einer fünfstufigen Skala anzugeben, wie oft sie:
- Musik hören (z. B. Radio, CDs, Streamingdienste)
- Ein Instrument spielen oder singen (beides wurde gemeinsam erfasst)
Die Antwortoptionen lauteten:
- Nie
- Selten (weniger als einmal im Monat)
- Manchmal (1–3 Mal im Monat)
- Oft (einmal pro Woche oder häufiger)
- Immer (an den meisten Tagen der Woche)
Für die statistische Auswertung wurden diese Kategorien in drei Gruppen zusammengefasst:
(1) Nie/selten/manchmal, (2) oft und (3) immer. „Immer“ bedeutete konkret: Musik hören oder musizieren (einschließlich Singen) an fünf bis sieben Tagen pro Woche.
Die Teilnehmenden wurden mehrere Jahre lang medizinisch begleitet. Bei vielen dauerte die Beobachtungszeit bis zu neun Jahre. Die Diagnose von Demenz erfolgte dabei auf Grundlage klinischer Tests, ärztlicher Unterlagen und wurde zusätzlich von einem unabhängigen Expertengremium überprüft. Jährlich wurde außerdem die geistige Leistungsfähigkeit mit anerkannten Verfahren getestet – etwa Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Sprachvermögen. Auch das subjektive Wohlbefinden wurde regelmäßig per Fragebogen erfasst.
Zur Auswertung nutzten die Forschenden Cox-Regressionsmodelle, um den Einfluss der Musikaktivitäten auf das Erkrankungsrisiko zu berechnen. Dabei wurden Alter, Geschlecht und Bildung mitberücksichtigt. Personen, die innerhalb der ersten drei Jahre nach Befragung an Demenz erkrankten oder aus der Studie ausschieden, wurden von der Hauptanalyse ausgeschlossen, um spätere Ursache-Wirkungs-Verwechslungen zu vermeiden.
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Musikhören senkte das Risiko für Demenz deutlich
In der Studie erkrankten Menschen, die an den meisten Tagen pro Woche Musik hörten, seltener an Demenz. Ihr Risiko war im Vergleich zu musikfernen Personen um rund 40 Prozent niedriger.
Auch leichte geistige Einschränkungen traten seltener auf
Die Studie betrachtete nicht nur Demenz, sondern auch eine Vorstufe davon: leichte Einschränkungen der geistigen Leistungsfähigkeit, die im Alltag zwar noch keine großen Probleme machen, aber bereits messbar sind – zum Beispiel beim Gedächtnis oder der Konzentration. Solche frühen Veränderungen gelten oft als möglicher Hinweis auf eine spätere Demenz, müssen aber nicht zwangsläufig dazu führen. Regelmäßiges Musikhören war nicht nur bei Demenz, sondern auch bei früheren Anzeichen geistiger Verschlechterung mit einem geringeren Risiko verbunden. Die Betroffenen hatten im Vergleich etwa 17 Prozent weniger Fälle.
Selbst Musik machen oder singen wirkt – aber etwas schwächer
Auch Menschen, die regelmäßig ein Instrument spielten oder sangen, waren seltener von Demenz betroffen – ihr Risiko war im Vergleich zur musikfernen Gruppe etwa ein Drittel niedriger. Auf die leichteren kognitiven Einschränkungen wirkte sich das Musizieren oder Singen allerdings nicht so klar messbar aus.
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Am besten wirkte die Kombination aus verschiedenen Faktoren
Den stärksten Schutz hatten Menschen, die sowohl regelmäßig Musik hörten als auch selbst musizierten oder sangen. In dieser Gruppe war das Risiko für Demenz um etwa ein Drittel und für leichtere geistige Einschränkungen um rund ein Fünftel geringer als bei Menschen ohne Musikbezug.
Wer Musik hörte, schnitt in Denkaufgaben besser ab
Menschen, die regelmäßig Musik hörten oder selbst musizierten, erzielten in den wiederholten Tests zur geistigen Leistungsfähigkeit durchweg bessere Ergebnisse. Besonders deutlich war das bei Gedächtnis, Sprache, Konzentration und allgemeinem Denkvermögen. Diese Vorteile zeigten sich über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg.
Interessanterweise hatte Musik keinen Einfluss darauf, wie fit sich die Menschen selbst einschätzten. Wer Musik hörte oder machte, fühlte sich im Alltag nicht automatisch geistig leistungsfähiger – auch wenn die objektiven Tests bessere Werte zeigten.
Musik wirkte besonders stark bei Menschen mit höherer Bildung
Wer mehr als 16 Jahre Schulbildung hatte und regelmäßig Musik hörte, hatte den größten Vorteil: Das Demenzrisiko war hier um fast zwei Drittel niedriger als bei Personen mit wenig Musik im Alltag. Das deutet darauf hin, dass Bildung und Musik sich in ihrer Wirkung gegenseitig verstärken könnten.
Die Forschenden prüften ihre Ergebnisse noch einmal extra genau – zum Beispiel, ob sie auch bei Menschen mit gesundheitlichen Problemen, verschiedenen Lebensstilen oder sozialen Hintergründen gelten. Auch dann blieben die Zusammenhänge stabil – ein starkes Zeichen dafür, dass die Ergebnisse wirklich belastbar sind.
Stichprobengröße, Studiendauer und Methodik sprechen für eine hohe Aussagekraft
Die Studie bringt mehrere Stärken mit, die ihre Ergebnisse besonders aussagekräftig machen. Insgesamt nahmen 10.893 ältere Menschen daran teil – eine sehr große Gruppe, die zuverlässige Vergleiche ermöglicht. Viele von ihnen wurden über mehrere Jahre begleitet, in manchen Fällen sogar bis zu neun Jahre lang. Für eine solche Bevölkerungsstudie ist das eine ungewöhnlich lange Laufzeit.
Die geistige Leistungsfähigkeit wurde regelmäßig mit anerkannten Testverfahren überprüft. Hinweise auf eine mögliche Demenz wurden sorgfältig ausgewertet – mithilfe medizinischer Unterlagen und mit Unterstützung eines unabhängigen Expertenteams. Für die Auswertung kamen bewährte statistische Methoden zum Einsatz.
Besonders wichtig: Die Studie untersuchte ausschließlich Menschen, die zu Beginn geistig gesund waren. Gerade in dieser Gruppe ist es besonders relevant, nach möglichen Schutzfaktoren wie Musik zu suchen.
Wichtige Einschränkungen: Musik ist kein Garant gegen Demenz
Dennoch gibt es Einschränkungen, die bei der Interpretation berücksichtigt werden müssen. Die Studie ist rein beobachtend angelegt – das heißt: Sie kann Zusammenhänge aufzeigen, aber keinen kausalen Beweis liefern. Wer regelmäßig Musik hört, singt oder ein Instrument spielt, hat möglicherweise ein geringeres Risiko – aber das bedeutet nicht, dass Musik Demenz sicher verhindert.
Hinzu kommt: Die Häufigkeit von Musikhören und Musizieren basierte auf Selbstauskünften, was Erinnerungsverzerrungen oder Ungenauigkeiten mit sich bringen kann. Es fehlen außerdem Angaben zur Art der Musik, zur Dauer und zur Intensität der Beschäftigung mit Musik – all das könnte die Wirkung beeinflussen. Die Teilnehmenden waren im Durchschnitt gesünder und gebildeter als die Allgemeinbevölkerung, was die Übertragbarkeit einschränkt. Und schließlich lässt sich auch eine sogenannte Rückwärtskausalität nicht ausschließen – etwa, dass Menschen mit besserer geistiger Gesundheit ohnehin häufiger Musik in ihren Alltag integrieren.