15. September 2026, 20:12 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Unsere Stimme verändert sich im Laufe des Lebens. Das liegt unter anderem daran, dass Kehlkopf, Atemwege und Muskulatur altern. Doch möglicherweise steckt in der Stimme noch mehr Information, als wir bewusst wahrnehmen können. Ein Forschungsteam des Weizmann Institute of Science hat untersucht, ob sich aus einer kurzen Sprachaufnahme Rückschlüsse auf Alterungsprozesse im Körper ziehen lassen. Dafür analysierten die Forscher die Stimmen von fast 7000 Erwachsenen mithilfe künstlicher Intelligenz.
Was die Stimme über das Altern verrät
Das KI-Modell in der Studie konnte das tatsächliche Alter der Teilnehmer allein anhand einer 30-sekündigen Sprachaufnahme erstaunlich gut einschätzen. Bei Frauen lag die Schätzung im Durchschnitt etwa vier Jahre neben dem tatsächlichen Alter, bei Männern waren es rund 4,4 Jahre.
Entscheidend war für die Forscher aber nicht nur, wie gut sich das Lebensalter aus der Stimme ablesen lässt. Sie fanden auch Hinweise darauf, dass die Stimme Unterschiede im körperlichen Altern widerspiegeln könnte: Menschen, deren Stimme für ihr tatsächliches Alter ungewöhnlich alt klang, unterschieden sich in mehreren Gesundheitsmerkmalen von Gleichaltrigen. Damit könnte die Stimme grundsätzlich als leicht zugänglicher Hinweis auf Alterungsprozesse interessant sein. Publiziert wurden die Ergebnisse im Fachmagazin „Npj Aging“.1
Wie die Studie durchgeführt wurde
Menschen gleichen Alters können körperlich sehr unterschiedlich altern. Forscher suchen deshalb nach sogenannten Biomarkern, mit denen sich solche Unterschiede erfassen lassen. Viele bisher entwickelte Verfahren benötigen allerdings Blutproben, aufwendige Laboranalysen oder medizinische Bildgebung.
Die Wissenschaftler des Weizmann Institute of Science wollten wissen, ob auch eine einfache Sprachaufnahme Informationen über das Altern liefern kann. Ihre Vermutung: Altersbedingte Veränderungen von Kehlkopf, Atemsystem, Muskulatur und deren Steuerung könnten Spuren in der Stimme hinterlassen.
Für die Studie werteten sie Daten von 6979 hebräischsprachigen Frauen und Männern zwischen 40 und 70 Jahren aus. Alle Teilnehmer zählten in einer standardisierten Umgebung 30 Sekunden lang laut von eins bis 30. Ein KI-Sprachmodell analysierte die Aufnahmen und ermittelte daraus das sogenannte „Voice Age“, also das anhand der Stimme geschätzte Alter. Dabei übertraf das KI-Modell herkömmliche akustische Messverfahren wie Tonhöhe oder Stimmzittern deutlich. Anschließend verglichen die Forscher dieses mit dem tatsächlichen Alter und zahlreichen Gesundheitsdaten der Teilnehmer.
Stimmalter und Gesundheit hängen zusammen
Um genauer zu untersuchen, was eine ungewöhnlich alt klingende Stimme bedeuten könnte, berechneten die Forscher die sogenannte „Voice Age Acceleration“. Sie gibt vereinfacht gesagt an, ob die Stimme einer Person älter oder jünger wirkt, als es für ihr tatsächliches Alter zu erwarten wäre.
Dabei zeigten sich vor allem Zusammenhänge mit der Körperzusammensetzung. Eine für das jeweilige Alter ältere Stimme ging bei Frauen und Männern unter anderem mit einem größeren Taillenumfang, einem höheren Body-Mass-Index sowie mehr Körperfett und mehr Fettgewebe im Bauchraum einher.
Auch bei verschiedenen Schlafwerten fanden die Wissenschaftler Zusammenhänge. Dazu gehörten Hinweise auf häufigere Atemaussetzer bzw. flache Atmung sowie eine ungünstigere Sauerstoffversorgung während des Schlafs. Nicht alle dieser Zusammenhänge waren allerdings bei Frauen und Männern gleichermaßen statistisch eindeutig. Manche Gesundheitssignale zeigten sich zudem geschlechtsspezifisch: Bei Frauen ging eine älter klingende Stimme auch mit geringerer Muskelkraft (Handgreifkraft) und höherem Blutdruck einher, während bei Männern vor allem bestimmte Leberwerte auffällig waren.
Zusätzlich verglichen die Forscher die Sprachanalyse mit acht anderen Methoden zur Altersschätzung. Dabei schnitt die Stimme überraschend gut ab: Nur ein Verfahren, das auf aufwendigen Stoffwechselanalysen basiert, konnte das chronologische Alter besser vorhersagen. Besonders wertvoll ist die Stimme jedoch als Ergänzung: Wenn die Forscher die Sprachanalyse mit anderen Untersuchungen kombinierten – etwa Stoffwechsel- oder Schlafanalysen –, stieg die Vorhersagekraft in fast allen Fällen noch einmal deutlich an.
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Einordnung der Studie
Eine Stärke der Studie ist die große Zahl der untersuchten Personen. Zudem konnten die Forscher die Sprachdaten mit umfangreichen medizinischen und biologischen Daten vergleichen.
Allerdings hat die Untersuchung einige Einschränkungen. Da die Teilnehmer nur zu einem bestimmten Zeitpunkt und nicht über einen längeren Zeitraum untersucht wurden, lässt sich noch nicht sagen, wie sich die Stimme im Laufe des Alterns bei einzelnen Menschen verändert. Dafür wären Studien nötig, die dieselben Personen längere Zeit begleiten.
Hinzu kommt, dass ausschließlich hebräischsprachige Menschen aus Israel untersucht wurden. Ob das Verfahren bei anderen Sprachen und Bevölkerungsgruppen ähnlich gut funktioniert, ist daher offen. Auch die Sprachaufnahmen entstanden unter einheitlichen Studienbedingungen. Noch ist unklar, ob die Ergebnisse beispielsweise mit unterschiedlichen Mikrofonen, in anderen Räumen oder bei wiederholten Aufnahmen vergleichbar wären.
Schließlich zeigen die gefundenen Zusammenhänge keine Ursache und Wirkung. Die Studie kann auch nicht beantworten, ob sich anhand der Stimme zukünftige Erkrankungen oder der weitere Alterungsverlauf eines einzelnen Menschen vorhersagen lassen. Auch dafür sind Langzeitstudien notwendig.
Nach Angaben der Autoren hatten die Förderer keinen Einfluss auf die Studie. Als potenziellen Interessenkonflikt meldete ein Autor eine bezahlte Beratungstätigkeit.
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Was frühere Studien zeigen
Eine weitere Untersuchung aus dem Jahr 2020 analysierte 20-sekündige Sprachaufnahmen von mehr als 2000 Menschen mit Herzschwäche, die im Schnitt Ende 70 waren.2 Diese Patienten wurden über knapp zwei Jahre beobachtet. Das Ergebnis: Je auffälliger der Stimmwert war, desto häufiger starben die Betroffenen in diesem Zeitraum. In der Gruppe mit den höchsten Werten war es gut jeder Zweite, in der mit den niedrigsten knapp jeder Vierte. Allerdings arbeiteten mehrere Autoren für das Unternehmen, das die Analysetechnik entwickelt hat.
Wie belastbar solche Ansätze insgesamt sind, hat eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2026 untersucht. Sie wertete 96 Studien zu Sprach-Biomarkern bei verschiedenen Erkrankungen aus.3 Die Methode gilt als vielversprechend, doch die meisten Studien waren klein, und viele erfassten die Teilnehmer nur zu einem einzigen Zeitpunkt. Zudem hing die Genauigkeit stark davon ab, mit welchem Gerät, in welcher Umgebung und in welcher Sprache aufgenommen wurde. Bevor die Stimme im medizinischen Alltag eingesetzt werden kann, sind nach Ansicht der Autoren große Langzeitstudien nötig.