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Neue Studie

Längere Stilldauer bietet womöglich ADHS-Schutz – das sagt ein Kinderarzt

Stillen und weniger ADHS-Symptome – Studie findet Zusammenhang
Den in der Studie gemessenen Effekt hält ein Kinderarzt für „überschaubar“ Foto: Galina Zhigalova
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Anna Echtermeyer
Redakteurin

1. Juli 2026, 13:46 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Laut einer Langzeitstudie aus Norwegen kann Stillen bis zu einem Alter von sechs Monaten das Risiko für ADHS-Symptome im Alter von drei bis acht Jahren senken. Und zwar auch dann, wenn familiäre Einflüsse ausgeschlossen werden. In der Praxis ist der Effekt überschaubar. Ein Kinderarzt warnt bei FITBOOK vor gesellschaftlichem Druck auf Mütter: Dieser könne zu weiteren Erkrankungen führen.

Studie: Ausschließliches Stillen über 6 Monate reduzierte Risiko für ADHS-Symptome

Die Forscher der Universität Bergen und des Haukeland University Hospital haben Daten von über 37.000 Kindern der norwegischen Mutter-Vater-Kind-Kohortenstudie (MoBa) analysiert. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass ausschließliches Stillen über sechs Monate die Wahrscheinlichkeit für ausgeprägte ADHS-Symptome in der späteren Kindheit verringern kann. Tatsächlich auch unabhängig von einer genetischen Vorbelastung der Familie.1

Das Thema ADHS sowie die Entscheidung für oder gegen das Stillen gehören zu den persönlichsten und oft emotional am stärksten aufgeladenen Bereichen der kindlichen Entwicklung. Für Eltern ist die Frage nach beeinflussbaren Schutzfaktoren von zentraler Bedeutung, da die genetische Veranlagung für ADHS, die Experten auf 70 bis 80 Prozent schätzen, nicht veränderbar ist.2 Eine aktuelle Untersuchung liefert neue Daten zu einem potenziellen Zusammenhang zwischen Stillen und ADHS.

Auch interessant: ADHS bei Kindern – so erkennen Sie die Symptome rechtzeitig

So gingen die Forscher vor

Berit Skretting Solberg und Jan Haavik von der Universität Bergen werteten Informationen von bis zu 37.643 Kindern aus, die zwischen 1999 und 2009 geboren wurden. Mütter, deren Kinder sechs Monate alt waren (danach beginnen in Norwegen fast alle Eltern mit Beikost), gaben an, wie lange sie ihr Kind voll (ausschließlich Muttermilch) oder teilweise gestillt hatten. Als die Kinder drei, fünf und acht Jahre alt waren, erfragten die Forscher bei deren Eltern mögliche ADHS-Symptome der Kinder, darunter Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Impulsivität. Man verließ sich also nicht auf ärztliche Diagnosen.

Ein besonderes Merkmal der Studie ist die Berücksichtigung der Genetik, da ADHS zu einem sehr hohen Anteil erblich ist. Mithilfe des sogenannten polygenen Risiko-Scores (PRS) konnten die Forscher das genetische Risiko für das Kind sowie für beide Elternteile berechnen. So konnten sie sicherstellen, dass der gefundene Effekt des Stillens nicht auf einer vererbten genetischen Veranlagung beruht.

Weiterhin berücksichtigten die Forscher auch andere Faktoren, die das Ergebnis verfälschen könnten. Dazu zählten etwa das Geschlecht des Kindes, das Bildungsniveau der Mutter, das Alter der Eltern bei der Geburt, das Geburtsgewicht, die Schwangerschaftsdauer sowie die Anzahl der vorangegangenen Geburten und in welchem Zeitraum diese stattfanden.

Zentrale Studienergebnisse – der Schutzeffekt des Stillens baut sich über die Zeit auf

Die Hauptanalyse ergab, dass jeder zusätzliche Monat vollen Stillens mit einer geringeren Ausprägung von ADHS-Symptomen im Alter von drei, fünf und acht Jahren assoziiert war.

Die Forscher nutzten eine Skala von 1 bis 12 Punkten für die ADHS-Symptome. Ein einzelner Monat Stillen brachte auf dieser Skala nur eine minimale Veränderung (im Schnitt waren es 0,07 Punkte). Bei Kindern, die volle sechs Monate gestillt wurden, reduziert sich die ADHS-Symptomlast um etwa 0,42 Punkte. Im Vergleich zur Gruppe, die gar nicht oder nur sehr kurz gestillt wurde, ist dieser Unterschied deutlicher: Kinder mit sehr kurzer Stilldauer hatten Scores, die um 0,33 bis 0,55 Punkte höher lagen als bei Kindern, die sechs Monate oder länger voll gestillt wurden.

Weitere Ergebnisse: Mädchen wiesen im Alter von drei, fünf und acht Jahren konsequent niedrigere ADHS-Symptomwerte auf als Jungen. Der Effekt der frühen Ernährung blieb über die gesamte Kindheit hinweg messbar. Bezogen die Forscher den Bildungsstand in ihre Berechnungen ein, korrelierte ein höheres Bildungsniveau sowohl mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für langes Stillen als auch mit einem geringeren Risiko für ADHS beim Kind.

Geschwister-Analyse spricht für Kausalität

Die Autoren stellen klar, dass die gefundenen Effekte im Alltag eines einzelnen Kindes kaum spürbar sind.

Was aber besonders spannend ist: Die Ergebnisse galten auch für Geschwister, deren Mütter sie unterschiedlich lange vollgestillt hatten. Das legt nahe, dass es das Stillen selbst ist, das den schützenden Effekt ausübt (kausaler Zusammenhang). Er beruht also nicht bloß auf den Lebensumständen einer Familie oder bspw. darauf, dass etwa Mütter, die länger stillen, sich auch in anderen Bereichen anders verhalten. Verglichen wurden 5.285 Geschwisterpaare.

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Einschränkung

Trotz der riesigen Datenmenge gibt es eine Einschränkung. An der Langzeitstudie nahmen überproportional viele ältere und gut ausgebildete Eltern teil. Ob die Ergebnisse eins zu eins auf Familien mit sehr jungem Elternalter oder schwierigeren sozialen Bedingungen übertragbar sind, bleibt daher eine offene Forschungsfrage.

Was steckt hinter dem Schutzeffekt?

Die Forscher diskutieren mehrere biologische Mechanismen, durch die Muttermilch die Gehirnentwicklung beeinflussen und somit potenziell vor ADHS-Symptomen schützen könnte. Sie betrachten Muttermilch nicht nur als Nahrung, sondern als ein komplexes System biologisch aktiver Komponenten. So enthält sie bspw. essenzielle Bausteine für die Neuroentwicklung, darunter langkettige Fettsäuren, Aminosäuren sowie Pre- und Probiotika. Diese Komponenten beeinflussen die Reifung des Gehirns weit über die Säuglingsphase hinaus.

Die Forscher heben hervor, dass Muttermilch für Säuglinge die einzige Quelle für die Aminosäure Tryptophan ist. Auch sie beeinflusst die neurologische Entwicklung. Weiterhin geht es um bestimmte Zuckermoleküle in der Muttermilch, wie das Oligosaccharid Sialyllactose (6’SL), Antikörper (insbesondere IgA), Leukozyten und Stammzellen.

Neben der rein chemischen Zusammensetzung führen die Forscher den Haut-zu-Haut-Kontakt beim Stillen an. Dieser fördert die Bindungssicherheit des Kindes, was wiederum helfen kann, externalisierende Symptome (wie Hyperaktivität) zu reduzieren.

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Kinderarzt ordnet Ergebnisse ein

Der Kinderarzt Jakob Maske schätzt die Studie als interessant ein – letztlich bringe sie aber keine neue Erkenntnis. „Natürlich hat Stillen auch einen Einfluss auf die psychische Gesundheit und damit auch auf die Erkrankung ADHS“, sagte Maske zu FITBOOK. Den in der Studie gemessenen Effekt hält er für „überschaubar“. Maske, Mitglied des Bundesvorstandes im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, warnt davor, aus den vorliegenden Daten einen moralischen Imperativ abzuleiten. Den Druck, den Frauen, die nicht stillen können oder wollen, dadurch erfahren könnten, hält er für die Gesundheit der Mütter und Kinder für „noch krank machender“. Ziel sei es immer, die körperliche und seelische Gesundheit von Mutter und Kind gemeinsam zu betrachten.

„Ziel ist immer, die körperliche und seelische Gesundheit von Mutter und Kind gemeinsam einzuschätzen“

Stillen ist weiterhin ein wichtiger Aspekt der Kindergesundheit, der sicher nicht nur die reine Ernährung einschließt, sondern auch die körperliche Verbundenheit und Geborgenheit und die enge Mutter-Kind-Bindung. Natürlich versuchen wir dies bei Familien, in denen nicht gestillt werden kann, durch die bestmögliche Ersatznahrung und zusätzlich körperliche Nähe zu kompensieren. Als Ersatznahrung reicht allerdings eine Pre-Milch aus. Diese ist der Muttermilch stark angepasst. Weitere Zusatzstoffe braucht es nicht. Auch Teilstillen unterstützen wir natürlich gerne. Ziel ist aber immer, die körperliche und seelische Gesundheit von Mutter und Kind gemeinsam zu betrachten. Hier von außen einen Druck aufzubauen, schadet der Mutter-Kind-Bindung und kann zu weiteren Erkrankungen führen.

Dr. med. Jakob Maske, Kinder- und Jugendarzt

Fazit

Die Studie liefert Hinweise darauf, dass eine längere Dauer des vollen Stillens die Ausprägung von ADHS-Symptomen über die gesamte Kindheit hinweg leicht senken kann. Aber: Ein Kind wird weder allein durch Stillen „geheilt“ noch bekommt es zwangsläufig ADHS, wenn es nicht gestillt wurde. Die Autoren rechnen vor: Statistisch gesehen müssen etwa 44 Kinder volle sechs Monate gestillt werden, um zu verhindern, dass ein weiteres Kind über die kritische Schwelle zur klinischen ADHS-Diagnose rutscht.

Da man die genetische Veranlagung für ADHS auf 70 bis 80 Prozent schätzt, ist die Ernährung im Säuglingsalter nur einer von vielen Einflussfaktoren in einem hochkomplexen Geschehen. Stillen sollte aber kein Dogma sein, sondern ein wertvoller Baustein einer ganzheitlichen Gesundheitsförderung.

Quellen

  1. Skretting Solberg B., Brantsaeter A. L., Grimstvedt Kvalnik L. et al. (2026): Breastfeeding and Development of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Symptoms Across Childhood. Biological Psychiatry. ↩︎
  2. Deutsches Ärzteblatt: Kinder und Jugendliche: ADHS hat genetische Variante (2019, aufgerufen am 01.07.2026) ↩︎

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