17. Juni 2026, 13:44 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Parodontitis ist eine bakteriell ausgelöste chronische Entzündung des Zahnhalteapparats. Die Erkrankung kann irreversible Schäden an Zahnfleisch, Bindegewebe und Kieferknochen verursachen. Überdies können die von ihr ausgelösten Entzündungsreaktionen auch das Risiko für verschiedene Allgemeinerkrankungen erhöhen. Für die Behandlung einer Parodontitis sind unter anderem eine konsequente Mundhygiene und die professionelle Entfernung bakterieller Beläge (Plaque) entscheidend. Und einer neuen Studie zufolge könnte auch Scheinfasten einen günstigen Effekt haben – indem es die Entzündungsaktivität bei Parodontitis senkt.
Eigentlich „nur“ eine lokale Entzündung des Zahnhalteapparats, wird Parodontitis in der Medizin inzwischen klar mit mehreren systemischen Erkrankungen außerhalb des Mundraums in Verbindung gebracht. Wie Untersuchungen gezeigt haben, können die Bakterien und Entzündungsstoffe aus dem Zahnfleisch in die Blutbahn gelangen und auf diesem Wege die Gefäße schädigen bzw. chronische Entzündungsprozesse verstärken.1
Eine aktuelle Pilotstudie untersuchte nun, ob eine „fasting-mimicking diet“ („fastenähnliche Diät“, auf Deutsch meist Scheinfasten genannt) die Entzündungsreaktion nach einer professionellen Parodontitisbehandlung beeinflussen kann.2
Warum Scheinfasten bei Parodontitis?
Scheinfasten ist eine speziell entwickelte, kalorienreduzierte Ernährungsform, die bestimmte Stoffwechselreaktionen des klassischen Fastens nachahmen soll. Insbesondere entzündungshemmende Mechanismen stehen im Fokus. Scheinfasten soll dabei den Vorteil bringen, dass nicht vollständig auf Nahrung verzichtet werden muss. Das macht es verglichen mit klassischem Fasten leichter, die Diät konsequent durchzuhalten.
Die Studie hatte das Ziel, zu prüfen, ob drei fünftägige Scheinfasten-Zyklen als Ergänzung zu einer nichtchirurgischen Parodontitisbehandlung, also einer professionellen Parodontitisbehandlung ohne chirurgischen Eingriff, sowohl die lokalen Entzündungsreaktionen im Mundraum als auch solche auf systemischer Ebene verändern. Im Mittelpunkt stand dabei der Entzündungsmarker hochsensitives C-reaktives Protein (hs-CRP), mit dem sich selbst geringe Entzündungen im Körper besonders zuverlässig nachweisen lassen.
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Details zur Untersuchung
Die Pilotstudie wurde zwischen Dezember 2023 und November 2024 an fünf Universitäten in Spanien durchgeführt. Es handelte sich um eine Machbarkeitsstudie. Das bedeutet, dass vorab getestet wurde, ob sich das geplante Vorgehen im Alltag umsetzen lässt. Die insgesamt 28 Probanden wurden nach dem Zufallsprinzip in Gruppen eingeteilt. In der Testgruppe erhielten die Studienteilnehmer eine nichtchirurgische Parodontitisbehandlung und sollten parallel dazu drei Scheinfasten-Zyklen mit einer Dauer von jeweils fünf Tagen einhalten: einmal mit Startpunkt am Behandlungstag sowie 45 und 85 Tage später. Die Kontrollgruppe erhielt dieselbe Parodontitisbehandlung; an ihrer Ernährung sollten die Probanden nichts ändern.
Die Nachbeobachtungszeit betrug rund sechs Monate. An festgelegten Terminen ermittelten die Forscher klinische Parameter der Parodontitis. Dazu zählten bestimmte Blutwerte und Entzündungsmarker in der Flüssigkeit aus den Zahnfleischspalten (gingivale Sulkusflüssigkeit). Außerdem erfassten sie die von den Patienten selbst eingeschätzte Lebensqualität in Bezug auf die eigene Mundgesundheit. Diese Untersuchungen erfolgten einmal zu Beginn des Studienzeitraums und erneut einen Tag danach, eine Woche später sowie nach 45, 90 und 180 Tagen.
Ergebnisse
Bis auf einen einzigen Teilnehmer schlossen alle Probanden die Untersuchung ab. In der Scheinfasten-Gruppe erklärte jeder, die drei geplanten Scheinfasten-Zyklen vollständig durchgeführt zu haben. Berichte über schwerwiegende Nebenwirkungen gab es dabei nicht.
Die Forscher stellten fest, dass die nichtchirurgische Parodontitisbehandlung in beiden Untersuchungsgruppen zu deutlichen klinischen Verbesserungen geführt hatte. So verbesserten sich die Plaque-Werte, das Ausmaß der Blutungen beim Sondieren und die Tiefe von Zahnfleischtaschen. Auch der sogenannte klinische Attachmentverlust – dieser bemisst das Maß der Zerstörung am Zahnhalteapparat – verbesserte sich nach drei und auch nach sechs Monaten signifikant gegenüber dem Ausgangswert. Bei diesen Parametern zeigten sich keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen beiden Gruppen. Scheinfasten brachte hier also keinen Mehrwert, wirkte sich aber auch nicht negativ aus.
Bei den systemischen Entzündungswerten zeigte sich ein anderes Bild. Hier war in beiden Gruppen der hs-CRP-Wert unmittelbar nach der Behandlung zunächst angestiegen. Dieses Bild entspricht der erwarteten akuten Entzündungsreaktion, schreiben die Studienautoren. Anschließend sanken die Werte wieder.
Scheinfasten senkt Parodontitis-Entzündungswerte
In der Scheinfasten-Gruppe gingen die Entzündungswerte im Blut im Verlauf der Studie deutlich zurück. Dagegen blieben sie in der Kontrollgruppe weitgehend unverändert. Scheinfasten könnte demnach zu einer Verringerung systemischer Entzündungen beitragen. Hierauf deuteten die statistischen Analysen der Forscher hin. Auch darüber hinaus veränderten sich verschiedene Entzündungsmarker im Zahnfleisch der Probanden. Scheinfasten schien besonders auf systemische Blutmarker zu wirken. Diese hängen mit Entzündungsprozessen im Gewebe zusammen und deuten generell auf Entzündungen im Körper hin – auch auf solche außerhalb des Mundraums.
Die Ergebnisse legen also nahe, dass Scheinfasten die Entzündungsreaktion nach einer nichtchirurgischen Parodontitisbehandlung günstig beeinflussen kann – und zwar nicht nur lokale Entzündungsprozesse im Zahnfleisch, sondern auch Entzündungsprozesse in anderen Körperregionen.
Als potenziell besonders relevant betrachten die Autoren die Entwicklung des hs-CRP – ein etablierter Marker für systemische Entzündungen, der in vielen medizinischen Bereichen herangezogen wird. Die deutlich niedrigeren Werte in der Scheinfasten-Gruppe zu den späteren Messzeitpunkten könnten laut den Forschern darauf hindeuten, dass wiederholte Scheinfasten-Zyklen sich entzündungshemmend auswirken.
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Mögliche Bedeutung der Ergebnisse
Die Studie liefert Hinweise darauf, dass Scheinfasten möglicherweise entzündungsbezogene Prozesse beeinflusst. Ob daraus langfristig ein konkreter Nutzen für die Parodontitisbehandlung entsteht, bleibt noch offen. Wichtig für die Interpretation der Ergebnisse ist nämlich, dass die gemessenen biologischen Veränderungen keine besseren klinischen Ergebnisse bedeuteten. Die Zahnfleischgesundheit (weniger Entzündungen) wurde zwar in beiden Gruppen erhöht. Doch die Forscher mahnen, dass das zusätzliche Scheinfasten nicht zu messbaren Vorteilen bei Taschentiefen, Blutungen oder anderen klinischen Parametern führte. Die praktische Bedeutung der Erkenntnisse muss zusammenfassend durch größere Studien geklärt werden.
Einschränkungen
Mit nur 28 Teilnehmern war die als Machbarkeits- und Pilotstudie konzipierte Studie nicht groß genug, um belastbare Aussagen über die klinische Wirksamkeit des Scheinfastens bei Parodontitis zu treffen. Auch ist einschränkend zu bemerken, dass zahlreiche Biomarker und Zeitpunkte analysiert wurden, wodurch die Gefahr statistischer Zufallsbefunde wächst. Die Autoren betonen deshalb mehrfach, dass ihre Arbeit keine Aussagen über eine klinische Wirksamkeit von Scheinfasten treffen kann.
Hinzukommt, dass nicht zuverlässig überprüft werden kann, ob die Probanden – wie sie behaupten – ihre Diät konsequent durchgeführt haben. Es wurden keine objektiven Stoffwechselmarker (z. B. Ketonkörper oder Veränderungen des Glukose-Insulin-Stoffwechsels) gemessen.
Zuletzt waren die Gruppen hinsichtlich der Geschlechterverteilung nicht gleich groß: Von den Frauen waren auffällig mehr in der Kontroll- als in der Interventionsgruppe vertreten. Außerdem führten Prüfer unterschiedlicher medizinischer Einrichtungen die Untersuchungen durch, was die Möglichkeit von Ungenauigkeiten bei der Auswertung eröffnet. Abschließend erklären die Forscher, dass auch der Nachbeobachtungszeitraum zu kurz gewesen sein könnte.
Wenn weitere Studien die Ergebnisse bestätigen sollten, wäre weiterhin wichtig, zu erforschen, ob unterschiedliche, im Rahmen von Scheinfasten, konsumierte Lebensmittel und Getränke den offenbar entzündungshemmenden Effekt verstärken oder behindern. Bevor die fastenähnliche Diät ein offizieller Bestandteil einer Parodontitis-Behandlung wird, sind also noch einige Fragen zu klären.