26. November 2025, 12:53 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Kaum jemand verbindet die Po-Form mit ernsthaften Gesundheitsrisiken. Neue Forschung zeigt: Sie könnte ein früher Hinweis auf Stoffwechselprobleme sein. Wissenschaftler fanden mithilfe von 3D-Modellen von über 60.000 Pos heraus: Die Form des Gluteus maximus von Männern und Frauen mit Diabetes mellitus entwickelt sich völlig unterschiedlich. Wird der Po jetzt zum Typ-2-Frühindikator?
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Po-Form statt Größe ist potenzieller Diabetes- und Metabolik-Frühindikator
Veränderungen in der Form des Pos – nicht dessen Größe – könnten laut neuen Daten „frühe strukturelle Marker eines Stoffwechselabbaus“ sein, wie Studienautorin Marjola Thanaj gegenüber dem US-Nachrichtenmagazin „Newsweek“ erläutert.1 Sie fand heraus: Bei Frauen mit Typ-2-Diabetes ist der größte und kräftigste Gesäßmuskel – der Gluteus maximus – vergrößert. Männer weisen dort hingegen eher einen Muskelschwund auf. Der Gluteus maximus ist einer von drei Gesäßmuskeln und maßgeblich für die Form des Pos verantwortlich.
Thanaj, die an der University of Westminster über die medizinische Bildanalyse alters- und krankheitsbedingten Veränderungen in der Körperzusammensetzung erforscht, analysierte mit ihrem Team 61.290 MRT-Scans von Gesäßmuskeln aus der UK-Biobank, einer enorm großen Sammlung von biologischen, gesundheitlichen und lebensstilbezogenen Daten Freiwilliger. Aus jedem MRT erzeugten die Forscher ein hochauflösendes, dreidimensionales anatomisches Modell des Pos, das kleinste Formabweichungen des Gluteus maximus sichtbar macht. Klassische Muskelvolumen- oder Fettanteilmessungen, auf denen bisherige Studien basieren, können das nicht.
Die Forscher analysierten dabei geschlechtsspezifisch, ob es Unterschiede in der Gluteus-maximus-Struktur bei Männern und Frauen mit Typ-2-Diabetes oder Gebrechlichkeit gibt.
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Kleine Dellen am großen Po-Muskel bei Männern mit Diabetes
Die Ergebnisse beleuchten spezifische Muskelveränderungen bei Diabetes, die laut der Hauptautorin der Studie bisher nicht nachgewiesen wurden. Ganz besonders genau schauten sich die Forscher Stellen auf den 3D-Bildern an, in denen der Muskel nach innen eingesunken war oder sich nach außen wölbte. Thanaj und Team stellten fest, dass bei an Diabetes-Typ-2 erkrankten Männern im Po-Muskel kleine Dellen oder Einziehungen zu sehen waren. Das bedeutet: Der Gluteus maximus baut sich an bestimmten Stellen früh ab, er wird dünner und schwächer (Atrophie).
Auswölbungen am Po-Muskel bei Frauen mit Diabetes
Frauen mit Diabetes mellitus ließen auf den 3D-Bildern hingegen eher Beulen oder Auswölbungen am Po-Muskel erkennen. In diesen Bereichen lagert sich Fett im Muskel oder zwischen den Fasern ein. Dadurch wirkt der Muskel an manchen Stellen größer, aber nicht stärker.
Kurz: Bei Frauen lagert sich unter Diabetes eher Fett im Po-Muskel an – bei Männern verliert dieser Muskel in klar abgegrenzten Bereichen an Masse. Natürlich können auch Training und Bewegung zu stärker ausgeprägten Po-Muskeln führen, und belegt ist auch, dass das Alter ein Faktor für Muskelabbau ist.2 Solche Faktoren sowie weitere – Krankengeschichte, Krankheitsbiomarker, Lebensstil – wurden bei der Untersuchung natürlich berücksichtigt.
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Po-Muskel-Form bei „gebrechlichen“ Frauen und Männern
Bei Männern, die als „gebrechlich“ galten, war eine allgemeine Muskelverkleinerung im Gluteus maximus sichtbar. Bei Frauen war die Veränderung auf kleinere Bereiche beschränkt. Auch hier zeigt sich also wieder ein deutlicher Unterschied zwischen Männern und Frauen. Mehr Details der Analyse werden nächste Woche in Chicago vorgestellt, dort findet vom 30. November bis 4. Dezember 2025 der Jahreskongress der Radiological Society of North America statt.3
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Wissen um Po-Form könnte helfen, Personen mit Stoffwechselstörungen früher herauszufischen
„Unsere Arbeit legt nahe, dass Veränderungen in der Form des Musculus gluteus maximus als früher struktureller Marker für einen metabolischen Abbau dienen können. Merkmale wie fokale Ausdünnung oder Ausbuchtung – oft im Zusammenhang mit Fettablagerungen – scheinen frühe strukturelle Veränderungen im Muskel widerzuspiegeln“, sagte Studienautorin Marjola Thanaj zu „Newsweek“. Mit fokaler Ausdünnung oder Ausbuchtung bezeichnet man eine Ausdünnung oder Abnahme der Dicke eines Gewebes in einem begrenzten, spezifischen Bereich.
Aus ihrer Sicht sei nun zwar mehr Forschung erforderlich – doch deuten die Ergebnisse darauf hin, dass „die dreidimensionale Muskelform potenziell dazu beitragen könnte, Personen zu identifizieren, die erste Anzeichen einer Stoffwechselstörung zeigen“. Thanaj erklärte, klinisch eröffne dies die Möglichkeit, den Muskelumbau im Zeitverlauf zu beobachten. Dadurch könnten Therapeuten nachvollziehen, ob eine Intervention die strukturelle Gesundheit des Muskels verbessert und nicht nur dessen Größe oder Gesamtfettgehalt.
Insbesondere Menschen mit Diabetes leiden laut Thanaj häufig unter muskuloskelettalen Problemen, die ihre Bewegungsfähigkeit einschränken und ihre bestehenden Gesundheitsprobleme verschlimmern. „Unsere Ergebnisse beleuchten spezifische Muskelveränderungen bei Diabetes, die bisher nicht nachgewiesen wurden. Sie helfen uns, muskuloskelettale Probleme bei Diabetes besser zu verstehen und möglicherweise physiotherapeutische Behandlungsprogramme zu optimieren“, wird die Expertin für Bioengineering weiter zitiert.
Beobachtungsstudie – keine Kausalität
Wichtig: Wir haben es mit einer Beobachtungsstudie zu tun, die Zusammenhänge feststellt – aber keine Kausalität beweist. Ob die Muskelveränderungen tatsächlich die Ursache für spätere gesundheitliche Probleme sind – oder eher eine Folge – muss in weiteren Studien geklärt werden. Die Daten stammen ausschließlich aus der UK Biobank, deren Teilnehmende bestimmte demografische Eigenschaften aufweisen (z. B. tendenziell gesünder als der Bevölkerungsdurchschnitt). Die Übertragbarkeit auf andere Bevölkerungsgruppen ist daher eingeschränkt.
Fazit
Die Form der Gesäßmuskulatur könnte ein neuer Frühmarker für metabolische Risiken sein. 3D-Modelle machen sichtbar, wie verschieden Männer und Frauen auf dieselbe Krankheit reagieren. Dabei handelt es sich um einen durchaus großen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn.