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Pitt-Hopkins-Syndrom

Diese Krankheit bremst Entwicklung und Sprache

Ursache des Pitt-Hopkins-Syndroms ist eine genetische Veränderung auf Chromosom 18.
Ursache des Pitt-Hopkins-Syndroms ist eine genetische Veränderung auf Chromosom 18. Foto: Getty Images
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27. Februar 2026, 17:10 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Das Pitt-Hopkins-Syndrom ist eine sehr seltene genetische Erkrankung. Weltweit sind schätzungsweise zwischen 500 und 1500 Fälle beschrieben. Da die genetische Ursache erst seit 2007 eindeutig nachweisbar ist, dürfte die tatsächliche Zahl höher liegen. Kinder mit Pitt-Hopkins-Syndrom zeigen eine schwere geistige Beeinträchtigung und charakteristische Gesichtszüge.

Was ist das Pitt-Hopkins-Syndrom?

Wenn ein Kind sich anders entwickelt als Gleichaltrige, ist das für Eltern zunächst oft schwer greifbar. Es sind kleine Abweichungen: das Ausbleiben erster Wörter, eine verzögerte motorische Entwicklung, ungewöhnliche Atemphasen. Erst nach und nach ergibt sich ein Bild.

Das Pitt-Hopkins-Syndrom, kurz PTHS, ist eine angeborene genetische Entwicklungsstörung. „Angeboren“ bedeutet, dass die Ursache bereits bei der Entstehung des Kindes vorliegt. „Genetisch“ heißt, dass eine Veränderung im Erbgut verantwortlich ist. Diese Veränderung beeinflusst hauptsächlich die Entwicklung des Gehirns.

Erstmals beschrieben wurde das Krankheitsbild 1978 von den australischen Kinderärzten David Pitt und Ian Hopkins. Die genetische Ursache blieb jedoch lange unbekannt. Erst 2007 gelang es zwei unabhängigen Forschungsgruppen, Veränderungen im sogenannten TCF4-Gen als Auslöser zu identifizieren. Seitdem kann die Diagnose durch eine molekulargenetische Untersuchung gesichert werden.

Die Prävalenz des Pitt-Hopkins-Syndroms wird auf etwa 1:225.000 bis 1:300.000 geschätzt. Weltweit sind bislang weniger als 500 Fälle medizinisch bestätigt. Fachleute gehen jedoch davon aus, dass die Erkrankung unterdiagnostiziert ist. Für Deutschland existieren keine vollständigen Registerdaten. Das Syndrom zählt hierzulande zu den sehr seltenen genetischen Erkrankungen.1

Auch interessant: Rett-Syndrom – wenn Eltern ihr Kind plötzlich nicht wiedererkennen

Welche Symptome zeigt das Pitt-Hopkins-Syndrom?

Das Erscheinungsbild des Pitt-Hopkins-Syndroms ist sehr unterschiedlich. Nicht jedes Kind zeigt alle beschriebenen Merkmale, und der Schweregrad kann variieren. Dennoch gibt es typische Kennzeichen.

Zentral ist eine ausgeprägte Entwicklungsverzögerung. Viele Kinder erreichen motorische Meilensteine deutlich später als Gleichaltrige. Das Sitzen, Krabbeln oder Laufen verzögert sich, häufig lernen betroffene Kinder erst im dritten oder vierten Lebensjahr, frei zu gehen.

Besonders charakteristisch für das Pitt-Hopkins-Syndrom ist die stark eingeschränkte oder fehlende Sprachentwicklung. Die meisten Betroffenen entwickeln keine aktive Lautsprache. Oft ist das Sprachverständnis jedoch besser vorhanden, sodass sie mehr verstehen, als sie selbst ausdrücken können. Hinzu kommt eine geistige Behinderung, deren Ausprägung individuell unterschiedlich ist, jedoch meist im mittleren bis schweren Bereich liegt.2

Ursache: Veränderung im TCF4-Gen auf Chromosom 18

Das Pitt-Hopkins-Syndrom wird durch eine Veränderung im sogenannten TCF4-Gen verursacht. Dieses Gen liegt auf dem langen Arm von Chromosom 18 im Bereich 18q21. Gene sind Abschnitte unseres Erbguts und enthalten die Bauanleitung für Eiweiße, die im Körper wichtige Aufgaben übernehmen. Das TCF4-Gen ist besonders bedeutsam, weil es die Bildung eines Transkriptionsfaktors steuert. Dieser wirkt wie eine Art Schaltzentrale: Er reguliert andere Gene und spielt eine zentrale Rolle bei der Entwicklung des Nervensystems und des Gehirns.3

Liegt eine Mutation oder ein teilweiser Verlust des TCF4-Gens vor, kann das entsprechende Eiweiß nicht in ausreichender Menge gebildet werden. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von einer Haploinsuffizienz. Gemeint ist damit, dass eine einzige funktionierende Genkopie nicht ausreicht, um die normale Entwicklung des Gehirns sicherzustellen. Grundsätzlich kann eine solche genetische Veränderung vererbt werden. Ist ein Elternteil selbst betroffen, besteht statistisch ein Risiko von etwa fünfzig Prozent, die Veränderung an ein Kind weiterzugeben. In den meisten Fällen entsteht die Genveränderung jedoch neu und zufällig während der Zeugung des Kindes, also bei der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle. Die Eltern tragen die Veränderung dann nicht in ihrem Erbgut und zeigen selbst keine Symptome.

Sehr selten kommt es vor, dass ein Elternteil die genetische Veränderung nur in einem Teil der Körperzellen besitzt, ohne selbst Anzeichen der Erkrankung zu haben. In diesem Fall sprechen Mediziner von einem sogenannten Mosaik. Das bedeutet, dass nicht alle Zellen im Körper die gleiche genetische Ausstattung aufweisen.

Neurologische Auffälligkeiten

Etwa 40 Prozent der Betroffenen entwickeln im Verlauf epileptische Anfälle. Diese können unterschiedlich ausgeprägt sein und bedürfen einer neurologischen Betreuung. Im Säuglingsalter fällt häufig eine verminderte Muskelspannung auf. Später können Koordinationsstörungen hinzukommen. In bildgebenden Untersuchungen des Gehirns werden bei einigen Patienten strukturelle Auffälligkeiten beschrieben, etwa eine teilweise fehlende Verbindung zwischen den beiden Gehirnhälften oder Veränderungen der Hirnkammern.

Atemstörungen als besonderes Merkmal

Ein auffälliges und für das Pitt-Hopkins-Syndrom typisches Symptom sind besondere Atemepisoden. Mehr als die Hälfte der Betroffenen zeigt im Wachzustand Phasen sehr schneller Atmung, die mehrere Minuten anhalten können. Dieser Hyperventilation folgen häufig Atempausen. Während dieser Atempausen kann die Haut bläulich erscheinen. Die Atemveränderungen treten meist in emotionalen Situationen auf und sind Teil des Krankheitsbildes. Sie kommen in der Regel nicht im Schlaf vor.

Charakteristische äußere Merkmale

Im Verlauf der Kindheit entwickeln viele Kinder mit Pitt-Hopkins-Syndrom bestimmte Gesichtszüge. Dazu gehören eine breite Nasenwurzel, eine nach unten gebogene Nase, tief liegende Augen, ein breiter Mund mit ausgeprägter Lippenform sowie ein markanter Unterkiefer. Auch die Ohrmuscheln können breiter erscheinen.

Zusätzlich können eine Mikrozephalie, also ein im Vergleich zum Alter kleinerer Kopfumfang, ein postnataler Kleinwuchs oder chronische Verstopfung auftreten. Auch eine Skoliose oder Augenfehlstellungen wie Schielen sind beschrieben. Häufig wird eine insgesamt fröhliche Grundstimmung der Betroffenen erwähnt. Ausgeprägte aggressive Verhaltensauffälligkeiten stehen nicht im Vordergrund.4

Abgrenzung zu anderen Syndromen

Aufgrund der klinischen Ähnlichkeiten wird das Pitt-Hopkins-Syndrom zunächst häufig mit anderen genetischen Entwicklungsstörungen verwechselt. Dazu zählen insbesondere das Angelman-Syndrom, das Rett-Syndrom oder das Mowat-Wilson-Syndrom. Erst eine gezielte genetische Untersuchung des TCF4-Gens ermöglicht eine eindeutige Diagnose.

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Wie ist der Verlauf?

Das Pitt-Hopkins-Syndrom ist nicht fortschreitend. Das bedeutet: Die Erkrankung verschlechtert sich im Laufe der Zeit nicht weiter. Die bestehende Entwicklungsstörung bleibt jedoch bestehen. Zur Lebenserwartung liegen nur begrenzte Daten vor. Sie scheint primär von begleitenden gesundheitlichen Problemen abhängig zu sein. Viele Betroffene benötigen lebenslang Unterstützung im Alltag.5

Diagnose und Behandlung

Die Diagnose des Pitt-Hopkins-Syndroms erfolgt zunächst anhand der klinischen Auffälligkeiten durch Kinderärzte oder Neuropädiater. Besteht ein entsprechender Verdacht, wird eine molekulargenetische Untersuchung durchgeführt.

Eine ursächliche Heilung ist derzeit nicht möglich, da die genetische Veränderung nicht rückgängig gemacht werden kann. Die Behandlung konzentriert sich daher auf die einzelnen Symptome. Frühförderung, Physiotherapie, Ergotherapie und logopädische Maßnahmen spielen eine zentrale Rolle. Epileptische Anfälle oder chronische Verstopfung können medikamentös behandelt werden.6

Seit der Entdeckung der genetischen Grundlage ist eine sichere Diagnose möglich. Auch wenn das Pitt-Hopkins-Syndrom nicht heilbar ist, ermöglicht die frühe Erkennung eine gezielte Förderung und medizinische Begleitung. Für betroffene Familien bedeutet die Diagnose vor allem Klarheit – und die Möglichkeit, Unterstützung strukturiert in Anspruch zu nehmen.

Quellen

  1. DocCheck Flexikon. Pitt-Hopkins-Syndrom. (aufgerufen am 21.02.2026) ↩︎
  2. Medicover Diagnostics. Pitt-Hopkins-Syndrom (PTHS). (aufgerufen am 21.02.2026) ↩︎
  3. Mgz-muenchen. Pitt-Hopkins-Syndrom. (aufgerufen am 21.02.2026) ↩︎
  4. Pitt Hopkins Syndrom. Symptome. (aufgerufen am 21.02.2026) ↩︎
  5. Eurofins. Pitt-Hopkins-Syndrom / Pitt-Hopkins-ähnliches Syndrom 2 (PTHS/PTHS2). (aufgerufen am 21.02.2026) ↩︎
  6. Orphanet. Pitt-Hopkins-Syndrom. (aufgerufen am 21.02.2026) ↩︎

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