11. Juni 2026, 13:34 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Die meisten betrachten Marathonläufe mit einer Mischung aus Faszination und Skepsis. Hartnäckig hält sich die Sorge, dass eine solche Belastung dem Körper und insbesondere dem Herzen mehr schadet als nutzt. Eine Übersichtsarbeit, in die über 60 Studien einflossen, zeigt jetzt: Innerhalb der ersten Stunde nach dem Marathon steigen bestimmte Herz-Biomarker so stark an, wie sie sonst bei einem Herzinfarkt gemessen werden. Hinweise darauf, dass das Herz langfristig darunter leidet, fanden die Forscher nicht.
Herz-Biomarker nach dem Lauf massiv rauf – aber keine sichtbaren Schäden
Gemäß verschiedener Studien kommt es zu etwa 0,5 bis 2 Todesfällen aufgrund von plötzlichem Herztod oder eines plötzlichen akuten Herzereignisses pro 100.000 Läufern.1,2 Doch auch wenn das Risiko für den Einzelnen verschwindend klein ist, bleibt der Marathon für das Herz eine physiologische Ausnahmesituation. Die Wissenschaft sucht deshalb nach Wegen, um besser vorherzusagen, für wen die 42,195 Kilometer eine gesunde Herausforderung und für wen sie eine Überlastung darstellen.
Ein Team um Inarota Laily, die am Amsterdam University Medical Center seit Jahren die Auswirkungen des Marathonlaufs auf die Herzgesundheit von Hobbysportlern untersucht, hat nun eine umfassende Meta-Analyse durchgeführt. Das Fachmagazin „BMJ Open Sport & Exercise Medicine“ berichtet über die Ergebnisse.3 Demnach führt ein Marathon zu einem massiven Anstieg von Biomarkern, die normalerweise nichts Gutes verheißen. Sichtbare Anzeichen dafür, dass das Herz davon Schaden nimmt, fanden die Forscher indes nicht.
Wer und was wurde untersucht?
Die Wissenschaftler werteten insgesamt 69 Studien mit 3274 Teilnehmern aus. Die untersuchten Läufer waren zwischen 27 und 63 Jahre alt, zum Großteil Männer (73 Prozent), und wiesen unterschiedliche Trainingszustände oder unterschiedliche Zielzeiten beim Marathon auf. Leider wurde der genaue Trainingsstatus in vielen der ursprünglichen Studien nicht konsequent dokumentiert.
Proteinwerte teils oberhalb der klinischen Grenzwerte
Die Forscher wollten wissen, was vor und direkt nach dem Marathon im und am Herzen passiert.
- Im Blut der Teilnehmer suchten sie deshalb gezielt nach drei Substanzen, die Stress oder Schäden am Herzmuskel anzeigen. Die Proteine Troponin T (cTnT) und Troponin I (cTnI) werden normalerweise bei einer Schädigung des Herzmuskels freigesetzt. Ärzte nutzen sie, um einen Herzinfarkt zu diagnostizieren. Der Marker NT-proBNP zeigt die Dehnung und Belastung der Herzwände an.
- Der Ultraschall gab Auskunft über die Funktion der Herzklappen und darüber, wie gut die Herzkammern das Blut pumpen
- Strukturelle Verletzungen oder Entzündungen im Herzmuskelgewebe (Myokard) wurden mittels Herz-MRT aufgespürt
Die wichtigsten Ergebnisse: Troponin bis 1 Stunde nach Lauf auf Herzversagen-Niveau
Einer der wohl spektakulärsten Befunde ist, dass die drei untersuchten Biomarker (Troponin T, Troponin I und NT-proBNP) innerhalb der ersten Stunde nach dem Zieleinlauf bei allen Teilnehmern anstiegen. Diese Werte waren so hoch, dass sie die üblichen klinischen Schwellenwerte für Herzmuskelschädigungen, Durchblutungsstörungen oder sogar Herzversagen überschritten.
Stress fürs Herz beim vollen Marathon überproportional viel höher
Dass es der Marathon ist, der für das Herz eine Art „Belastungsschwelle“ darstellt, ab der bestimmte Marker überproportional steigen, wird besonders durch eine Studie von Prof. Dr. Juan Del Coso der Universität in Madrid aus dem Jahr 2018 gezeigt.4 Damals wurden Blutproben zehn Minuten nach dem Rennen entnommen. Es kam heraus, dass Troponin-Werte bereits bei 10-km-Läufen und Halbmarathons steigen. Marker für die Dehnung der Herzwände waren jedoch nur bei den Marathonläufern signifikant erhöht. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Laufen kürzerer Ausdauerrennen die Herzmuskelbelastung während des Wettkampfs reduziert“, sagte Del Coso damals. Die aktuelle Meta-Untersuchung bestätigte diesen Zusammenhang.
Keine Anzeichen für Schäden am Herzmuskel
Trotz der besorgniserregenden Blutwerte lieferten die Herz-MRT-Untersuchungen in der Meta-Analyse ein beruhigendes Ergebnis: Es gab keine sichtbaren Anzeichen für klinisch relevante strukturelle Schäden am Herzmuskel. Das bedeutet, das Herz steht zwar unter massivem Stress, scheint aber (zumindest kurzfristig) keine bleibenden Gewebeschäden davonzutragen.
Häufung von Ereignissen besonders bei Männern über 35
Die Meta-Analyse zeigt weiterhin, dass die Reaktion des Herzens massiv von Faktoren wie Alter, Geschlecht, dem konkreten Trainingsstand und natürlich der Laufzeit abhängt. Historische Daten untermauern dies: Ein Großteil der während des Sports auftretenden Herzvorfälle ereignet sich bei Marathon-Wettbewerben, wobei besonders männliche Läufer über 35 Jahre betroffen sind. Für diese Gruppe ist die Frage, ob die massiven Biomarker-Anstiege nach dem Rennen harmlose Anpassungen oder Warnsignale sind, von besonderer klinischer Bedeutung.
Hintergrund: Plötzlicher Herztod bei Sportlern.
Bei Menschen unter 35 Jahren gehören laut Herzstiftung Erkrankungen des Herzmuskels, der Herzklappen, der Hauptschlagader (Aorta) sowie der Herzkranzgefäße zu den möglichen Auslösern. In Ruhe führen diese Erkrankungen meist zu keinen Beschwerden. Belasten Sportler ihren Körper stark, kann es zu gefährlichen Herzrhythmusstörungen mit Todesfolge kommen. Bei Sportlern ab 35 Jahren ist mit etwa 80 Prozent die koronare Herzkrankheit die häufigste Ursache eines plötzlichen Herztods.5
Die Performance
Zusätzlich zu Alter und Geschlecht hängen die Biomarker-Veränderungen und Herzfunktionen direkt von der erbrachten Laufzeit ab. Wer schneller läuft oder sich näher an seiner persönlichen Belastungsgrenze bewegt, provoziert stärkere Ausschläge der Herzwerte im Blut.
Höherer Trainingsumfang schützt nicht vor „Marathon-Effekt“
Interessanterweise schützte selbst das höhere Trainingspensum der Marathonis nicht vor dem massiven Anstieg der Stressmarker – der Marathon bleibt für das Herz eine Belastungssituation, die sich nicht einfach durch mehr Kilometer neutralisieren lässt. Ein Beispiel liefert die 2018er-Studie. Die Teilnehmer der Marathon-Gruppe hatten dort mit ca. 41 km/Woche zwar deutlich mehr trainiert als die 10-km-Läufer (ca. 24 km/Woche). Dennoch waren bestimmte Stressmarker nur bei den Marathonläufern signifikant erhöht.
Ein Marathon kann für Untrainierte gefährlich sein
Der fatale Effekt von intensivem Training bei Schlafmangel aufs Herz
Einschränkungen
Die Forscher merkten an, dass Frauen in der aktuellen Datenlage unterrepräsentiert sind und ihre Herzen möglicherweise anders auf die Belastung bei Marathonläufen reagieren könnten. In der aktuellen Datenlage ist das nicht abgebildet. Ein entscheidender Faktor für die Herzbelastung ist das vorangegangene Training. In vielen der 69 analysierten Studien wurde der Trainingsstatus der Teilnehmer nicht konsistent erfasst, was einen präzisen Vergleich erschwert. Viele der in die Meta-Analyse einbezogenen Einzelstudien wiesen ein hohes Risiko für Verzerrungen auf. Das drückt auf die methodische Qualität der Forschung. Die Meta-Analyse zeigt zwar, dass Marker innerhalb der ersten Stunde ansteigen, es fehlen jedoch oft detaillierte Verlaufsdaten über längere Zeiträume nach der Belastung, um die vollständige Normalisierung zu dokumentieren. Zuletzt muss erwähnt werden, dass die Studien bisher nicht vorhersagen können, welchen besonders anfälligen Personen durch die Teilnahme an extremen Ausdauerevents tatsächlich krankhafte Folgen drohen könnten.
Fazit
Ein Marathon versetzt das Herz physiologisch in einen Zustand, der im Krankenhaus Alarm auslösen würde, aber die modernen bildgebenden Verfahren zeigen, dass das Organ diese „Sturmphase“ meist ohne sichtbare strukturelle Blessuren übersteht. Insgesamt ist bei einem Mann über 35 Jahren, der trotz gutem Training einen Marathon läuft, mit höheren Stresswerten und deutlicheren (wenn auch überwiegend harmlosen) Veränderungen der Pumpfunktion zu rechnen als bei jüngeren Läufern oder auf kürzeren Distanzen.
Die große Preisfrage bleibt jedoch, ob häufige Wiederholungen über Jahre hinweg doch zu krankhaften Veränderungen führen können. Die Wissenschaftler wünschen sich daher besser konzipierte Langzeitstudien mit diverseren Teilnehmergruppen, um die tatsächlichen gesundheitlichen Auswirkungen des Marathonlaufens abschließend bewerten zu können.