1. April 2026, 18:21 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Viele Menschen fürchten sich davor, im Alter an Demenz zu erkranken. Deshalb suchen Forscher intensiv nach Möglichkeiten, wie wir uns davor schützen können. Eine neue Studie liefert Hinweise darauf, dass eine einfache tägliche Gewohnheit das Demenzrisiko deutlich senken könnte. Die Details verrät FITBOOK. Außerdem: die Einschätzung des Präsidenten der Deutschen Hirnstiftung.
Aufgrund der immer älter werdenden Gesellschaft steigt auch die Zahl der Demenzneuerkrankungen in Deutschland.1 Derzeit erhalten jährlich rund 400.000 Deutsche die Diagnose Demenz. Japanische Forscher haben nun herausgefunden, dass eine einfache tägliche Routine dabei helfen kann, der neurologischen Erkrankung vorzubeugen. In einer Studie mit rund 11.000 Teilnehmern zeigte sich, dass regelmäßiges Kochen das Demenzrisiko im Alter möglicherweise deutlich senken kann.2
So lief die Studie ab
Japanische Forscher der Gesundheitseinrichtung am Institut für Forschung in Tokio haben die Gesundheitsdaten von 10.978 Erwachsenen ausgewertet. Alle Teilnehmer waren mindestens 65 Jahre alt und nahmen bereits an einer übergeordneten Studie namens „Japan Gerontological Evaluation Study“ teil. Die Stichprobe für die vorliegende Studie umfasste nur Teilnehmer, die im Alltag keine Hilfe und Unterstützung beim Gehen, Baden und Toilettengang erhielten.
Die rekrutierten Studienteilnehmer hatten zu Studienbeginn Fragebögen zu ihrem Kochverhalten ausgefüllt. Dazu zählten Fragen zur Häufigkeit des Kochens zu Hause und dazu, über welche Kochkenntnisse sie verfügten. Sie mussten auch detaillierte Fragen beantworten, beispielsweise dazu, ob sie Obst und Gemüse schälen, Fisch grillen, Eier kochen oder bestimmte Standardgerichte wie Pfannengerichte oder Eintöpfe zubereiten können. Es wurde nicht nur die Häufigkeit des Selbstkochens bei Männern und Frauen ermittelt, sondern auch mit demografischen, sozioökonomischen und gesundheitlichen Faktoren in Zusammenhang gebracht. Anschließend beobachtete man den Gesundheitszustand, der Teilnehmer über einen Zeitraum von sechs Jahren. Hier stand vor allem das Kochen als Einflussfaktor auf das Demenzrisiko im Fokus.
Warum haben sich die Forscher auf das Kochen konzentriert?
Doch warum haben die Forscher speziell das Kochen bei älteren Menschen untersucht? Darauf gab die Hauptautorin Dr. Yukako Tani dem Gesundheitsportal „Medical News Today“ folgende Antwort: „Wir haben uns auf das Kochen zu Hause konzentriert, da der 2020 Lancet Commission report feststellte, dass rund 40 Prozent der Demenzfälle durch eine Änderung von Lebensstilfaktoren wie Ernährung und körperlicher Aktivität verhindert werden könnten.“3
Es ist bereits erwiesen, dass das Kochen zu Hause zu gesünderen Essgewohnheiten führt, da mehr Obst und Gemüse und weniger hochverarbeitete Lebensmittel verzehrt werden. Was wir jedoch oftmals unterschätzen, ist die Komplexität des Kochens und alles, was dazugehört. So bewegen wir uns beispielsweise mehr, weil wir Zutaten einkaufen und diese zubereiten müssen. Laut Dr. Tani ist das Zubereiten von Mahlzeiten eine wichtige Bewegungsquelle für ältere Erwachsene nach dem Eintritt in den Ruhestand.
Wie sich das Kochen auf das Demenzrisiko auswirkt
Doch welchen Zusammenhang gibt es zwischen Kochen und Demenzrisiko? Die Auswertung der Daten ergab, dass das häufige Zubereiten von selbst gekochten Mahlzeiten zu Hause bei männlichen Teilnehmern mit einem um 23 Prozent, bei weiblichen Teilnehmern sogar mit einem um 27 Prozent geringeren Demenzrisiko verbunden war. Besonders stark war der positive Einfluss bei Menschen, die über keine großen Kochkünste verfügten. Studienteilnehmer mit geringen Kochkenntnissen, die aber mindestens einmal wöchentlich zu Hause kochten, hatten ein um 67 Prozent geringeres Demenzrisiko als die Vergleichsgruppe, die selten kochte.
„Dieses Ergebnis ist besonders interessant, da es darauf hindeutet, dass das Kochen an sich kognitive Anregungen und Lernmöglichkeiten bieten kann, die sich positiv auf die Gesundheit des Gehirns auswirken“, erklärte Dr. Yukako Tani bei „Medical News Today“. Vor allem für Kochanfänger und wenig erfahrene Köche sei das Zubereiten von Mahlzeiten eine kognitiv neuartige und anregende Tätigkeit. Deswegen werde hierbei das Gehirn womöglich stärker stimuliert als bei erfahrenen Köchen, erläutert die Forscherin.
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Einschränkungen der Studie und Experteneinschätzung
Auch unser Experte Prof. Dr. Frank Erbguth, Universitätsprofessor für Neurologie an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Nürnberg und Präsident der Deutschen Hirnstiftung bestätigt die kognitive Herausforderung des Kochens: „Grundsätzlich lässt sich das Ergebnis damit erklären, dass das Kochen selbst einige Fähigkeiten erfordert, wie Planen, Erinnern, Fokussieren, Multitasking und Problemlösen, wenn etwas nicht wie geplant klappt.“ Er gibt jedoch zu bedenken, dass sich dadurch nicht die Ursachen der Demenz verringern, sondern die „kognitive Reserve“ – quasi ein Puffer –, die es einem länger ermöglicht, ohne Beeinträchtigung kognitiv leistungsfähig zu bleiben.
Zudem gibt es eine große Einschränkung: „Die Studie ist kein ausreichender Beleg für die These, dass Kochen vor Demenz schützt“, sagt Prof. Dr. Erbguth. Er weist darauf hin, dass auch hier ein typisches wissenschaftliches Problem von Kohortenstudien vorhanden ist: „Man stellt ein Merkmal – hier das Selbstkochen – heraus und misst den Zusammenhang zu einer anderen Variablen, in diesem Fall Demenz. Allerdings sind Personen, die selbst kochen, andere Personengruppen mit anderen Eigenschaften als Personen, die niemals oder selten kochen.“ Die Personen, die selbst kochen, ernähren sich womöglich gesünder, sind vielleicht von Natur aus neugieriger, geistig und körperlich aktiver sowie in anderen Bereichen engagierter. Vielleicht sind sie auch sozialer als Menschen, die nicht gern kochen. All das sind Einzelfaktoren, die mit einem geringeren Demenzrisiko einhergehen können. Deswegen kann man nicht einfach den Schluss ziehen: „Wer selbst viel kocht, verhindert, an Demenz zu erkranken.“ Dazu bräuchte es eine Interventionsstudie, wie der Neurologe erklärt.
Das rät der Experte
Prof. Dr. Frank Erbguth zweifelt die positive Auswirkung des Kochens auf die kognitive Stimulation zwar nicht an. Allein reiche diese Gewohnheit aber nicht aus, um das Demenzrisiko zu senken und die kognitive Reserve zu stärken. Laut ihm kommt es auf die Kombination verschiedener Lebensstilfaktoren an, die man im Alltag umsetzt. Er rät zu den folgenden wirksamen aktiven Strategien:
- Bewegung
- gesunde Ernährung
- geistige Aktivität (vom Lesen und Diskutieren bis Sudoku ist alles möglich)
- Soziale Einbindung, Kontakte pflegen
- guter, ausreichender Schlaf
- Vermeidung von Risikofaktoren wie Rauchen, Übergewicht usw.