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Forscher decken auf

Junggebliebenes Immunsystem im Alter kann offenbar schaden

Mann mit jung gebliebenem Immunsystem
Ein junggebliebenes Immunsystem im Alter ist laut neuer Studie nicht unbedingt von Vorteil Foto: Getty Images
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18. August 2025, 14:02 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Abwehrkräfte, die auch im höheren Alter noch so arbeiten wie in jungen Jahren, gelten als erstrebenswert. Doch wie eine aktuelle Studie zeigt, kann ein junggebliebenes Immunsystem im Alter zugleich Schaden anrichten.

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Als Teil des natürlichen Alterungsprozesses wird auch das menschliche Immunsystem mit den Jahren schwächer.1 Ein Grund für die höhere Infektanfälligkeit im Alter ist, dass zunehmend weniger neue T-Zellen nachgebildet werden, da der Thymus – das Reifungsorgan für T-Zellen – schrumpft. T-Zellen erkennen und zerstören schädliche Zellen im Körper und aktivieren andere Teile des Immunsystems. Weil das Immunsystem im Alter schwächer wird, scheinen daher Menschen mit einem aktiv gebliebenen Immunsystem im Vorteil zu sein. Aber: Genau diese vermeintliche Immunjugendlichkeit kann offenbar auch schädlich sein.

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Details zur Untersuchung

Ein Forscherteam der US-amerikanischen Mayo Clinic hat nach Auswertung von Gesundheitsakten von rund 22 Millionen Personen festgestellt, dass viele Autoimmunerkrankungen erst im höheren Alter auftreten. Gleichzeitig weiß man, dass die allgemeine Immunabwehr mit zunehmendem Alter schwächer wird.2 Aus diesem Paradoxon folgerten die Forscher, dass das Immunsystem im höheren Alter nicht bloß noch aktiv ist, sondern mitunter möglicherweise zu aktiv. Bei Autoimmunerkrankungen liegt bekanntlich eine Fehlfunktion des Immunsystems vor, die dazu führt, dass der Körper eigenes Gewebe angreift.

Forscher fanden Immunzellen in erkranktem Gewebe von Riesenzellarteriitis-Patienten

Im nächsten Schritt untersuchten die Wissenschaftler Aortenabschnitte von mehr als 100 Patienten über 50 Jahre, die aufgrund einer Erkrankung an Riesenzellarteriitis an der US-amerikanischen Mayo Clinic in Behandlung sind. Es handelt sich hierbei um eine seltenere, entzündliche Autoimmunerkrankung der großen und mittleren Arterien, wobei meist vor allem die Schädelarterien und Aorta befallen sind. Die Mayo Clinic ist weltweit für ihre Expertise im Bereich komplexer Erkrankungen bekannt, darunter auch Riesenzellarteriitis (auf Englisch: Giant Cell Arteritis, GCA).3

Die Forscher stellten im erkrankten Gewebe der Patienten ein vermehrtes Vorkommen spezialisierter Immunzellen, sogenannter stammzellähnlicher T-Zellen, fest. Zur Erinnerung: Die bereits erwähnten T-Zellen sind normalerweise als Teil des Immunsystems für die Bekämpfung von Infektionen verantwortlich. Diese speziellen T-Zellen verhalten sich ähnlich wie T-Zellen in jungen Organismen, denn sie können sich selbst erneuern und immer wieder neue Abwehrzellen produzieren. Bei einer vorhandenen Riesenzellarteriitis scheint dieser vermeintlich günstige Effekt jedoch fehlgeleitet. Anstatt den Körper vor Eindringlingen zu schützen, liefern diese Zellen kontinuierlich neue T-Zellen, die die Blutgefäße der Betroffenen angreifen. Ihre Leistungsfähigkeit richtet entsprechend erheblichen Schaden an.

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Wie junggebliebenes Immunsystem eigene Zellen angreift

Mit zunehmendem Alter sammeln sich im Körper immer mehr neue, ungewöhnliche Eiweißformen an, schreiben die Studienautoren: sogenannte Neoantigene. Das Immunsystem hat bisher keine Toleranz gegenüber diesen Eiweißen entwickelt. „Dies dürfte zwangsläufig zu einer Zunahme von Autoimmunerkrankungen im Alter führen“, heißt es da weiter. Normalerweise verhindert das Immunsystem, dass jene Neoantigene eigene Zellen angreifen. Mit zunehmendem Alter können diese Kontrollmechanismen jedoch gestört sein – eine mögliche Erklärung dafür, warum Autoimmunerkrankungen im Alter häufiger auftreten.

Die Ergebnisse der Studie legen also nahe, dass Autoimmunerkrankungen im Alter nicht allein eine Folge schwächerer Abwehrkräfte sind. Zusammenfassend scheint eine Kombination aus „junggebliebenen“ T-Zellen und einer steigenden Zahl neuer Antigene dazu zu führen, dass das Immunsystem im Alter manche Entzündungen nicht mehr stoppen kann. Ein Teil des Immunsystems bleibt sozusagen zu leistungsfähig, und genau dies kann für den alternden Körper schädlich sein.

Bedeutung der Studie und Einschränkungen

Die Beobachtungen könnten sich für die medizinische Praxis als neue Perspektiven erweisen – zumindest, wenn sich die Erkenntnisse in weiterführenden Studien belegen lassen. Das Forscherteam plant, diagnostische Tests zu entwickeln, mit deren Hilfe bei noch gesunden Personen auf Basis einer hohen Anzahl an Immunstammzellen möglicherweise später im Leben auftretende Autoimmunerkrankungen vorhergesagt werden können. Für Studienautor Dr. Jörg Goronzy sind die Ergebnisse bereits jetzt auch für die allgemeine Wahrnehmung von Bedeutung. „Entgegen der landläufigen Meinung hat ein mit dem Körper alterndes Immunsystem durchaus Vorteile”, erklärt er in einer Pressemitteilung.4 Denn demnach kann eine moderate Alterung des Immunsystems schützen, da sie die Reaktion auf die eigenen Zellen dämpft.

Man sollte einschränkend erwähnen, dass die Untersuchung sich auf vorhandene Studien stützt. Es wurden keine neuen Experimente durchgeführt, sondern bestehende Daten interpretiert. Das kann die Belastbarkeit der Ergebnisse ein wenig einschränken. Zudem wurde ausschließlich Gewebe von Riesenzellarteriitis-Patienten ausgewertet. Ob sich die Beobachtungen auf andere Autoimmunerkrankungen übertragen lassen, bleibt offen –ebenso, wie sich die speziellen, stammzellähnlichen T-Zellen, die für die Gewebereparatur von Vorteil sind, von solchen unterscheiden, die bei älteren Patienten zur Autoimmunpathologie beitragen. FITBOOK hat sich mit diesen und weiteren Fragen an die Autoren gewandt. Eine Rückmeldung steht noch aus.

Quellen

  1. MSD Manual: Auswirkungen des Älterwerdens auf das Immunsystem (aufgerufen am 18.8.2025) ↩︎
  2. Weyand, C., Goronzy, J. (2025) Sustained immune youth risks autoimmune. Nature Aging. ↩︎
  3. Mayo Clinic: Giant cell arteritis (aufgerufen am 18.8.2025) ↩︎
  4. Mayo Clinic: „Mayo Clinic researchers discover the immune system’s ‘fountain of youth’“ (aufgerufen am 18.8.2025) ↩︎

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