29. September 2025, 12:47 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Herzinfarkt bei jüngeren Menschen? Für viele undenkbar – doch genau das passiert, und oft steckt mehr dahinter als verkalkte Arterien. Eine Studie mit hohen wissenschaftlichen Standards zeigt: Gerade bei Frauen unter 65 Jahren spielen andere, weniger bekannte Ursachen eine zentrale Rolle. Sie werden häufig übersehen.
Jetzt dem FITBOOK-Kanal bei Whatsapp folgen!
Frauen erleiden Herzinfarkte seltener als Männer durch verstopfte Gefäße
Herz-Kreislauf-Spezialisten der weltweit renommierten Mayo-Klinik haben 1.474 echte Herzinfarkte bei Menschen von 65 Jahren und jünger untersucht, die zwischen 2003 und 2018 in Olmsted County (Minnesota, USA) diagnostiziert worden sind.1 Ziel der Mediziner um Claire E. Raphael, Yader Sandoval und Joel D. Beachey war es, die einzelnen Herzinfarkte einer eindeutigen Hauptursache zuzuordnen. Die Forscher waren überzeugt, dass Ursachen jenseits des Klassikers Arterienverkalkung bisher völlig unterschätzt wurden – ganz besonders jene Herzinfarkt-Ursachen von Frauen.
Was sie herausfanden, überraschte die Forscher einerseits nicht – und andererseits sehr: So stellte sich heraus, dass Arterienverkalkung (Atherothrombose) als Risikofaktor für 75 Prozent der Herzinfarkte bei Männern verantwortlich war. Bei den Frauen war die Arterienverkalkung für weniger als die Hälfte (47 Prozent) der Herzinfarkte ursächlich.
Kardiologin Claire Raphael erklärte in einer Pressemitteilung der Majo-Klinik: „Diese Forschung wirft ein Schlaglicht auf die Ursachen von Herzinfarkten, die bisher, insbesondere bei Frauen, unterschätzt wurden.“ Werde die Grundursache eines Herzinfarkts missverstanden, „kann dies zu weniger wirksamen Behandlungen führen – oder sogar schädlichen“, so Raphael.2
Machen Sie mit bei unserer Umfrage!
Unterschätzte Herzinfarkt-Ursachen jenseits der Arterienverkalkung
Die Forschenden fanden heraus, dass zu den weiteren Faktoren, die maßgeblich zu Herzinfarkten beitragen, folgende zählen:
- spontane Einrisse in der Arterienwand, bei denen sich in den Rissen Blut ansammelt (Spontane Koronardissektionen, kurz: SCADs genannt)
- Embolien – also Blutgerinnsel aus anderen Körperregionen, welche in die Herzkranzgefäße eingeschwemmt werden
- der Vasospasmuns – die krampfartige, plötzliche Verengung eines Blutgefäßes sowie
- Herzinfarkte durch Sauerstoffmangel ohne Gefäßverengung (der Fachbegriff dafür lautet Secondary Supply-Demand Mismatch Infarkt, kurz: SSDMs)
Außerdem waren unter den untersuchten Herzinfarkten auch solche ohne relevante Gefäßverengung und unklare Ursache (der Fachbegriff lautet MINOCA-U).
Besonders alarmierend: Die Mediziner wiesen nach, dass viele spontane Einrisse in der Herzarterie (SCADs) zunächst fälschlicherweise einer Arterienverkalkung (Atherothrombose) zugeschrieben wurden (55 Prozent). Und zwar insbesondere bei Frauen.
Auch interessant: Warum Herzinfarkte morgens häufiger tödlich enden als zu einer späteren Tageszeit
SCAD, SSDM, MINOCA & Co. – die andere Seite des Herzinfarkts
Bei den untersuchten Frauen mit Herzinfarkt war ein SCAD fast sechsmal häufiger Hauptursache des Ereignisses als bei Männern. SSDMs waren bei Frauen doppelt so häufig Ursache als bei Männern. Vasospasmus, Embolien und Herzinfarkte ohne klare Ursache und ohne relevante Gefäßverengung (MINOCA-U) traten bei Frauen ebenfalls häufiger auf als bei Männern.
Diese Erkenntnisse sind erschreckend. Warum? Ein spontaner Einriss in der Herzarterie muss anders behandelt werden als eine Arterienverkalkung. Diagnostizieren Ärzte die Ursache eines Herzinfarkts falsch, verfolgen sie logischerweise auch bei der Prävention des nächsten Infarkts den falschen Ansatz.
Das Team der Majo-Klinik fordert deshalb dringend, „den Umgang mit Herzinfarkten bei dieser Patientengruppe und insbesondere bei jüngeren Frauen zu überdenken“, sagt der Kardiologe Rajiv Gulati in der Mitteilung der Klinik. Ärzte müssten ihr Bewusstsein für Erkrankungen wie SCAD, Embolien und stressbedingte Auslöser schärfen, so Gulati. Auch an Patienten richtet er einen Appell: Sie sollten sich um Antworten bemühen, „wenn sich etwas nicht richtig anfühlt“.
Herzinfarkt vorbeugen: Diese Blutwerte sind entscheidend
„Herzerkrankungen und vor allen Dingen die Durchblutungsstörungen des Herzens oder der Herzinfarkt sind keine typische Altmännererkrankung“, sagt Dr. med. Christopher Schneeweis, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie. Sein Rat: Jeder Gesunde sollte frühzeitig kontrollieren lassen:
* Habe ich erhöhte Cholesterinwerte oder eine Prädisposition dafür? (hohe ApoB-100-, LDL-Cholesterinwerte)
* Ist meine Lipoprotein(a)-Wert erhöht?
* Habe ich Ereignisse in der Familie, die frühzeitig eingetreten sind?
Vittorio Pirbazari starb im Gym! Warum trainierte Männer einen Herzinfarkt bekommen können
Die unterschiedlichen Anzeichen eines Herzinfarkts bei Frauen und Männern
Was die Ergebnisse der Studie für Frauen bedeutet
Die Studie macht deutlich: Herzinfarkt ist bei unter 65-Jährigen nicht gleich Herzinfarkt – und das gilt besonders für Frauen. Während bei Männern meist die klassische Arterienverkalkung verantwortlich ist, die durch die Ablagerung von Fett, Kalk und Bindegewebe entsteht und im schlimmsten Fall zur vollständigen Verstopfung führt, sind es bei Frauen oft andere, weniger bekannte Mechanismen: z. B. spontane Einrisse in der Herzarterie, Vasospasmus, Embolien, Herzinfarkte durch Sauerstoffmangel ohne Gefäßverengung.
Was bedeutet das für Frauen? Ein atypisches EKG oder nur leicht erhöhte Troponinwerte sollten nicht vorschnell als harmlos abgetan werden. Und: Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Diabetes waren bei Frauen mit Arterienverkalkung sogar ausgeprägter als bei Männern.
Fazit
Nicht jeder Herzinfarkt ist durch verkalkte Gefäße bedingt. Ganz besonders nicht solche von Frauen. Spontane Arterienrisse, Gefäßkrämpfe oder Sauerstoffmangel-Situationen spielen eine zentrale Rolle, gerade bei weiblichen Patienten. Diese Erkenntnisse sollten in Leitlinien, Ausbildung und klinische Praxis einfließen, denn sie haben tiefgreifende Auswirkungen auf Diagnostik, Therapie und Nachsorge. Eine differenzierte Diagnostik kann schließlich Leben retten – und die Langzeitprognose verbessern.